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Reportage Soko Celle
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14:31 28.09.2016
Am Fuß des Schlossberges gilt es eine Bombe zu entschärfen. Quelle: Michael Schäfer
Celle Stadt

Auftakt der „Kriminalarbeit“ war ein fiktiver Diebstahl von Kunstwerken aus dem Bomann-Museum. Die Schüler hefteten sich an die Fersen der Diebe und stießen dabei an zwei Tagen auf Fallen und Hinweise. Besonderer Fokus dieser Idee aus der Erlebnispädagogik war es, die Gemeinschaft der Schüler weiterzuentwickeln.

Begleitet von ihren beiden Klassenlehrern Marc Lepper und Judith Steinhart lassen sich die Sechstklässler die Situation erklären und gehen dann auf Spurensuche. Unter der Anleitung von Johannes Rathgen und Annika Blendermann, zwei erlebnispädagogischen Trainern des Awo-Peterscamps, folgen sie mit drei GPS-Geräten Koordinaten, die sie in den Französischen Garten führen.

Dort ist ein Seil auf Hüfthöhe zwischen zwei Baumstämmen gespannt und symbolisiert eine Lasersicherung. Diese Hürde muss jeder einzelne Schüler überwinden, indem er von ein paar anderen Jugendlichen über das Seil getragen wird, ohne es zu berühren. Entschlossen stellen sich alle in einer Schlange auf. Das Trageteam ist schnell gefunden, aber dann muss entschieden werden, wie man jemanden am besten über das Seil hebt. Wer hält die Arme, die Beine, wie viele Leute braucht man, um das Gewicht locker zu tragen? Dabei dürfen die Träger selbst nicht über das Seil steigen und müssen ihre Partner trotzdem sanft auf der anderen Seite absetzen.

Bei Fehlern geht‘svon vorne los

Im Grunde ist das kein Problem – man kann munter ausprobieren, was am besten funktioniert. Aber: Wenn etwas schief geht oder jemand einen Fehler macht, müssen alle Schüler noch einmal von vorn anfangen. Bei 29 Schülern kann sich so eine Wiederholung schon etwas hinziehen. Und doch wirft niemand anderen einen Fehler vor – stattdessen ermutigen sich die Jugendlichen untereinander, bei der nächsten Runde besser aufzupassen und sich noch mehr aufeinander zu verlassen. Das Trageteam hält seine Mitschüler sicher und vorsichtig, behält die Fahrradfahrer im Auge, die hinter dem Team über den Radweg sausen und die Mitschüler üben sich darin, dem Griff der Träger zu vertrauen.

„Für die Schule lässt sich hier jede Menge abgucken“, sagt Steinhart. „Beispielsweise wie man gemeinsam Lösungen findet, sich abspricht und Konflikte löst.“ Steinhart und Lepper sollen sich ausnahmsweise einmal ganz raus halten und nutzen die Zeit, in der die Trainer übernehmen, um die Schüler im Umgang miteinander einfach einmal zu beobachten. Beide kommen zu neuen Erkenntnissen. „Die Schüler können hier Stärken zeigen, die im Unterricht zu kurz kommen“, stellt Lepper fest.

Schon bald ergibt sich für die 6c eine Routine und mit System wird ein Jugendlicher nach dem anderen korrekt abgesetzt. Aber am Ende muss auch das Trägerteam über das Seil. Wie bekommt man jemanden auf die andere Seite, wenn man ihn allein tragen muss? Am besten, wenn man jemanden „übrig gelassen“ hat, der klein und leicht ist. Jubelnd helfen die Schüler der letzten Trägerin schließlich über das Seil. Dieses Hindernis haben sie gemeinsam überwunden.

Blendermann lobt die Gruppe: „Ihr habt es geschafft, diese Falle zu überwinden.“ Im großen Kreis besprechen die Schüler, wie sie die Aufgabe gelöst haben, was besonders gut funktioniert hat und was noch besser werden kann. Dann wird es wieder spannend. „Wir haben einen neuen Anhaltspunkt“, verkündet die Erlebnispädagogin. „An diesen Koordinaten wurden die Verbrecher gesichtet.“

Drei Schüler bekommen erneut die GPS-Geräte und geben sorgfältig die Koordinaten ein. Dann zieht die Truppe weiter – nur ohne klare Anweisung. „Das ist die falsche Richtung!“, rufen die GPS-Träger ihren Mitschülern zu. Verständigung ist auch hier der Schlüssel. Also orientiert sich die Klasse neu und schlägt den Weg zum Celler Schloss ein. Unterwegs bestaunen die Schüler die bunten Schlösser auf der kleinen Brücke vor dem Café Müller, dann sind sie am Ziel angekommen.

Bombenstimmungam Schlossberg

Am Fuß des Schlossberges erklärt Rathgen die heikle Situation. „Auf der Flucht haben die Diebe eine weitere Falle aufgestellt und eine Bombe hinterlassen, um das Schloss in die Luft zu jagen. Vor uns liegt der Code, mit dem wir sie hoffentlich entschärfen können.“ Die Schüler begutachten Holzplättchen mit Zahlen von Eins bis Vierzig, die in einem Kreis verteilt sind. Innerhalb von fünf Minuten müssen sie ein System ausarbeiten, das ihnen erlaubt, sich zu merken, wo jede Zahl liegt, bevor alle umgedreht werden.

Einige Schüler müssen sich mehr als eine Zahl merken, dann zieht sich die 6c in einen Kreis zurück, der ein paar Meter entfernt ist. Die Bombe ist schallempfindlich – das bedeutet niemand darf außerhalb des Klassenkreises reden. Rathgen reicht ihnen den Code. Jede Zahl muss nun in der richtigen Reihenfolge wieder aufgedeckt werden.

Einer nach dem anderen läuft zum Kreis mit der Bombe und deckt seine Zahl auf. Eine Weile geht es gut – dann irrt sich der erste Schüler in seinem Plättchen. Innerhalb von fünf Sekunden schafft er es zurück in den Klassenkreis und darf es deshalb erneut versuchen – solche kleinen Schnitzer verzeiht die explosive Falle der Diebe. Gut, dass sich ein paar Mitschüler noch erinnern können, wo die richtige Zahl liegt, denn so entschärft die 6c die Bombe in letzter Sekunde.

Gemeinsam ans Ziel kommen

Anschließend bespricht die Gruppe erneut, was gut gelaufen ist, was sie noch besser machen kann und wie sich das Gelernte im Schulalltag umsetzen lässt. Um den Fall zu lösen, müssen die Schüler noch weitere Hürden überwinden und dann – endlich – in einer gefährlichen Aktion die gestohlenen Kunstwerke von einer Insel in einem Säuresee bergen und die Täter stellen. Ihre Belohnung? Jede Menge Süßigkeiten und das Gefühl, gemeinsam ein Abenteuer bestanden zu haben.

Auch die beiden Klassenlehrer zeigen sich mit dem Training zufrieden. Ihre Schüler haben geübt, sich untereinander zu verständigen, Pläne zu machen, im Team zu arbeiten und sich aufeinander zu verlassen. „Dabei haben sie sich besser kennen gelernt und sind zusammengewachsen“, sagt Steinhart „Die Schüler haben gesehen, wer was gut kann und gelernt, wie sie sich gegenseitig unterstützen können, denn die Aufgaben ließen sich nur gemeinsam lösen. Am Ende hat jeder seinen Platz gefunden, und das trägt durch das ganze Schuljahr.“

Von Marlene Schlüter