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Reportage Pannen-Marathon
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16:02 29.01.2014
Maik Jordan prüft die Batterieleistung des liegengebliebenen Autos. Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Eigentlich wollte der Celler Detlev Knöfel nur schnell eine 60 Cent-Briefmarke bei der Post in der 77er Straße rausholen, als er sein Auto vor dem Gebäude parkte. Sein Pech: Der 98er Mercedes-Diesel sprang anschließend nicht mehr an. Auch nicht nach mehreren Versuchen. Also wählte Knöfel die Nummer seines Automobilclubs und erhielt die Mitteilung, dass Hilfe naht.

Ähnlich erging es später am Nachmittag Tobias Fröhlich in Klein Hehlen. Er hat nach etwa 100 Metern Fahrt auf der Schneedecke festgestellt, dass etwas mit der Lenkung nicht stimmte, stoppte und schaute. Der vordere rechte Reifen war platt. „Wann das passiert ist, weiß ich nicht, jedenfalls wollte ich jetzt zum Arztbesuch und anschließend noch ein paar Besorgungen machen“, begründet Fröhlich seinen Fahrtantritt. „Aber das hat sich ja jetzt erledigt.“

Vor drei Jahren kam Fröhlich von Frankfurt nach Celle. Seinen hessischen Dialekt hat er noch. Damit begrüßt er auch den „gelben Engel“ Michael Feierabend, der vor wenigen Minuten den Auftrag erhielt, sich um Fröhlichs blauen Fiesta zu kümmern.

Feierabend war gerade mit seinem gelben Ford S-Max in Celle. „Das ist ein Sonderkraftfahrzeug“, sagt der 54-jährige Kfz-Mechaniker. Durch den komfortablen Innenausbau sei alles crashfest gesichert. Immerhin habe er unter anderem Werkzeug, Wagenheber, Wasser, Batterien, Benzin Starthilfen und Ersatzteile an Bord. „Das ist ja auch nur ein Zweisitzer.“

Bei BMW hat Feierabend seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht und anschließend bei Alfa-Romeo Praxiserfahrungen gesammelt. Vor 27 Jahren begann er als „gelber Engel“ bei Deutschlands größtem Automobilclub, der jetzt ins Gerede gekommen ist. „Der ADAC bedauert die Vorkommnisse“, sagt Elmer Korte, Leiter Pannenhilfe Region Nord am Telefon. Es sei durch den Fehler einer einzelnen Person leider dem gesamten ADAC ein großer Schaden zugefügt worden. „Wir gehen davon aus, dass andere Bereiche nicht betroffen sind, werden aber auch hier Überprüfungen vornehmen. Wir haben bereits eine lückenlose Aufklärung aller Vorwürfe in die Wege geleitet und werden die Ergebnisse zeitgerecht kommunizieren.“

Die Affäre spiele für Michael Feierabend bei seiner täglichen Arbeit aber keine Rolle, berichtet der Straßenwachtmitarbeiter. Die Mitglieder, die den Pannenhelfer anfordern, seien eher froh, dass ihnen geholfen wird, sagt er. „Das macht mir unheimlich Spaß, denn kein Tag ist wie der andere: Mal macht die Elektronik Probleme, mal der Motor“, schildert Feierabend die vielfältigen Herausforderungen.

So wie in dieser Woche das Winterwetter mit plötzlichen Minusgraden und Temperaturschwankungen eine besondere Situation für die Pannenhelfer war. Nicht so sehr seien die kalten Füße lästig, sondern die kalten Hände bei eisigem Ostwind, zieht Feierabend ein kurzes Fazit der vergangenen Tage. „Ich kann ja bei meinen Arbeiten nicht immer Handschuhe anziehen.“

Die Region Nord des ADAC hat in Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern am vergangenen Sonnabend 5100 Hilfen geleistet und am Sonntag 5000. „Das sind dreimal so viele wie an Vergleichstagen“, teilt Korte mit. „Wir haben die Straßenwachtmannschaft erheblich aufgestockt, es gab viele, die ihren Urlaub abgebrochen haben, um in dieser Situation zu helfen: Es war alles draußen, was Räder hat, und die Mannschaft hat exzellente Arbeit geleistet.“

Allein im Bereich Celle wurden am Sonnabend 130, am Sonntag 105 und am Montag 145 Hilfeleistungen erbracht. Zum Vergleich: Eine Woche vorher waren es 40, 25 und 61.

