Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Reportage Unter Celler "Müllmonstern"
Mehr Reportage Unter Celler "Müllmonstern"
17:01 12.11.2014
Mit Begeisterung befreien die "Müllmonster" das Waldstück vom Müll und verpacken ihn für den Abtransport durch den Abfallzweckverband. Quelle: Benjamin Westhoff (4)
Celle Stadt

Im normalen Schulbetrieb sind Fenja, Emily und Matilda Schülerinnen der 4a und 4b der Grundschule Groß Hehlen, aber heute sind sie „Müllmonster“, und von Schulalltag kann keine Rede sein. Eine ganze Woche lang ersetzt der Wald für die 60 Kinder der dritten und vierten Jahrgangsstufe das Klassenzimmer, und die Lehrer sind auch keine Lehrer, sondern agieren nur am Rande.

Die Hauptrollen sind besetzt mit 20 angehenden Erziehern, die mit Hilfe dieses Projektes einen praktischen Teil ihrer Ausbildung an der Berufsbildenden Schule III absolvieren. Die Grundschule stellt die Acht- bis Zehnjährigen für den Praxistest sozusagen zur Verfügung. „Ist besser als Unterricht, aber Hausaufgaben haben wir trotzdem“, erzählt Matilda. Die Wahl zu haben zwischen Wald-Geist, -Detektiv, -Pirat oder „Müllmonster“, bringt den Kindern nicht nur Spaß, sondern zwingt sie, sich in anderen Gruppen als den Klassenverbänden, die jeweils von fünf angehenden Erziehern betreut werden, zurechtzufinden.

„Weil es sich cool anhört“, benennt Fenja den Grund, sich für die „Müllmonster“ entschieden zu haben. „Ja, aber wir wollen auch etwas für den Wald tun“, ergänzt Emily. Dafür gibt es ausreichend Gelegenheit. Wenige Meter neben dem Camp der Monster liegt eine Müllhalde aus Autoreifen, Teppichresten, Plastikplanen, Töpfen und vielem mehr, deren Beseitigung das Kernstück des heutigen Vormittags sein wird.

Sich in der Praxis bewähren

„Zeitmanagement ist gefragt“, zeigt sich die heutige Gruppenleiterin Nina kurz angebunden. Für 11 Uhr haben sich zwei Mitarbeiter des Abfallzweckverbandes für den Abtransport angekündigt, das gibt den Takt für den Projekttag vor. „Ja, Zeiteinteilung spielt natürlich auch eine große Rolle. Sich ins Team einzufügen, untereinander gut abzusprechen, Ziele zu setzen, eine Vorbildfunktion auszufüllen - darum geht es hier. In der Waldwoche wird deutlich, was sie später alles können müssen – quasi wie im richtigen Erzieherleben“, erläutert Oberstudienrätin Bianca Pukrop, die das Projekt leitet. Ebenso wie einige Grundschullehrer taucht sie ab und an als Beobachterin am Rande des Geschehens auf. „Ich suche mir Beobachtungsfenster und mache mir Notizen. Fehler machen ist hier erlaubt. Die angehenden Erzieher stehen ja noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung. Sie erhalten direkt ein Feedback, denn bis 12.30 Uhr geht die Praxis und von 13.30 Uhr bis 16 Uhr wird reflektiert “, beschreibt die junge Lehrerin Ziele und Rahmenbedingungen. Das könnte die Ursache sein für die sparsame Kommunikation der Erzieheranwärter am Vormittag.

Leslie, Kathi, David, Lisa, und Nina sind bereits Sozialassistenten, können also in allen sozialen Bereichen als zweite Kraft arbeiten, und haben nun die zweijährige Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher begonnen. Als Sozialassistenten verfügen sie ausschließlich über Erfahrungen aus der Arbeit in Kindergärten und –tagesstätten. Die Unterstufe ihrer aktuellen Ausbildung bringt ihnen erstmals das Grundschulkind nahe, in der Oberstufe geht es dann um Jugendliche und beeinträchtigte Menschen.

