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Reportage Schluss-Spurt im Celler Wahlkampf-Marathon
Mehr Reportage Schluss-Spurt im Celler Wahlkampf-Marathon
15:06 15.09.2013
Stifte, Blöckchen, Luftballons Süßigkeiten und Kondome  - solche "Argumente" kommen beim Wahlvolk gut an. Quelle: Gert Neumann
Celle Stadt

Wahlkampf ist ein hartes Brot, zumal Wahlkämpfer – Stress hin, Stress her - nicht nur überzeugend, sondern auch sympathisch herüberkommen müssen. Dass gelang dem aktiven CDU-Bundestagsabgeordneten Henning Otte, der schon kurz nach dem Eintreffen am Infostand viele Hände zu schütteln hatte. Sportlich wirken, das war Trumpf in der Poststraße. Nicht nur bei dem Spitzenkandidaten der CDU, der in blauen Jeans, brauner Lederjacke mit grün abgesetzten Kragen, lässig, aber nicht unseriös wirkte.

Ein direkter Sympathievergleich mit der Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten, Kerstin Lühmann, war diesmal nicht möglich. Dafür war der weiße Infostand der roten Nachbarn mit Politikern der zweiten Garde zahlenmäßig stark besetzt. SPD-Landtagsabgeordneter Maximilian Schmidt sorgte für gute Laune.

Von den so genannten „Kleinen“ konnte Bündnis 90/Die Grünen personell gut mithalten. Ihr Spitzenkandidat, der Uelzener Bernd Ebeling, traf gegen 11 Uhr am Stand ein. Hellblaues Hemd, orangefarbene Regenjacke, Sandalen (ohne Strümpfe). Bewusste Lässigkeit? „Nein“, beteuert Ebeling: "Andere mögen kalte Füße bekommen, ich hingegen leide unter zu warmen Füßen und fühle mich ohne Strümpfe richtig wohl." Ebeling nahm sich viel Zeit für Einzelgespräche. „Ich will überzeugen“, sagt er.

Das gelang dem Grünen Bernd Zobel im Gespräch mit dem Celler Carsten Schulz nur bedingt. "Ich habe meine Meinung zu den Pädophilen und dem Völkermord von Srebrenica im Bosnienkrieg angesprochen und dass mir die Antworten der Grünen dazu nicht gefallen", so Schulz. Auch Zobel habe mit seinen Antworten „geeiert“: „Das war nicht überzeugend. Die wollen Friedenspartei sein und sagen Ja zu Kriegseinsätzen. Da ist die Linke sogar überzeugender, die macht, was sie sagt."

Bei den Liberalen war Spitzenkandidat Ralf Überheim in hellblauem Hemd mit offenen Kragen und dunkelgrauen Anzug der Ansprechpartner Nummer Eins. Auch Überheim nahm sich viel Zeit, um Fragen von Interessenten umfassend zu beantworten. Unterstützung bekam er unter anderem vom Kreistagsabgeordneten Rezan Uca und dem FDP-Kreisvorsitzenden Joachim Falkenhagen, der ein besonderes Treffen mit Heinrich-Wilhelm Brese hatte. „Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Da habe ich die Chance eines Treffens wahrgenommen“, so Brese. "Um politische Themen ging es mir eigentlich nicht.“ Wenn es doch politisch wurde, ging es um Datenschutz, Steuererhöhungsangst und Angst vor sozialem Abstieg. Lob brachte der FDP die Abschaffung der Praxisgebühr ein. Deutlich wurde: Die FDP setzt auf Zweitstimmen, um die Koalition mit der CDU fortsetzen zu können.

Apropos Koalition und Uca. Rezan Uca ist der Bruder von Behiye Uca - und diese bekanntlich die Spitzenkandidatin der Linken. „Wir haben damit in der Familie überhaupt keine Probleme. Wir leben doch in einem demokratischen Land, wo jeder seine eigene Meinung haben darf und Ansichten vertreten kann“, so der FDP-Mann.

Behiye Uca, dunkel gekleidet, wechselte bereits kurz nach 11 Uhr in Richtung Hambühren, wo die Linken ebenfalls einen Informationsstand aufgebaut hatten. Ohne ihre Spitzenkandidatin hielten Birgit und Klaus Meier sowie der stellvertretende Schatzmeister Michael Stibbe die Stellung. „Ich war früher bei den Sozialdemokraten. Doch in Sachen soziale Gerechtigkeit und Bundeswehr-Auslandseinsätze habe ich mich nicht wiederfinden können", so Birgit Meier.

Um Präsente ging es den meisten derjenigen, die nicht nur geschäftig an den Infoständen vorübereilten, sondern eine Pause einlegten. Vor allem Luftballons waren der Renner. Hier punkteten die Grünen dank einer Helium-Füllmaschine. Gut 240 Luftballons wanderte in dem vierstündigen Wahlmarathon der Stände über den Tapetentisch – jede Minute einer. Da konnte die politische Konkurrenz nur staunen, die mit Handpumpenbetrieb hoffnungslos hinterher eilte.

Natürlich kamen auch diesmal Kugelschreiber besonders gut an. Darauf hatten die Grünen aus Kostengründen verzichtet. „Die ökologisch wirklich unbedenklichen Stifte sind uns zu teuer gewesen“, war zu hören. Mit hochwertigen Schreibern geizten vor allem SPD und die CDU nicht, wobei deren Stifte zusätzlich noch den Kandidatennamen trugen. Zurück zur Linken: Neben Kugelschreibern und Luftballons konnten dort Gummibärchen, Feuerzeuge, Brillenputztücher, Bonbons und Präservative abgeräumt werden. Die Sozialdemokraten überzeugten zusätzlich mit Taschentüchern, Streichhölzern, Brausepulver und Gummibärchen; Bündnis 90/Die Grünen zusätzlich ebenfalls mit Brausepulver, ungewohnt schmeckende vegane Süßigkeit und kleine Papierwindmühlen. Die CDU verteilte neben Gummibärchen und Einkaufsmarken besonders leckere Schokokekse mit Kandidatenwerbung. Nur die Liberalen ließen es beim Standardprogramm Stift und Ballon. „Wir wollen durch Argumente überzeugen“, hieß es unter dem blau-gelben Schirm.

Konkrete Fragen, wie es denn nach der Wahl weitergehen soll, beantworteten die Parteienvertreter mit allgemeinen Postulaten, so wie von den Parteizentralen vorgegeben. Jeder wirbt in erster Linie für sich. Die Linke spricht auf ihrem Feuerzeug von „zündenden Ideen“ und findet ihre Präservative „Lustvoll“. „Auch hier sind wieder nur die Roten zu gebrauchen“, meint die SPD auf ihren Streichholzschachteln und verspricht „prickelnde Erlebnisse“ auf ihrem Brausepulver. Bei den Grünen „Sprudeln die Ideen“ auf der Brausepackung, zeigt sich ein stacheliger Igel auf den „Grüne Jugend“-Streichhölzern. Pfiffig auch die CDU: Stilisierte Merkel-Hände in Postkartengröße. Dazu die Aufforderung „Cool bleiben, Kanzlerin wählen“.

So wie er gekommen war, verschwand der Spuk der fünf Wahlkampfstände gegen 14 Uhr wieder. Was bei leichtem Sonnenschein begonnen, versank zum Ende hin im Regen - hoffentlich kein böses Omen für die anstehende Bundestagswahl. Gert Neumann

Von Gert Neumann