Ähnliche Zahlen hat auch Maik Jordan aus Westercelle, der mit seinem Abschleppdienst auch Pannenhilfe leistet: „Unser erster Einsatz war am Samstagmorgen um 6.15 Uhr. – Danach folgten 62 Pannenhilfen bis Sonntag um 23.30 Uhr.“ Während eines „normalen“ Wochenendes kommen etwa 15 bis 20 Notrufe rein.

Die Türen lassen sich nicht öffnen, weil sie an den Dichtungen festgefroren sind, das Auto springt nicht an, der Motor sei eingefroren, die Batterie sei zu schwach, lauten die häufigsten Hilferufe, die jetzt auch bei Jordan über den ACE eingingen. – So wie der am Dienstag von Detlev Knöfel. Mit dem Starhilfekabel von seinem Abschleppwagen aus versucht Jordan, den schweren Dieselmotor zum Laufen zu bringen. „Obwohl 14,2 Volt an den Überbrückungspolen ankommen, wird der Startvorgang vom Auto abgebrochen“, weiß Jordan, dass sich die Batterie unter dem Rücksitz befindet und den direkten Kontakt ermöglicht: Einige Umdrehungen des Anlassers und die Maschine läuft. „Fahren Sie doch jetzt erst mal mit Ihrer Frau eine Stunde durch die Gegend, damit sich die Batterie aufladen kann“, empfiehlt der Fachmann dem Fahrer.

Knöfel ist beruflich ohnehin Vielfahrer und fährt rund 50.000 Kilometer im Jahr. Er habe gerade eine neue gebrauchte Batterie eingebaut und die alte noch dabei, verabredet er mit dem Pannenhelfer, die ausrangierte Starterbatterie doch noch mal gründlich aufzuladen.

Maik Jordan ist 35 Jahre alt und seit fünf Jahren in Celle und Isernhagen selbstständig: Abschleppen, Bergen, Pannenhilfe. „Zurzeit bin ich selbst manchmal 18 Stunden am Tag im Einsatz. Das lass ich mir nicht nehmen“, unterstreicht der Chef seine hohe Motivation. Zwölf Vollzeit-Mitarbeiter beschäftigt Jordan rund um die Uhr. „Kürzlich haben sich gerade fünf LKW auf der A 7 ineinander verkeilt. Da waren allein wir 20 Stunden im Einsatz.“ Die Autobahn war über Stunden voll gesperrt.

Auch bei dem ersten Glatteis musste Jordan früh raus: Zwischen Wathlingen und Bröckel kam ein drei Jahre alter Dacia auf spiegelglatter Straße ins Rutschen und prallte mit der linken Seite gegen einen Straßenbaum.

Um gut durch den Winter zu kommen, empfiehlt Michael Feierabend, Batterie und Bereifung zu prüfen, das Kühlwasser auf Frostschutz hin zu spindeln, die Scheibenwaschanlage mit Frostschutz oder Spiritus aufzufüllen und die Türen langsam und behutsam aufzutauen, falls sie sich nicht öffnen lassen sollten: „Der früher oft gegebene Tipp, Türen mit heißem Wasser zu öffnen, ist nicht ungefährlich, denn das Wasser friert recht schnell wieder an, und zudem können Glasscheiben die plötzlichen heftigen Temperaturschwankungen nicht gut vertragen und könnten reißen.“

Lothar H. Bluhm

Von Lothar H. Bluhm