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Reportage Ohne Hunde geht gar nichts
Mehr Reportage Ohne Hunde geht gar nichts
16:00 04.09.2013
Bei der Begegnung im Straßenverkehr bleibt der Hund zwischen dem Auto und der Herde. Quelle: Udo Genth
Faßberg

Es ist ein schöner klarer sommerlicher Sonnabendmorgen. Volker Benz, der Vorsitzende Ortsgruppe Faßberg des Vereins für Deutsche Schäferhunde, repräsentiert den Veranstalter des „Landesleistungshütens“ in Dreilingen nördlich von Unterlüß. Hier zeigen Hunde und Herrchen, was sie drauf haben. „Das Landesausscheidungshüten findet alle drei Jahre statt“, erläutert Benz.

In seinem Grußwort betont Christian Meyer, Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dass ein solches Landesleistungshüten den direkten Bezug zur Arbeit der Schäfer hat. „Das Leistungshüten orientiert sich eng an den täglichen Aufgaben, die an Hütehunde gestellt werden“, führt der Minister aus und richtet damit den Blick auf die Hunde, deren Leistung hier den Ausschlag geben über Sieg und Platzierungen. Interessanterweise sind hier nicht nur die allseits bekannten „Deutschen Schäferhunde“ vertreten, vielmehr kommen daneben auch andere Rassen zum Einsatz. Das sind die Gelbbacke, Schafpudel, Altdeutsche und Mitteldeutsche Füchse. Sie alle sind wahrscheinlich schon seit vielen Jahrhunderten dem Menschen beim Hüten seiner Herden behilflich.

In einem Pferch stehen rund 300 Schnucken. Sie bilden die Herde, die es im Verlaufe des Wettbewerbes zu hüten gilt. Unter den Schnucken sind einige Ziegen auszumachen. Das sei in vielen Herden der Fall, heißt es, weil die Ziegen nicht nur gut mit den Schnucken vertragen, sondern anders fressen. Sie verbeißen mehr die in der Heide unerwünschte Baum- und Busch-Schösslinge, ist zu hören. Zudem fräßen die Ziegen höher ab, da sie anders als Schnucken leicht und wohl gern sich öfter aufrichten und sogar klettern, fügt Carl W. Kuhlmann, der Vorsitzende des Verbandes Lüneburger Heidschnucken Züchter hinzu. Beide Tierarten vertragen sich gut miteinander.

Sieben Schäfer, darunter zwei Schäferinnen, stellen sich dem Wettbewerb. Die meisten tragen die traditionelle Schäfertracht, die eine Wams zeigt, an dem 48 Perlmutt-Knöpfe angebracht sind. „36 große und zwölf kleine Knöpfe am Kragen“, sagt Thilo Fleischer. Die großen Knöpfe stehen symbolisch für die 36 Wochen, die in der freien Natur gehütet werden, die anderen symbolisieren die Stallwochen der Tiere. Diese Aussage ist nicht ganz unumstritten, es gibt ebenso andere Erklärungen und Schäfer, die 52 Knöpfe tragen. Diese Anzahl steht für die Wochen des Jahres, in denen sich der Schäfer ständig um seien ihm anvertrauten Tiere kümmert. Allen ist jedoch der Hütestab gemeinsam. Die ist etwas unterschiedlich in Holzbeschaffenheit und Länge, hat aber in jedem Fall unten eine kleine Schippe mit einem Haken. Der Haken dienst dazu, die Tiere an einem Bein erfassen zu können. Mit der Schippe wird Sand geworfen. Das sei eine einfache Art, die Tiere in die Schranken zu weisen, wenn der Hütehund gerade nicht zur Stelle ist.

Es geht los. Mit Nancy Deneke beginnt eine Schäferin, die gewissermaßen eine „Heimvorteil“ genießt, denn die hier als Wettbewerbsobjekt stehende Herde wird von ihr seit sechs Jahren betreut. Dieser mögliche Vorteil wird durch den Umstand kompensiert, dass die junge Tierwirtin mit nur einem Hund über den Parcours geht. Das geht durchaus, bleibt jedoch die Ausnahme, denn generell wird mit zwei Hunden gehütet. Einer ist der Haupthund, der in der Regel älter und erfahrenerer ist. Er ist auf der vom Schäfer abgewandten Seite der Herde zu finden und arbeitet relativ selbständig. Der zweite Hund wird Beihund genannt. Er ist meist jünger und stets in der Nähe des Schäfers. Er arbeitet mehr nach Kommandos. Beihund zu sein ist ein normale Abschnitt in der Ausbildung.

