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Reportage Wochenmarkt: Heizstrahler wärmen Bananen und Orangen
Mehr Reportage Wochenmarkt: Heizstrahler wärmen Bananen und Orangen
17:53 01.02.2012
Reportage: Marktleute trotzen der K‰lte Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Morgens, zehn Uhr, der Celler Wochenmarkt: Minus sieben Grad Celsius zeigt das kleine weiße Fensterthermometer, nach wenigen Minuten sind die Füße eisekalt, trotz winterfester Outdoorschuhe, trotz dicker Wollsocken, Felleinlagen, warmer Strumpfhose. Nur wenige haben sich an diesem Mittwoch herausgewagt in die Innenstadt, wo auf Stechbahn und am Markt frische Waren verkauft werden. Nur die Marktbeschicker, sie weichen nicht, sie rüsten sich.

Das Kältehoch Cooper überzieht ganz Europa mit sibirischen Temperaturen, in unseren Nachbarländern gibt es dutzende Tote. Minus 16,4 Grad herrschten gestern Mittag auf dem Brocken. Auch in Celle werden die Temperaturen so langsam zweistellig, minus zwölf Grad zeigte das Thermometer in der vergangenen Nacht. Frühestens in einer Woche sollen die Temperaturen wieder über den Gefrierpunkt klettern.

Gasflaschen sind es, die das Marktgelände derzeit warm halten. Sie hängen von Zeltstangen, gucken aus Bustüren, stehen unter hoch bestapelten Warentischen. Aufgeschraubte Heizstrahler wärmen die Marktbeschicker, ihre Kunden, Radieschen, Zwiebeln, rote, gelbe, grüne Paprika - und unbedingt die Bananen, denn die vertragen die Kälte besonders schlecht. „Im Winter vor zwei Jahren haben wir über 40 Flaschen Gas verbraucht“, erinnert sich Rüdiger Korber. Er betreut vor der Stadtkirche den Stand vom Hof Rotdorn.

Den Salat trifft es zuerst. Die Blätter werden schlapp, später matschig. Die Eisfachatmosphäre zerstört die Zellstruktur, darauf müssen die Marktbeschicker aufpassen. Auch Orangen haben es bei diesem Wetter schwer: „Sechs Grad können sie ab“, sagt Klaus Hinz, „danach werden sie bitter.“ Der Blick aufs Fensterthermometer kürt seinen Stand jedoch zum wärmsten an diesem Tag: Zehn Grad Celsius, „da sind mir meine Schuhe schon fast wieder zu warm“, scherzt eine Kundin. „Bei uns ist es schön warm“, verspricht ein Schild auf der schützenden Plane - stimmt.

Nur die farbenfrohen Stände der Blumenhändler sieht man dieser Tage gar nicht mehr. „Das bringt nix“, sagt Korber, „die Leute kriegen Blumen nicht einmal bis nach Hause.“ So sind Stechbahn und Markt fast leer, geblieben sind einige Obst- und Gemüsehändler und die beheizten Wagen von Feinkost-, Käse-, Fischständen.

Und der Honigstand von Geraldine Voigt. Ohne Plane, ohne schützende Außenwände und so ganz ohne Gasheizstrahler harrt die junge Frau hinter ihren Honiggläsern aus. Warm eingewickelt hat sie sich, in einen langen Mangel, drei Strumpfhosen und ein Paar Stulpen, dicke Schals und Pullover, ein Kopftuch und eine Mütze. „Tee hält mich warm“, sagt sie, fügt mit einem Lachen hinzu: „Und ansonsten friere ich mir hier einfach einen ab.“ Im Café nebenan sitzt ihr Mann; die beiden wechseln sich ab, dann ist die Kälte leichter zu ertragen.

Ihrem Honig macht der Frost nichts aus, auch wenn das Fensterthermometer zwischen den Honiggläsern nur noch minus fünf Grad anzeigt.

„Honig friert nicht ein, er zieht sich zusammen“, erläutert Voigt und zeigt ein Glas. Der Honig hat sich innen vom Glas abgesetzt, feine Linien zeichnen sich auf der goldenen Masse. Kommt er in die Wärme heimischer Küchen, wird der süße Brotaufstrich wieder flüssig.

Handgestrickte Schafswollsocken, ein Angora-Pullover, der Mantel mit Opossum-Fell besetzt - Hildegard Steinbömer weiß sich warm zu halten. Aus Thorn an der Weichsel kommt sie ursprünglich, ab 1976 führte sie 30 Jahre lang Gäste durch die Celler Innenstadt - bei jedem Wetter, und so geht sie auch bis heute zweimal die Woche auf den Markt: „Eine warme Kopfbedeckung ist das Wichtigste“, hat sie gelernt, „warme Füße, warme Hände, warmer Kopf.“ Das findet auch Korber: „Entscheidend“, sagt er, „entscheidend ist der richtige Filzhut“, sagt er, und tippt sich an den selbigen.

Die Kälte mindert den Gewinn, das ist das Hauptproblem der Marktbeschicker. Gasflaschen kosten Geld, 16 bis 17 Euro das Stück, schätzt Korber. Dazu kommen die Personalkosten: „Wir müssen die Heizstrahler aufstellen, den Stand gut abdichten, mehr auf die Ware aufpassen.“ Trotzdem, noch lohnt sich der Marktstand. So lange es nicht glatt ist, kämen die Kunden auch. Außerdem sind an diesem Mittwoch nicht alle Gemüsehändler aus der Gegend gekommen. Viele haben Sorge, dass sich der Stand nicht lohnt, weil die Kosten zu hoch sind. Hat Korber heute etwas verdient? Er beantwortet die Frage ungern, beschränkt sich auf: „weniger als sonst.“

Von Isabell Prophet