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Reportage Reformation 2.0 in Celle
Mehr Reportage Reformation 2.0 in Celle
19:06 08.03.2017
Celle Stadt

Durch das hohe Gras hindurch schlagen wir uns durchs Gebüsch, stoßen auf Getier und bahnen uns den Weg durch die Wildnis. Tatsächlich laufen wir jedoch über eine nasse Wiese, zertreten Maulwurfshügel und bestaunen das Bienenhotel auf dem Kirchengelände der St.-Cyriacus-Gemeinde in Groß Hehlen. Doch wir fühlen uns wie Abenteurer. Wir haben eine Mission. Wir helfen Martin Luther. Damit sind wir Mitstreiter seines Kampfes für eine neue kirchliche Ordnung.

Doch während Luther vor 500 Jahren die Reformation vorantrieb, stehen wir vor einem Miniaturschaukasten. Zu sehen: das Gelände, auf dem wir uns befinden. Die Vorbereitungen für das Reformationsjahr sind längst auch im Celler Kirchenkreis angekommen. Ein relativ „trockenes Thema“, wie Ideengeber Heiko Baron von der Evangelischen Jugend findet. Dass Luther, sein Leben und seine Vision keineswegs verstaubt sind, zeigen Baron und sein Freund Jan Schwensfeger mit ihrem interaktiven Modell der Schnitzeljagd, dem Geocaching.

Wir begeben uns nun auf eine moderne Schatzsuche. Mit einem Smartphone ausgerüstet, gehen wir an den Start. Schnell ist eine entsprechende App runtergeladen, und schon erscheinen auf dem Bildschirm die Caches, also die versteckten Schätze. Vor uns liegen verschiedene Rätsel, die wir nun lösen wollen. Als Geocaching-Anfänger sehen wir die ganze Sache sehr unbedarft. Wir starten an unserem ersten Cache, den wir bei der Evangelischen Jugend an der Berlinstraße finden. Doch schon hier stehen wir vor unserem ersten Problem: Wir brauchen eine Taschenlampe und einen Magneten.

„Profis schauen vorher in die Community“, erklärt Kirchenkreisjugendwartin Susanne Mauk. Aber dankenswerterweise ist die Einrichtung auf blutige Anfänger wie uns vorbereitet. Schwierig seien die Rätsel nicht, wird uns noch mit auf den Weg gegeben. Wir sind gespannt. Und prompt stehen wir ratlos vor einem Schaukasten, der dem Miniaturwunderland Eisleben gleicht. Von allen Seiten inspiziert CZ-Praktikantin Katharina Hollo den Holzkasten. Von wegen einfach. Wir klopfen gegen das Material, leuchten mit der Taschenlampe ins Innere des Gehäuses, kleben mit der Nase an der Glasscheibe. Dann sieht Hollo einen Hinweis, und plötzlich geht alles ganz schnell. Mit dem Magnet aktivieren wir einen Mechanismus und nacheinander lösen wir die einzelnen Knobelaufgaben, die die erhofften vier Ziffern freilegen. Diese Zahlen trennen uns jetzt von unserem Schatz. CZ-Fotograf Oliver Knoblich kann es nun nicht mehr abwarten und gibt hastig den Zahlencode in das Umhängeschloss ein. Vor unseren Augen liegt nun unser Schatz, stolz tragen wir uns in das Logbuch ein. Jeder soll wissen, dass wir das Rätsel gelöst haben.

Vom Fieber gepackt und voller Stolz suchen wir eine neue Herausforderung. Jetzt soll es der sogenannte Multicache auf dem Gelände der St.-Cyriacus-Gemeinde sein. Wieder stehen wir vor einem Schaukasten. Jetzt ist es Martin Luther höchstpersönlich, der uns unsere Aufgaben erklärt. Vier Stationen liegen vor uns. Schon an der ersten Station werden uns unsere Grenzen aufgezeigt. Ein Playmobil-Martin-Luther in einem „Vogelhaus“ – Ernüchterung macht sich unter uns breit. Das Hochgefühl ist getrübt. Wir ruckeln, klopfen und tasten – aber nichts tut sich. Macht nichts, es gibt ja noch drei weitere Stationen.

Bei den nächsten beiden Stationen ist Fingerspitzengefühl gefragt. Eine Aufgabe für den CZ-Fotografen. Zwei lange Nägel und ein Holzkasten mit Löchern, darin ist ein Gegenstand verborgen. Schnell ist klar, was zu tun ist. Nach vier gescheiterten Versuchen entwickelt Knoblich eine spezielle Taktik. In den kleinen Löchern fixiert er den Gegenstand mit dem Nagel, im großen Loch schiebt er ihn ein Stück weiter nach oben. „Gleich hab ich's“, ruft Knoblich euphorisch. In dem Moment fällt das Holzstück wieder auf den Boden des Kastens. Wieder geht es von vorne los. Angespornt und mit einer Engelsgeduld ausgestattet, triumphiert Knoblich und liefert die geheime Information um Luther und die benötigte Ziffer.

