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Reportage Tanzbegeistert
Mehr Reportage Tanzbegeistert
18:06 20.04.2016
Celle Stadt

„Kommst du?“, fragt Eckhard Meisel und hilft seiner Frau Karin aus der Bank. Bereitwillig lässt sie sich von ihm auf die Tanzfläche führen und nimmt Tanzhaltung ein. Dann übernimmt der eingängige Walzertakt die Animation. Sich sicher in den Armen liegend, kreist das Paar – scheinbar selbstvergessen – zu „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär …“ durch den Saal.

Das Vergessen ist ein wesentlicher Aspekt in diesem Tanzkreis: Unter dem Motto „Wir tanzen wieder“ findet in der Celler Tanzschule Krüger einmal im Monat ein Tanznachmittag für Demenzkranke und Partner statt. Und mag der Kopf auch so manches schon aus dem eigenen Leben verdrängt und verloren haben - das Wiedererkennen von alten Schlagern, Hits aus der Jugendzeit und Popsongs, mit denen einen die eigenen Kinder im Teenager-Alter malträtiert hatten, überdauert länger, als man denkt.

Auch Karin Meisel hat schon vieles aus ihrem Alltag vergessen. Stück für Stück löscht sich ihr Leben aus der Erinnerung, ohne dass Neues dazukommt – ein Weg ins Nichts, der sich nicht aufhalten lässt und den ihr Mann Eckhard nur hilflos begleiten kann. Seit er die notwendige Pflege und Wachsamkeit für seine Frau nicht mehr leisten kann, lebt Karin in einem nahegelegenen Heim, wo er sie täglich besucht. „Es gibt Tage, da erkennt sie mich nicht mehr, das ist schwer. Aber wenn wir tanzen gehen, dann ist sie immer fröhlich, wacher, ansprechbarer – deshalb versäumen wir möglichst keinen Termin!“

Seit zwei Jahren besuchen die beiden den Tanznachmittag für Demenzkranke – seit er eine Anzeige dazu in der Zeitung gelesen hat und schon beim ersten Besuch feststellen konnte, wie „lebendig“ seine Frau mit den altvertrauten Liedern wieder wird. Für eineinhalb Stunden rückt Karin ihrem Mann wieder näher, wirkt die Vertrautheit auch für ihn, wird der sonst sperrige Rücken wieder fügsam im Arm, wenn er die Führung übernimmt – Schritt für Schritt.

Freude und Bewegung, darauf zielt das Konzept dieses besonderen Tanzkränzchens ab. Die Idee dazu hat Tanzschulbesitzer und Initiator Marc Reinecke vor fast sechs Jahren aus Köln übernommen. „Dort hatte ein Kollege solche Nachmittage im Programm. Ich hörte davon und hab mir die Sache mal angesehen. Die offensichtliche Freude der Menschen an der Musik und der Bewegung hat mich begeistert.“ Kurzentschlossen machte Reinecke den Demenz-Tanz-Nachmittag zu seinem Projekt, holte sich zusätzliche Informationen, erweiterte sein Fachwissen im Bereich Demenz und warb schließlich mit seinem eigenen Angebot. „Der Nachmittag ist von Anfang an gut angenommen worden.“ Heute kommen regelmäßig Senioren aus Pflegeheimen der ganzen Region – bis aus Soltau – mit Bussen und Fahrdiensten zu den Terminen. Zwischen 40 und 60 Demenzkranke samt Partnern oder Betreuern tummeln sich seither einmal im Monat auf seinem Parkett –„öfter wäre ein logistisches Problem“.

Drei ältere Damen halten sich an den Händen, eine vertraute Runde, und geben sich gleichzeitig damit Halt, während sie zu „Sag mir quando, sag mir wann …“ eine Art Samba-Reigentanz versuchen. Auch andere Pärchen lockt die schwungvolle Musik auf die Tanzfläche und belehren jeden, der mutmaßt: „Da geht ja nur noch einfaches Hin-und-her-Wackeln“, sehr deutlich eines Besseren. Die Meisels haben nicht nur den Grundschritt drauf, sondern meistern auch verschiedene Figuren. Es sieht aus, als hätten sie schon ein ganzes Leben lang viel miteinander getanzt – wieder eine Mutmaßung die sich als falsch herausstellt. „Nein, wir waren als junges Paar öfter mal aus, aber dann eigentlich Jahrzehnte kaum mal zum Tanzen. Erst hier hat sich herausgestellt, dass sich meine Frau gut führen lässt und Spaß daran hat.“ Darüber hat Eckhard Meisel das Tanzen auch für sich selbst als Hobby entdeckt und besucht parallel jede Woche einen Tanzkurs bei Krüger. Was er dort lernt, probiert er später auch mit seiner Frau. „Das klappt besser, als ich das je gehofft habe“ – ein unerwartetes Geschenk einer neuen Gemeinsamkeit.

