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Reportage Vom Ballerspiel zum "netten Zeitvertreib"
Mehr Reportage Vom Ballerspiel zum "netten Zeitvertreib"
19:02 24.02.2010
Reportage: LAN-Party für Eltern Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

„Sie sind ein Terrorist und müssen eine Bombe verstecken.“ Spieleprofi Oliver Jathe zeigt „Neuling“ Karl Thun, wie es geht. Um die beiden herum stehen 30 Computer, auf deren Bildschirmen bunte Bilder flackern. Die Lüfter der Rechner rauschen. Es herrscht gespannte Atmosphäre. Beim Computerspielklassiker „Counter Strike“ läuft der Schütze mit einer Waffe in der Hand durch eine virtuelle Stadt und muss auf dem Weg zu seiner Mission so viele Gegner wie möglich ausschalten. „Mit den Tasten bewegen sie sich vor und zurück und mit der Maus drehen sie ihren Kopf“, erklärt Jathe. Thun blickt konzentriert auf den Bildschirm und befolgt die Ratschläge. Doch ein paar Mausklicks später ist die Mission gescheitert. „Jetzt sind sie gestorben“, sagt Jathe, nachdem ein Schuss die Spielfigur niederstreckt. „Versuchen sie es gleich noch mal.“ Wie Thun sind noch 80 weitere Eltern in der Alten Exerzierhalle zusammengekommen, um bei einer speziellen LAN-Party einmal das Hobby ihrer Kinder auszuprobieren. Neben „Ballerspielen“ sind an den Computern auch Strategie- und „Jump-and-Run-Spiele“ installiert.

„Counter Strike“ ist

ein netter Zeitvertreib

Als LAN-Party wird ein Zusammenschluss von mehreren Computern bezeichnet, die durch ein „Local Area Network“ (LAN) miteinander vernetzt sind. Die Spieler an den Rechnern können auf diese Weise in einem Spiel gegeneinander antreten. Solche Veranstaltungen wurden in den 90ern populär, nachdem die Technik es möglich machte, dass neben vom Computer generierten Gegnern auch gegen reale Spieler gespielt werden konnte. Das machte den Spielverlauf unvorhersehbar. Zunächst schlossen sich nur ein paar Dutzend Spieler zusammen. Heute gibt es Partys, bei denen, abhängig von den Räumlichkeiten, mehrere Hundert Spieler gegeneinander spielen.

Karl Thun versucht sich inzwischen erneut an seiner Mission in „Counter Strike“. Auf dem Bildschirm ist eine Festung zu erkennen, durch die Thuns Figur mit einer Pistole in der Hand läuft und versucht, Feinde zu eliminieren. Entschlossen klickt Thun auf seiner Maus herum, um einen Kämpfer vor ihm mit gezielten Schüssen zu erledigen, doch statt dessen geht seine Figur nach wenigen Treffern zu Boden. „Da brauche ich wohl noch etwas Übung“, sagt er. Das Spiel wurde ihm von seinem 13 Jahre alten Sohn empfohlen, dem er dabei bereits über die Schulter geschaut hatte. „Ich muss sagen, das ist eine netter Zeitvertreib“, findet er. „Man muss sich eine intelligente Strategie überlegen.“

„Wir bauen keine Häuser, wir beschwören sie herauf“

Einen Tisch weiter sitzen Caroline Dietrich und Dorte Bonde Exner vor dem Spiel „Warcraft III“, dem Vorgänger des aktuell erfolgreichsten Online-Rollenspiels „World of Warcraft“. Experte Hendrik Pöppel erklärt den beiden, worum es geht. „Wir müssen zunächst eine Basis aufbauen. Dazu müssen wir Rohstoffe sammeln und Bäume fällen. Je mehr Rohstoffe wir haben, desto größer wird unsere Basis und desto mehr Männchen können wir bauen, die wiederum am Aufbau mithelfen können.“ Auf dem Bildschirm ist ein Waldgebiet aus der Vogelperspektive zu erkennen. Bonde Exner bewegt den Mauszeiger gekonnt über die Szenerie und klickt die Figuren an, die Pöppel ihr zeigt.

Plötzlich wird es hektisch. „Unsere Basis wird angegriffen“, warnt Pöppel. „Ich glaub', es geht los“, sagt Dietrich. Doch nach wenigen Minuten ist der Angriff abgewehrt und sie können ein Gebäude errichten. Auf dem Bildschirm bewegt sich eine Figur und unter vielen Blitzen erhebt sich wie von Geisterhand ein Gebäude aus der Erde. „Wir sind ein untotes Volk, deshalb bauen wir nicht, wir beschwören die Häuser herauf“, erklärt Pöppel.

Mit der ersten LAN-Party für Eltern traf der Fachdienst Jugendarbeit der Stadt Celle um Ulrich Siegmann vor gut drei Jahren genau ins Schwarze. Es war die erste LAN-Party ihrer Art in Deutschland und seitdem wurden bundesweit zahlreiche Veranstaltungen nach ihrem Vorbild durchgeführt. Mittlerweile wird sie vom Land Niedersachsen gefördert, damit auch die Unterstützung durch Experten nicht zu kurz kommt.