„Es ist viel in Bewegung, die Qualitätsdiskussion läuft ja schon länger, und die Ansprüche sind auch höher geworden. Auch im europäischen Angleich der Berufsbilder tut sich einiges“, erläutert Pukrop. „Ja, wir haben auch unsere eigene Kindheit reflektiert“, erzählt David über die intensive sechswöchige Vorbereitung der Waldwoche und weist damit auf einen zentralen Aspekt der Ausbildung hin – das biografische Lernen. „In ein neues Thema steigen wir fast immer über die Biografie ein. Wir machen kaum Frontalunterricht, geben auch keine Rezepte vor, wie die Dokumentation zur Waldwoche erstellt werden soll. Selbständiges Handeln und Arbeiten im Team sind gefragt“, gibt die Pädagogin einen Eindruck vom Unterricht.

Müllpolizisten im Einsatz

Nina, David, Lisa, Kathi und Leslie wissen, dass es bei der Waldwoche um etwas geht, dennoch sind sie entspannt, lassen den Kindern freien Lauf. Diese beginnen beim Frühstück plötzlich, die Ballade „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ im Chor vorzutragen, eine Gegengruppe formiert sich und stimmt ein Lied an. „Kinder sind immer wieder für eine Überraschung gut, das ist das Tolle daran“, kommentiert David und beißt in sein Frühstücksbrot. Die Kinder scharen sich um ihn. „Männliche Erzieher sind eben selten“, ist seine Erklärung. Nachdem man sich beim Frühstück gestärkt hat, beginnt die Müllsammelaktion mit einem von Nina verlesenen Brief, in dem der „Müllmonstergeneral“ um Hilfe bittet und die Monster zu Müllpolizisten ernennt. Diesem Rang machen die Grundschüler alle Ehre. „Wie kriegen wir den Betonblock da weg?“ gibt Jonte den Auftakt. Mit bloßen Händen – Handschuhe entdecken sie erst später – heben sie Altkleider, Töpfe, Reifen, Steine und Plastikplanen auf und schaffen sie zur Sammelstelle, wo alles in Säcke verpackt wird. Die Freilegung des Steinquaders erweist sich als schwierigste Aufgabe. Selbst die Idee, einen Baum auszureißen, weil er im Weg ist, kommt auf. Eine gute Erziehung wird bei allem spürbar, sie helfen sich gegenseitig, keiner sträubt sich, mit anzupacken. Sätze wie „Wir sind auf dem richtigen Weg“ oder „Gemeinsam schaffen wir das“ sind zu hören. David ist begeistert: „Jetzt haben sie eine Aufgabe, eine Mission – das macht einen selbst glücklich.“

Gruppenleiterin Nina bedient sich ihrer Trillerpfeife, um die eifrigen „Müllmonster“ zusammenzutrommeln. Sie hat einiges an Theorie vorbereitet. Denn es gehört zur Aufgabenstellung, Wissen über den Wald und die Müllentsorgung zu vermitteln. Immerhin hat die ganze Klasse in Vorbereitung des Projektes eine Waldbegehung mit Experten gemacht und im naturwissenschaftlichen Unterricht das Thema theoretisch behandelt. Ihre Plakate sind groß und sehr ansprechend für die Kinder, die sich im Kreis um die Betreuer versammelt haben. Leslie zeigt sich beeindruckt von der Allgemeinbildung der Grundschüler. „Eine Plastiktüte braucht eine Million Jahre, um sich zu zersetzen“, weiß Jonte aus dem Fernsehen. Die Kinder sind konzentriert und arbeiten mit. Sie spüren, dass sie hier im Mittelpunkt stehen, alles ist für sie vorbereitet worden und wenn sie verbessern oder verändern wollen, dann hört man ihnen zu und geht auf sie ein.

Nachdem der Müll dem Zweckverband übergeben wurde und es auch von dort ein großes Lob für die eifrigen Monster im Dienste des Waldes gab, geht es in Zweierreihen zurück zur Grundschule. Der Geräuschpegel ist hoch, die Kinder haben viel erlebt, und auch die Betreuer bereiten auf dem Rückweg schon mal nach. „Kriegt Ihr Noten?“ zeigt sich der neunjährige Rojhat angesichts eines Gespräches zwischen den Erziehern überrascht, dass es den Erwachsenen nicht besser geht als Grundschülern. Einige Minuten ist er still, aber dann steht sein Urteil fest: „Ich würde euch eine Zwei geben.“

Von Anke Schlicht