Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Reportage Nutrias erobern Celler Schlosspark
Mehr Reportage Nutrias erobern Celler Schlosspark
18:01 07.06.2017
Von Dagny Siebke
Celle Stadt

Inzwischen sind die Nager-Mama und ihre Jungtiere sehr zutraulich. Sie posieren eifrig mit ihren markanten orangegelben Zähnen, ihren leuchtend weißen Tasthaaren und ihrem dünnen Rattenschwanz vor den Smartphones der Besuchertrauben. Doch für ihren Auftritt sollten die Celler die Tiere nicht mit Leckereien belohnen: „Sie zu füttern, ist das Schlimmste, was man machen kann“, warnt Kreisjägermeister Hans Knoop. So würden die tierischen Stammgäste immer träger. Aufgrund des vielen Futters könnten die Wasserflächen in den Parkanlagen umkippen und so alle Fische darin sterben. Zudem seien die Nutrias nicht so harmlos, wie sie wirken. „Wenn eine Nutria zubeißt, ist der Finger ab“, betont Knoop. Zudem übertragen die Nager Krankheiten – auch durch Urin und Kot – weswegen sich auch Hunde von den Biberratten fernhalten sollten.

Mit ihrem scharfen Gebiss unterhöhlen Nutrias mit ihren Bauen landwirtschaftliche Flächen, zerstören Dämme und Deiche. Für die Schadensbeseitigung mussten im vergangenen Jahr im Landkreis rund 180.000 Euro aufgebracht werden. Doch Knoop sieht nicht nur Ufergehölze in Gefahr, sondern auch die über viele Jahrzehnte mühsam gewachsenen und seltenen Bäume und Sträucher, deren Borke angenagt werde. „Sicher wollen die Parkbesucher nicht, dass die Bäume in Drahthosen eingezäunt werden müssen“, erläutert Knoop.

Nutrias sind Neozoen. Das heißt, sie sind ursprünglich nicht in Celle beheimatet, sondern eigentlich in Südamerika. Doch wandern die Tiere jetzt nach und nach aus Ostdeutschland ein. Denn dort wurden die Nutrias auf Pelzfarmen gehalten. Heute werden sie nicht mehr verarbeitet, doch einige Tiere gelangten damals in die Freiheit und vermehren sich seitdem kräftig.

„Wir schätzen aktuell, dass bis zu 15 Nutrias im Schloss-, Stadt und im Magnusgraben aktiv sind“, sagt Stadtsprecherin Myriam Meißner. „Im Französischen Garten haben die Tierchen zum Jahresbeginn einige Fraßschäden hinterlassen. Wir beobachten die – zugegeben niedlich anzuschauenden – Nager und werden gegebenenfalls bei vermehrten Schädigungen oder zu hoher Population „Fallenjäger“ beauftragen. Diese fangen die Tiere lebend ein – selbstverständlich unter Beachtung naturschutzrechtlicher Vorschriften. So wurde bereits in der Vergangenheit verfahren. Aktuell dürfen sie allerdings nicht bejagt werden, da wir uns in der Brut- und Setzzeit befinden.“

Doch nach Ansicht von Kreisjägermeister Knoop handelt die Stadtverwaltung nicht entschieden genug. Er befürchtet, dass die Tiere sich rasch vermehren: „Mindestens dreimal im Jahr werfen die Nutrias Junge. Wir sprechen bei jedem Wurf von sieben bis elf Jungtieren. Nach nur sechs Monaten sind die Tiere geschlechtsreif“, so Knoop. Experten schätzen, dass aus einem Nutriapaar innerhalb von drei Jahren Tausende Tiere werden können. Im gesamten Landkreis leben inzwischen schätzungsweise 2000 bis 5000 Nutrias. In allen Gewässertypen, sogar in Kläranlagen, wurden sie schon gesehen. Um die Population in Grenzen zu halten, lobte der Landkreis für Jäger eine „Schwanzprämie“ in Höhe von sechs Euro pro erlegtem Nutria aus.

Jägermeister Knoop habe bereits ein zwölf Kilogramm schweres Tier erlegt. Um die Nutrias im Stadtgebiet in Schach zu halten, plädiert er für den umstrittenen Einsatz von Fallen. Würden die Tiere mit der Waffe bejagt, verhielten sie sich noch heimlicher, erklärt Knoop. Tierschützer kritisieren, dass diese Art der Jagd brutal sei. Bei vielen Unfällen seien Haustiere in die Falle geraten.

Knoop betont: Die Nutrias einfach nur zu verscheuchen, bringe nicht viel, da die Tiere „dreist und dickfellig“ seien, da sie hier keine natürlichen Feinde fürchten müssen.