Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Reportage Sicher in jeder Lage
Mehr Reportage Sicher in jeder Lage
12:00 07.12.2016
Winsen (Aller)

Sophina ist ganz begeistert: „Das hilft, dass man sich beim Hinfallen nicht so leicht verletzt. Dann braucht man nicht so schnell ins Krankenhaus“, sagt die neunjährige Meißendorferin zu dem Training in der großen Sporthalle der Grundschule Winsen. Hier läuft gerade das Projekt „Sicher in jeder Lage“. „Das Sicherheitstraining haben wir fest in unser Schulprogramm aufgenommen und wollen so unsere Präventionsarbeit entsprechend stärken“, sagt Schulleiter Frank Werner. Schon im vergangenen Schuljahr wurde das Projekt als Testreihe für die Schüler der dritten und vierten Klassen angeboten. Knapp 50 Jungen und Mädchen machten mit. Jetzt ist das Angebot fester Bestandteil des Stundenplans – für alle Dritt- und Viertklässler.

Der Chef der Winser Sicherheitsfirma Secure-Check, Detlef von Assel, ist mit seinem vierköpfigen Team als Kooperationspartner der Schule für die Realisierung verantwortlich: „Wir wollen den Jungen und Mädchen Handlungssicherheit geben. Und das in jeder Lage.“

AbwechslungsreichesTrainingsprogramm

Das Training besteht aus Präventions- und Handlungsmodulen. „Wir legen besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit“, betont von Assel. Deshalb werde während des gesamten Schuljahres trainiert. Gerade während des langen Zeitraumes eines ganzen Schuljahres könne das Verhalten der Schüler gut eingeübt und verstärkt werden. „Dieses Projekt ist meines Wissens in dieser Art deutschlandweit einzigartig.“ So seien es immerhin elf Projekttage, an denen das Training stattfindet.

„Halt! Stopp! Bleiben Sie bitte stehen“ rufen Paula, Johanna, Leon, Jannes, Sören, Ludwig und Selina sowie die anderen Jungen und Mädchen der Klasse 3c nacheinander ihrer Angreiferin zu. Und sie verstärken ihre Bitte noch durch das eindeutige Handzeichen: Stopp, nicht weiter!

Wibke S. simuliert den Part der Angreiferin und übt mit den Kindern, sich der Situation zu entziehen. Sie ist Mitarbeiterin bei Secure-Check und Trainingsassistentin. Sie ist selbst Mutter eines Jungen und eines Mädchens und kennt das Thema von ihren eigenen Kindern: „Ich finde, das ist tagtäglich wichtig, dass die Kinder mit dem Thema sexuelle Belästigung oder gar Gewalt sensibel und selbstbewusst umgehen können.“

Gefahren könnenüberall lauern

„Mit unserem Kurs möchten wir Kindern Sicherheit und Selbstbewusstsein für den Alltag vermitteln: Im Straßenverkehr, auf dem Schulhof und überall dort, wo sich Gefahrenlagen bilden können“, beschreibt von Assel das Konzept. „Der Umgang mit diesen teilweise heiklen Themen, das Erkennen und Vermeiden von Gefahren und das richtige Handeln, wenn ein Kind beispielsweise von einem Fremden angesprochen wird, werden behutsam und kindgerecht eingeübt.“

Dazu vermittelt Assistentin Wibke S. an einer Schautafel, worauf die Kinder in besonderen Situationen achten sollten: Spielt ein Auto eine wichtige Rolle? Welches Kennzeichen hat es, ist es aus Deutschland oder aus einem anderen Land? Welche Farbe hat es, welche Marke? Fragen, auf die Kinder beim genauen Beobachten Antworten geben können.

Oder Personenbeschreibungen. Auch hier trainiert Wibke S. mit den Kindern, worauf sie achten sollten. Von oben nach unten werden die Personen gescannt. Zunächst wird mit Comicfiguren geübt. „Zum Abschluss der Kursreihe steht eine kleine Überprüfung des Gelernten“, entwickelt von Assel Perspektiven für das Schuljahresende. „Die Kinder sollen vor einem ‚ihnen fremden Menschen‘ flüchten und sicher von einem Hindernis springen oder vom Fahrrad absteigen – ohne sich dabei zu verletzen.“ Sie sollen sich Informationen über eine Person und ein Fahrzeug einprägen und diese weitergeben, sowie ein Telefongespräch durchspielen. So verbessern die Jungen und Mädchen ihr Reaktions- und Koordinationsvermögen sowie ihre Wachsamkeit. Sie lernen, Stürze auf der Straße oder über Hindernisse möglichst ohne Verletzungen zu überstehen und schnell wieder auf die Füße oder aufs Rad zu kommen.

Dazu holt Trainer Micha Thiel den großen roten Gymnastikball auf die Matten und lässt die Schüler einzeln das abrollen üben. Mal vorwärts, mal rückwärts. „Jeder Kurstag besteht aus 45 Minuten Prävention und 45 Minuten Bewegungslehre“, sagt Thiel. „Die Kinder werden dazu gleichmäßig auf beide Blöcke aufgeteilt und wechseln anschließend.“

Bereicherungen für Schulalltag

„Wir achten an unserer Schule auf eine entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre, in der alle in gegenseitiger Wertschätzung miteinander umgehen“, zitiert Schulleiter Frank Werner aus dem Leitbild der Schule. Dazu kooperiert die Schule mit schulischen und außerschulischen Organisationen und Bildungseinrichtungen, die durch vielfältige Angebote den Schulalltag unterstützen und bereichern. „Auch vorher haben wir schon in der Prävention intensiv gearbeitet.“ So habe die Schule beispielweise seit vielen Jahren das Projekt „Mein Körper gehört mir“ fest im Programm. „Hier geht es um die Sensibilisierung bei sexuellem Missbrauch. Aber auch das regelmäßige Fahrradtraining im Fahrradclub, die Präventionspuppenbühne von der Polizei und das Mittwochsfrühstück, bei dem es gesundes Frühstück gibt, sind weitere Bestandteile unserer Präventionsarbeit.“

Schulkinder werden doppelt fit gemacht

Schulleiter Werner weiter: „Nach der Pilotphase im vergangenen Schuljahr haben wir gemeinsam mit Herrn von Assel das Projekt entsprechend angepasst, sodass es nun umfassend für unsere Schüler aufgebaut ist. Insbesondere die Wahrnehmung und die körperliche Koordination waren und sind für uns ein wichtiges Element.“ Durch das regelmäßige Training erhält das Erlernte einen wiederholenden Übungscharakter und kann sich entsprechend besser einprägen. Damit können die Kinder schneller und angemessener reagieren, wenn sie beispielsweise von unbekannten Personen angesprochen werden. „Aber auch das körperliche Training ergänzt die Koordinationsfähigkeit zusätzlich zum Sport- und Freizeitunterricht.“

Sophina kann die Comicfigur ganz genau beschreiben: „Schwarzer Körper und orangene Füße…“

Von Lothar H. Bluhm