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Reportage Spieglein, Spieglein an der Wand …
Mehr Reportage Spieglein, Spieglein an der Wand …
17:38 30.08.2017
Quelle: Anke Schlicht
Westercelle

Maxime steuert direkt drauf zu, das rote Kleid mit Kette sticht ins Auge. Als hätte Anbieterin Birgit Schiefelbein geahnt, dass ihr vor Jahren erworbenes Stück heute einer Kandidatin bei ihrer Verwandlung hilfreich sein könnte, hat sie es gut sichtbar nach ganz vorne gehängt. Mit hektischen Bewegungen schiebt Maxime Hosen, Westen und Blusen zur Seite, schnell noch ein rosa Teil mit Pailletten über den Arm, weiter zum nächsten Verkaufstisch und dann in die Umkleide. Die Kandidatinnen sind nervös, ihnen bleibt nur eine Stunde Zeit, um sich von Kopf bis Fuß gemäß dem Motto „Be yourself“ aus dem Angebot des Westerceller Flohmarktes neu einzukleiden. Ihre Hektik überträgt sich auf die Standbetreiberinnen, mit Eifer unterstützen sie, wo sie können. Schnell erfragen, was gewünscht ist, dann – wie die Profis in den Boutiquen – ein, zwei Teile herausziehen, farblich gut kombiniert übereinanderlegen, ein paar animierende Worte dazu, Entscheidung abwarten.

Mit dem Startschuss für die Jagd nach dem Second-Hand-Outfit, das nicht mehr als 50 Euro kosten darf, belebt sich der Lindenhof, der sich zwecks Königinnen-Suche in einer Mischung aus Beauty-Shop und Fashion-Week präsentiert. Die Veranstalter Viola und Georg Partusch haben an alles gedacht, durchgehend wird gefilmt, und mit Friseur Georg Mintye haben sie einen Hauch von Lagerfeld nach Westercelle geholt. Er betreibt seinen Salon zwar in der Heese, ist aber mindestens so eloquent, unterhaltsam und originell gekleidet wie der Modezar aus Paris. „Der Guido musste uns leider absagen“, scherzte Moderatorin Viola Partusch zum Auftakt. Die Fernsehsendung „Shopping Queen“ des Designers Guido Maria Kretschmer stand Pate für die Idee, und in einem speziellen Punkt kommt sie beim kleinen Ableger immer wieder vor: „Die haben eine ganze Stadt zur Verfügung, und wir nur diese Stände“, klagen die Kandidatinnen übereinstimmend. Dabei hat das Angebot durchaus einen roten Faden – den der entrümpelten Kleiderschränke.

Entrümpelte Kleiderschränke

Immer wieder hebt Lamy die Spitze ihres Maxi-Rockes, dreht sich, freut sich an ihrem Outfit, während sie aufs Hair-Styling wartet. Nur 43 Euro hat sie ausgegeben. „Ich hab‘ das Motto getroffen“, zeigt sie sich zufrieden und bestens gerüstet für den Gang vor die vierköpfige hochkarätig besetzte Jury. Aber vorher geht es fürs Haar und Make-up noch in den Beauty-Bereich, vor den Spiegel, von denen es beim Wettshoppen reichlich gibt.

Lamy hat wie ihre vier Mitstreiterinnen beim „Durchblättern“ der Ständer erfahren, was eine Inventur von Kleiderschränken so alles hergeben kann: einen Querschnitt durch die Trends der letzten 30 Jahre, vom Dirndl über eine schwarze Lederjacke mit Fransen bis zum roten Stiefel im Punkerstil ist alles vertreten.

Birgit Schiefelbeins rotes Kleid wartet – mittlerweile kombiniert mit zeitloser schwarzer Motorradjacke sowie zum Gürtel gewandelter Kette – auf die Laufstegpräsentation. Sie weint ihm keine Träne nach und freut sich gemeinsam mit Tochter Nina: „Wir sind richtig was losgeworden!“ In die Gruppe der fünf zwischen 18 und 66 hätten Mutter und Tochter gut hineingepasst. „Nein, ich präsentiere mich selber nicht so gerne, ich bin zu schüchtern“, wehrt die Standinhaberin ab. Auch für Tochter Nina käme eine Teilnahme nicht in Frage. „Wir statten lieber aus!“ Diese wichtige Aufgabe hat – gepaart mit Haar und Make-up – fünf ganz unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht: bürotaugliches Ensemble in Braun, Sixties-Look in Gelb, Abendoutfit in Rot-Schwarz, Rasta-Lady in Blau-Weiß und Königin des 20er-Jahre-Parketts in Schwarz-Gold.

Ruhe vor dem Sturm

Die hektische Betriebsamkeit ist der Ruhe vor dem Sturm gewichen. Die Besucher haben sich an den Tischen bei Kaffee und Kuchen niedergelassen, keiner möchte die Wahl verpassen. Es darf mitgestimmt werden. Insgeheim hat wohl jeder eine Favoritin, Stylistin Lisa-Marie spricht ihren Tipp offen aus: „Alle haben genial geshoppt, aber die Hippie-Frau, die ist ganz toll – das wird unsere Queen.“ Es geht zwar nicht wirklich um etwas, aber Wettbewerbe ohne echte Konkurrenz sind langweilig. Und so erreicht die gesamte Veranstaltung nach der von Seiten der Models wortlosen Laufstegpräsentation mit der Kommentierung der Jury, in der sich Stadtteil-Bürgermeister Reinholf Wilhelms als einziger wie ein Laie vorkommt, und vor der Abgabe der Publikumsstimmen ihren Höhepunkt. Moderatorin Viola stellt die Boxen an den Bühnenrand. Zahlreiche Gäste haben zwischenzeitlich den Weg zum Lindenhof gefunden, ein beschriftetes rosa Bändchen nach dem anderen wandert durch den Schlitz in die eine oder die andere Sammelkiste. Die Auszählung nimmt einige Zeit in Anspruch. Spannung baut sich auf. Viola beginnt die Ergebnis-Verkündung mit Platz fünf und überreicht die Trostpreise. Hanni nimmt keinen entgegen, sie tritt ein paar Schritte nach vorn in Richtung Publikum. Die 66-Jährige ist die Westerceller Flohmarkt-Shopping-Queen.

Die Kandidatinnen haben im Rückblick sicher ihre eigene Sicht auf die Veranstaltung. Für die Zuschauer hingegen war es nicht nur unterhaltsam, sie treten den Heimweg zudem mit der Erkenntnis an, die Besucherin Daniela Luhmann treffend formuliert: „Es kommt nicht darauf an, wer die Schönste ist, sondern dass man sich aus dem Angebot eines Flohmarktes ein richtig stylishes Outfit für weniger als 50 Euro zusammenstellen kann.“

Von Anke Schlicht