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Reportage "Tapetenwechsel" in Celler JVA
Mehr Reportage "Tapetenwechsel" in Celler JVA
17:41 06.04.2016
Wohl dem, der hier heraus spazieren kann: Ehrenamtliche in der Celler JVA.  Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Und plötzlich wird es ganz still in dem Raum, in dem bis eben noch lebhaft diskutiert und gesprochen wurde: Meike Klim erzählt eine besinnliche Geschichte über eine Blume, die selbst entscheidet, wann sie blühen will, die selbst die Kraft aufbringt, zu spüren, wann der richtige Augenblick dafür gekommen ist. Und alle Männer hören aufmerksam zu.

Meike Klim ist eine der Celler Ehrenamtlichen, die sechs Wochen lang an dem Projekt „Tapetenwechsel“ in der Justizvollzugsanstalt Celle an der Trift mitmachen. Das Thema heute: Was macht mich stark? „Tapetenwechsel“ - das sind sechs Veranstaltungen mit einem Programm, bei dem sich Menschen von „drinnen und draußen“ in der Justizvollzugsanstalt Celle (JVA) treffen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam kreativ zu werden und sich überraschen zu lassen von einem abwechslungsreichen und anregenden Projekt.

Besprochen wird, was Menschen bewegt

16.20 Uhr: Während sich draußen neben dem Denkmal „Celler Loch“ am Haupteingang die ehrenamtlichen Männer und Frauen treffen für ihren gemeinsamen Abend mit Strafgefangenen, läuft drinnen in der Justizvollzugsanstalt für 191 Gefangene das normale vorabendliche Programm ab. Sieben von ihnen denken aber schon an die nächsten zwei Stunden im Behandlungsraum auf der anderen Seite des vergitterten Lichthofes. Martin A., Manfred B., Marcel D., Mark E., Michael F., Maximilian H. und Moritz J. (sämtliche Namen der Inhaftierten sind geändert) machen mit bei dem Projekt „Tapetenwechsel“, das das Schwarze Kreuz, die Christliche Straffälligenhilfe in Celle, anbietet. Schwarzes-Kreuz-Geschäftsführer Otfried Junk dazu: „Behandelt werden Themen des Lebens, wie Glück oder Beziehungen. Das, was Menschen bewegt, wird besprochen.“

Viele Menschen haben sich noch nie Gedanken gemacht, was sich hinter den Gefängnistüren abspielt. Junk: „Das Projekt ist dann ein Erfolg, wenn Menschen ins Gespräch kommen, wenn Menschen aufeinander zugehen, die aus anderen Welten kommen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden.“ Die Gefangenen werden so nicht nur auf ihre Straftat reduziert, sondern als Menschen wahrgenommen. Das Wesentliche sei die Begegnung miteinander, wenn die Leute miteinander sprechen können. Spätestens bei der Entlassung entsteht die Frage, wie die Ex-Gefangenen leben, wie sie wohnen. Junk: „Verlässliche Beziehungen sind wichtig, um das Leben anschließend wieder in die eigene Hand zu nehmen. Wir wollen den Menschen zur Seite stehen und Ansprechpartner sein. Die Ehrenamtlichen sind dabei ein wichtiges Bindeglied.“

16.30 Uhr: Knallgelb leuchten die Besucherausweise an Jacken, Westen und Pullovern der Ehrenamtlichen. Marion Braun, Meike Klim, Hannelore Schön, Helmut Meinecke, Dietrich Klie und Angelika Cords betreten einzeln die Personenschleusen. Sie geben ihre Handys ab und legen Handtaschen zur Kontrolle auf den Tisch, werden wie auf Flugplätzen gescannt und dürfen dann im Wartebereich Platz nehmen. Mit dabei ist auch die Sozialpädagogin Edeltraud Meifert vom Schwarzen Kreuz Celle. Ihr Kollege Manuel Herrmann ist als Organisator schon vorausgegangen.

16.38 Uhr: In Begleitung eines uniformierten Justizvollzugsbeamten beginnt für die Ehrenamtlichen der lange Weg durch die verschiedenen Gebäudetrakte des bis 1732 gebauten Gefängnisses. Fünf einzeln gesicherte Schleusen sind zu durchschreiten, immer begleitet von dem lauten Rasseln des großen Schlüsselbundes, begleitet von dem hellen Piepen der elektronischen Schließeinrichtungen und dem metallenen Klappern der Türen, wenn sie in die kräftigen Schlösser fallen. Hier herrscht höchste Sicherheit. Jeder Schritt, jede Bewegung wird lautlos durch Kameras aufgezeichnet.

17.01 Uhr: „Na, wo bleiben sie denn?“, fragen sich einige Ehrenamtliche, weil ihre Gesprächspartner noch unterwegs sind. Per Handschlag und mit lautem Hallo begrüßen sich die Menschen von draußen und von drinnen wenige Augenblicke später.

Was macht Menschen stark?