„Spannende Bücher

sind furchtbar“

Einer dieser Profis ist Elternmedientrainer Moritz Becker vom Verein Smiley. Mit einem unterhaltsamen Vortrag über die Geschichte der Computerspiele stimmt er die Teilnehmer auf den Abend ein und nimmt ihnen die Angst vor den ach so bösen Spielen. „Kennen sie das hier noch?“, fragt er und hält ein Buch hoch. „Bücher sind schlimm. Wenn sie zu spannend sind, kann man sich damit die Nächte um die Ohren hauen und kommt morgens ganz unausgeschlafen zur Arbeit. Den gleichen Effekt haben auch Computerspiele, doch bei Büchern scheint es nicht so schlimm zu sein. Niemand käme auf die Idee, Bücher weniger spannend zu machen, damit die Menschen mehr Schlaf bekommen.“

Beckers Argumente sind bestechend. Hier das nächste: „Ich kenne einen Mann, der spielt jeden Mittwoch von 18 bis 22 Uhr „World of Warcraft“ und möchte dabei nicht von seinen Kindern gestört werden. Unverantwortlich, sagen Sie? Würde dieser Mann nicht Computerspiele sondern Geige spielen und müsste obendrein einmal im Monat zur Orchesterprobe, würde kein Mensch die Vernachlässigung seiner Kinder bemängeln.“ Viele Eltern nicken und lächeln. „Er hat Recht“, scheinen sie zu denken. Auch Teilnehmer Uwe Gebhardt ist begeistert von dem Vortrag. „Ich sehe das jetzt alles nicht mehr so eng“, sagt der Vater von zwei Söhnen. „Wie kann man das alten Säcken wie uns besser erzählen als so?“

Am Rande der LAN-Runde kommt Bewegung ins Spiel. Hier steht das, was Elterncoach Becker zuvor als gesellschaftsfähigste Computerspielkonsole bezeichnete: Die Nintendo Wii. Hierbei verharrt der Spieler nicht mehr nur untätig auf dem Sofa, sondern muss sich real bewegen. Mit einem passenden „Board“ können Bewegungen wie beim Snowboarden oder bei Aerobic imitiert werden und mit dem „Controller“ kann geboxt, Tennis gespielt oder gegolft werden. Falk Wiedenroth und Adrian Bock bereiten sich gerade auf einen Schwertkampf vor. Dazu halten sie die gut 15 Zentimeter lange Steuerungseinheit wie einen Schwertgriff und hauen drauf los. Mit einem Infrarotstrahl sowie Bewegungs- und Geschwindigkeitssensoren überträgt die Wii die Aktionen des Spielers auf den Bildschirm. Macht er einen Schwerthieb, macht die Figur auf dem Bildschirm es ihm nach. Originalität ist das Credo der Wii und sportliche Wettkämpfe sind nur der Anfang. Mittlerweile gibt es Spiele für jede Alltagsituation. Da kann Sushi gerollt, Auto gefahren oder ein Apfel geschält werden. „Zuhause habe ich ein Spiel, da muss ich als Chirurg Operationen durchführen“, erzählt Wiedenroth.

Einzige Gefahr:

Lachmuskelkater

Muskeln ganz anderer Art werden beim Spiel „Ice Age III“ strapaziert. Wie im Kinofilm rennt das kleine Faultier über den Bildschirm durch eine prähistorische Landschaft. Davor sitzen Stefanie Lehne und Marion Lauckert und kriegen sich vor Lachen kaum noch ein. Das watschelige Tier hat es den beiden Kindergärtnerinnen angetan. „Wir wissen überhaupt nicht, wie das geht“, jappst Lauckert. „Wie komme ich denn jetzt an die magische Erdbeere?“ Unschlüssig blicken beide auf die Szenerie. Das Faultier steht derweil missmutig vor einem Stein. Ungeduldig scheint es die Spielerinnen anzublicken. Es tippt mit dem Fuß auf und stöhnt „Uhh!“. Die beiden Damen sind nicht mehr zu halten und wischen sich Lachtränen aus den Augen.

Bis nach Mitternacht tauchen die Teilnehmer der zweiten Eltern-LAN-Party in die virtuellen Welten ein. Am Ende nimmt jeder mit nach Hause, dass Computerspiele nur ein moderner Zeitvertreib sind. Wer will kann sich noch über die Risiken übermäßigen Spielekonsums informieren, doch die Botschaft von Medientrainer Becker ist eindeutig: „Kinder wollen Abenteuer erleben und wenn das im realen Leben nicht möglich ist, müssen die eben im Computer passieren. In Zeiten, in denen Kinder mit Glühlampen statt Kerzen auf Laternenumzüge gehen, bleibt kein Platz für Nervenkitzel. Kinder brauchen schwierige Situationen, die sie meistern müssen. Lassen Sie Abenteuer zu und haben auch Sie viel Spaß beim Spielen!“

Von Stefan Kübler