Deneke begibt sich mit der Herde, die sie mit ihrem Hund aus dem Pferch geholt hat, auf den markierten Bereich. Unterwegs sind sieben Aufgaben zu erledigen, die gesondert bewertet werden. Das sind das Auspferchen, das Treiben über ein „weites Gehüt“, wobei die Schnucken in Ruhe fressen können und die Hunde die Außenseiten bewachen. Dann gibt es noch das „enge Gehüt“ von einem halben Hektar Größe, auf dem die Herde zusammengehalten werden muss. Diese Aufgabe stellt besondere Anforderungen an die Hunde, denn die Fläche ist sehr eng und schmal. Dann überqueren die Schnucken eine „Brücke“, die durch zwei Begrenzungen dargestellt wird. Da sollen die Hunde verhindern, dass Tiere seitlich vorbeilaufen.

Das alles ist mit einem Hund nur schwer zu bewältigen. Deneke bemüht sich redlich, gibt Anweisungen, der Hund folgt - alles sieht gut aus. Viele Zuschauer gehen hinter der Herde her, in sicherem Abstand geführt von Volker Benz. Er passt auf, dass niemand die Herde stört und gibt Erläuterungen. Dichter an den zu prüfenden Hunden sind die drei Preisrichter, die sich eifrig Notizen machen. Etwas abseits laufen einige Mit-Wettbewerber. Sie beobachten ihre Konkurrenten mindestens ebenso genau wie die Preisrichter, geben untereinander halblaut Kommentare. „Natürlich kann man mit nur einem Hund hüten“, stellt ein Schäfer heraus, „aber…“. Er lässt den Satz unvollendet, aber dem fast unmerklichen Nicken der anderen Kandidaten ist zu entnehmen, dass eben zwei Hunde besser sind. Das zeigt sich nach einer knappen Stunde, als der zweite Schäfer das Können seiner beiden Hunde bewerten lässt. Gekonnt sichert der Haupthund die Seite, indem er die Furche als Begrenzung auf- und abtrabt, stets die Herde im Blick. Der Beihund bekommt seine Anweisungen sparsam und in ruhigem Ton von seinem Herrn.

Ein weiterer Wettbewerber bringt gleich etwas Neues: um die Schnucken und Ziegen aus dem Pferch zu treiben, springt einer seiner Hunde über den Pferchzaun und die erschreckte Herde beeilt sich, die Umzäunung zu verlassen. Dieser Sprung wird gelegentlich angewendet, er ist nicht bei allen Schäfern beliebt. Immerhin zeigt er Wirkung, denn der Pferch leert sich in Windeseile.

Einer Der nachfolgenden Schäfer ist offenbar nervös. Er gibt lautstark viele Kommandos, die über das Gelände hallen. Die beiden Hunde hetzen hin- und her. „Ein ruhiger Schäfer ist ein leiser Schäfer“ ist aus dem Kreis der Offiziellen zu hören. Damit ist gemeint, dass sich das nervöse Verhalten des Schäfers auf seine Hunde überträgt, was keineswegs zur Leistungssteigerung führt.

Bewertet werden die Hunde nach den Kriterien Gehorsam, Fleiß, Selbständigkeit und Griff. Damit ist gemeint, wie sich der Hund bei den Herdentieren Respekt verschafft. Dabei darf er Nacken-, Rippen- und Keulengriffe einsetzen. Damit ist gemeint, dass der Hund in die Regionen der aufmüpfigen Schafe zwicken darf - keinesfalls beißen.

Nach längerer Beratung sind die Richter zu überein stimmenden Beurteilungen gekommen, die sie nun vor den rund 150 Zuschauern verkünden. Der mögliche Heimvorteil hatte Nancy Deneke nicht geholfen. Sieger wurde ihr Chef, Schäfermeister Gerd Jahnke aus Eimke, der schon zweimal Bundessieger war. Er wird den Landesverband Niedersachsen im September beim Bundeswettbewerb in Brandenburg vertreten. Udo Genth

Von Udo Genth