Das Angebot des Demenztanznachmittags ist weit mehr als ein geschicktes Geschäftsmodell. „Ich finde es jedes Mal großartig! Wer in die Gesichter der Menschen hier schaut, wenn die Musik angeht, ist beschenkt. Und wenn man die Geschichten dazu hört, und immer wieder bestätigt bekommt, wie sehr so eine Veranstaltung Betroffene aus ihrer Lethargie herausreißen und sogar wieder in Bewegung setzen hilft, dann bekommt man eine Menge neuer Motivation zurück“.

Reich wird Marc Reinecke von der Veranstaltung sowieso nicht. Den Eintritt von 5 Euro zahlen nach seinem System nur die Demenzkranken. Betreuer und Partner haben freien Eintritt. „Das haben wir so geregelt, weil das die Betroffenen so wünschten. Die Menschen möchten so lange wie möglich nicht als „Behinderte“ eingestuft und behandelt werden. Für viele ist es eine Frage der Würde, für eine Veranstaltung, die sie besuchen möchten, selbst aufzukommen.“ Den angesetzten Betrag kann sich jeder noch leisten. Ansonsten deckt die Tanzschule ihre Kosten mit dem Ausschank von Getränken zu moderaten Preisen. Über die Krankenkassen lässt sich der Tanzbesuch nicht abrechnen. „Ein solches Angebot steht – noch - nicht auf der offiziellen Liste für bezuschussbare Bewegungskurse. Das ist schade, vor allem wenn man sieht und bestätigt bekommt, dass die Musik noch Menschen erreicht, die sonst kaum noch motivierbar sind.“

Der Hausherr beweist sich hier immer wieder als erfahrener Motivator – nicht nur wenn er das nächste Musikstück ansagt. Immer wieder einmal pickt er sich ein scheues Mauerblümchen aus den Bankreihen und dreht mit ihr eine flotte Runde. Dafür erntet er nicht selten ein strahlendes Lächeln, errötende Wangen und ein gar keck-geflirtetes Wort. So manch älteres Mädchen ist eben, dem Rest-Langzeitgedächtnis nach, noch oder wieder ein aufgeregter Backfisch.

Auf Rex Gildos „Fiesta Mexicana“ formiert sich – nach Geheiß – eine Polonaise durch den Saal. Der Bandwurm bewegt sich etwas träger – schließlich sollen auch die Rollifahrer noch mitkommen – dafür aber bestens gelaunt. Und wer nicht so flott im Marschieren ist, der singt dafür umso lustiger mit. Fast schon im Chor gibt’s zum Ausruhen „Jopi“ Heesters' „Ich möchte noch mal 20 sein …“ – langsamer Walzer oder Schunkeln am Platz - und dann geht's mit Vollpower in die Disco-Ära mit Boney M. und „Daddy Cool“ und „Night Fever“ von den Bee Gees. Dem Wilderen geben die Gäste hier, gegenüber dem Besinnlicheren, eindeutig den Vorzug. Auch die Herren sind flott dabei – da ist kein Tanzmuffel auszumachen. Und wenn sich ein paar Demenzkranke glückselig im Reigen zusammengefunden haben, dann dürfen auch die Betreuer miteinander mal ausgelassen das Tanzbein schwingen.

Nach eineinhalb Stunden geht das Vergnügen mit dem gewohnten Abschlusskreis zu ABBAs „Dancing Queen“ zu Ende. Dann warten draußen schon die Kleinbusse samt Abholdienst und auch Eckhard Meisel verabschiedet sich von seiner Frau, die noch immer leise die letzte Melodie vor sich hin summt. „Bis zum nächsten Mal“, sagt er fragend, und sie antwortet: „Ja, morgen“.

Von Doris Hennies