Wir blicken umher, suchen die letzte Station, die uns dem Schluss unserer Mission näherbringen soll. Wir müssen etwas hilflos ausgesehen haben, denn Unterstützung eilt herbei. „Vier Stationen haben wir schon“ – stolz berichten wir Michael Dierßen, Pastor der Gemeinde, von unseren Teilerfolgen. Und vor welchen Problemen wir nun stehen. Wir entlocken dem Pastor ein Schmunzeln. Eine fehle ja dann noch, ergänzt Dierßen. Wir versuchen, seine Blicke zu deuten – in welche Richtung schaut er? Gibt er uns versteckte Hinweise? Er setzt sein Pokerface auf. Also geht es für uns nochmal wieder zurück zum Startpunkt. Jetzt wollen wir es wirklich wissen. Unsere Schritte werden schneller. Ein Blick in den Schaukasten: Hier waren wir schon, da am Gemeindehaus auch, Bienenhotel, Garage – ja, alles erledigt. Neben der Kirche, natürlich.

„Na klar, Dierßen schaute immer auf den Rhododendron links von Haupteingang“, diese Erkenntnis hätte auch früher kommen können. Also zurücklaufen, unser Ziel ist so weit wie nur möglich von uns entfernt. Es sind immerhin wenige hundert Meter, die uns nun von einem neuen Rätsel trennen. Auf der Suche nach dem Aktionspunkt teilen wir uns auf. Die einen suchen das Gebiet links vom großen Busch ab, die anderen kommen von rechts. In der Mitte treffen wir uns, und zeitgleich schallt es über das Gelände: „Gefunden!“ Wir müssen lachen, stehen wir doch nun direkt nebeneinander. „Das sieht nach der Batterie aus“, sagt Knoblich. Hollo holt die Blockbatterie aus der Tasche und hält sie an die Kontakte. Nichts passiert. „Versuch es mal da.“ Immer noch nichts. „Moment, hast du das Piepen gehört?“ Verunsichert von dem Geräusch, versucht Hollo noch einmal ihr Glück. Die Kiste bleibt versiegelt. Unsere Sinne scheinen mittlerweile übersensibilisiert zu sein. Hollo dreht die Batterie mit ihren druckknopfförmigen Kontakten. Letzte Chance: Es funktioniert. Wir erhalten einen weiteren Hinweis. Aber das Piepen geht uns nicht aus dem Kopf. Wir verschließen die Box wieder und versuchen es erneut. Kein Geräusch. Aber das geheime Fach öffnet sich jetzt auch nicht mehr. Viel Saft hatte die Batterie wohl nicht mehr. Aber für unseren Versuch hat es glücklicherweise noch gereicht.

Nun wieder zurück zum Playmobil-Luther. Das Selbstbewusstsein ist wiederhergestellt. Der Lerneffekt setzt ein. Ein geschickter Handgriff und vor uns liegen gelbe Ü-Eier-Schalen. Insgesamt sind es 120 Stück – und in einem findet sich der gesuchte Hinweis. In jedem siebten Ei stecke eine Überraschung, hieß es in der Werbung zu dem Produkt. Los geht's: Schütteln, gegen das Licht halten. Aber ist es überhaupt ein hörbarer Gegenstand in der Plastikverpackung oder ist die Zahl nur in das Innere geschrieben? Knoblich zieht seine Jacke aus und breitet sie auf dem Boden aus. Jedes Ei wird geöffnet, die geprüften landen auf dem Kleidungsstück. Es braucht keine sieben Eier, bis wir die Ziffer gefunden haben, sondern schon das fünfte Ei liefert die Information. Pures Glück. Wir hatten uns auf einen längeren Aufenthalt eingestellt.

Wieder stehen wir vor dem Schaukasten, setzen die Zahlen zusammen, rechnen und haben letztendlich eine Zahl im Block stehen, die wir alle für richtig halten. Nun ran an das Hängeschloss. Wir wähnen uns am Ziel, nichts kann uns aufhalten. Nichts? Doch, die Zahlenkombination. Welche Ziffer denn zuerst? Irgendwann sind alle möglichen Kombinationen eingegeben, aber das Schloss blockiert immer noch. So dicht am Ziel, aber aufgeben? Nein. Ein Geistesblitz. „Natürlich, warum sind wir da nicht gleich draufgekommen.“ Hollo gibt die neue Kombination ein. Mit einem Klicken entsichert sich das Schloss. Stolz verewigen wir uns auf der Tafel, die wir gerade geöffnet haben. Wir sind nicht nur auf Luthers Spuren gewandelt, haben ihm bei seiner Reformation geholfen, sondern haben auch unsere Ausdauer und Geschicklichkeit getestet. Das war tatsächlich gar nicht so einfach wie gedacht.