Kurz danach sind alle damit beschäftigt, die von Manuel Herrmann vorbereitete Tapetenrolle abzuspulen: „Projekt Tapetenwechsel - Heute: Was macht mich stark?“ ist darauf in großen Buchstaben zu lesen - das Thema der heutigen Gesprächsrunde.

Irmtraud Meifert geht auf das Motto ein, schildert Höhen und Tiefen von Lebensphasen und beschreibt Menschen, die zuhören können und ins Gespräch kommen. „Darum wollen wir Sie einladen, mit uns ins Gespräch zu kommen“, appelliert sie an die Gefangenen, die Gelegenheit zum Austausch zu nutzen.

In den vier Ecken des Raumes sitzen wenig später gemischte Kleingruppen zusammen und besprechen, was man als Kind werden wollte, welche Eigenschaften man im Laufe des Lebens entwickelt hat, welches Tier man gern sein würde und was man noch lernen möchte.

Wenn er in sechs Jahren freikomme, sei er 46. Dann könnte er sich vorstellen, etwas mit Tieren zu machen, denn während einer Suchttherapie habe er Erfahrungen mit einem Esel gesammelt, sagt Michael F. Martin A. ist jetzt 58. Er lebt schon seit 25 Jahren in der JVA und geht davon aus, dass er nach seiner Entlassung nicht mehr viel arbeiten wird, da er bereits einen Schlaganfall hatte. Er war Baumaschinist, bevor er die Straftat beging, die für ihn lebenslänglich bedeutete. Zu dreien seiner sieben Kinder pflegt er Kontakte. Die leben in Celle.

Manfred B. sagt: „Ich habe ja noch gute Hoffnung, dass ich mal rauskomme. Nächstes Jahr sind 15 Jahre rum. Ach, da werde ich glücklich sein. Was will man mit 70 Jahren noch verlangen … Ich bin froh, wenn ich rauskomme und weiß wo ich hin kann …“ Lebensläufe zwischen Hoffnung und Resignation.

Respekt und Achtung sind wichtig

Ehrenamtlerin Hannelore Schön ist von der angenehmen Atmosphäre während der Begegnung begeistert: „Wir haben immer diese Stimmung hier, es ist immer aufgeschlossen, liebevoll. Wir achten einander und respektieren einander. Es ist eine ganz lockere Art, wie wir miteinander umgehen.“ Sie ist dabei, weil sie vor Jahren eher zufällig durch das Schwarze-Kreuz-Projekt „Brückenbau“ zu der Arbeit mit Gefangenen kam.

„Ich finde supergut, dass das Projekt hier jetzt stattfindet“, beurteilt JVA-Leiter Thomas Papies den „Tapetenwechsel“. Es habe bisher schon ganz viele Anregungen und neue Impulse gegeben. „Es ist für uns wichtig, Öffentlichkeit hier in der Anstalt zu haben, weil wir auch gesetzlich verpflichtet sind, den Grundsatz der Annäherung zu gewährleisten. Unter den Bedingungen, die wir hier haben, bietet sich die Möglichkeit, Ehrenamtliche im Kontakt mit Gefangenen sich gegenseitig erproben zu lassen.“

18.15 Uhr: Szenenwechsel. Nach einer kurzen Zigarettenpause auf dem Innenhof kommen alle wieder am Tisch zusammen, auf dem Tapeten, Rolle, Pinsel, Tapezierbürste und Kleisterquast das Thema anschaulich machen. Ein sorgfältig ausgearbeitetes Quiz wird in Kleingruppen bearbeitet. Wer war der erste deutsche Bundeskanzler, in welchem Organ wird Insulin produziert, und wofür steht die Abkürzung HiFi? 22 Fragen werden gemeinsam beantwortet. Die beste Gruppe erhält den umfangreichsten Preis: 15 Briefmarken aus der Rotkäppchen-Serie zum Briefaustausch.

18.50 Uhr: Meike Klim erzählt ihre Geschichte.

18.56 Uhr: „Die von drinnen“ und „die von draußen“ verabschieden sich herzlich. Die einen gehen in ihre Einzelhafträume, die anderen als Gruppe geschlossen durch die fünf Sicherheitsschleusen. Gittertür für Gittertür, Schloss für Schloss.

19.14 Uhr: Durchatmen auf dem Innenhof, kurzes Resümee vor dem Celler Loch: Der „Tapetenwechsel“ erfordert eine hohe Kommunikationsbereitschaft und Toleranz anderen gegenüber. Er lebt von den Menschen, die daran teilnehmen und denen es wichtig ist, ein Stück Lebensqualität von außen in die JVA mitzubringen. „Weil ich Gefangenen zeigen möchte, dass sie Vergebung finden können und dass sie Menschen sind, wie jeder andere auch, dass jeder seine Fehler hat“, begründet Meike Klim ihre Motivation für das Projekt.

Von Lothar H. Bluhm