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Reportage Wohnungsräumung: Keine Zeit für Sentimentalitäten
Mehr Reportage Wohnungsräumung: Keine Zeit für Sentimentalitäten
19:39 11.02.2015
„Es war schon mal so extrem, dass ich einen Würgereiz bekam": Stefan Scheffler Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Carola Bergmann ist zufrieden: Stefan Scheffler und Ulli Wohlgemuth haben ganze Arbeit geleistet. Innerhalb von drei Stunden haben sie die Wohnung von Michael Beier (Name geändert) geräumt. Besenrein.

Zuletzt säubert Stefan Scheffler mit dem Staubsauger den dunkelblauen Teppichboden im Schlafzimmer. Der Beutel ist voll, entsprechend riecht es. „Nee, der Staubsauger war hier“, sagt Scheffler und legt das Gerät anschließend zum Elektroschrott auf die Ladefläche seines Lastwagens. Das letzte Teil aus der Wohnungsauflösung, bevor die Reste aus dem Schuppen mit einem Scheppern auf dem Wagen landen.

Bewohner schaffte es nicht mehr allein

Michael Beier (72) wohnte am äußersten Rand im Celler Westkreis. Er wurde seit seinem Schlaganfall regelmäßig vom Pflegedienst versorgt. Dann nahm die Demenz zu, und Beier kam nicht mehr allein zurecht in seiner Zweizimmerwohnung.

„Als der Pflegedienst kam, war er gerade dabei, die Stromkabel der Haushaltsgeräte zu kappen. Ein Glück, dass nicht mehr passiert ist“, berichtet Carola Bergmann. Sie wurde im November vom Amtsgericht zur Betreuerin bestellt und muss nun alle Angelegenheiten für Beier regeln. Kurzzeitpflege, Heimunterbringung, Vermögensangelegenheiten, Wohnungsauflösung. „Ich muss möglichst nach den Wünschen und Vorstellungen des Betreuten handeln. Also auch doppelte Kosten vermeiden“, sagt sie.

Bergmann ist Betreuerin für insgesamt 42 Personen. Seit 2004 arbeitet sie für das Amtsgericht, zunächst ehrenamtlich, seit 2008 hauptberuflich. „Wir sind 30 Berufsbetreuer im Amtsgerichtsbezirk“, fasst die Langlingerin Carola Bergmann eine Berufsgruppe zusammen, die nach ihren Worten „ein Leben im Untergrund“ führt. Die Betreuer werden immer dann aktiv, wenn die hilfsbedürftigen Personen nicht mehr selbst entscheiden können. So wie Michael Beier. Der lebte jahrelang allein, hatte nur spärlichen Kontakt zu seinen Kindern und Angehörigen. Inzwischen wohnt er in einem Celler Heim. Jetzt galt es, die Wohnung aufzulösen.

Darum kümmern sich Stefan Scheffler und Ulli Wohlgemuth an diesem dunklen, nasskalten Wintermorgen. Schemenhaft sieht man die schwarzen Schatten der Wohnungsräumer auf dem nassen Gras - spärlich beleuchtet von der Lampe über dem Küchentisch. Der grüne Lastwagen mit der großen leeren Ladefläche steht direkt vor der offenen Haustür. Das erspart lange Transportwege, denn Schränke, Sessel, Tische, Bett, Geschirr und Wäsche müssen aus der Wohnung beseitigt werden. Sauber getrennt nach Holz und Restmüll. Aus den Schränken werden Gläser, Töpfe, Haushaltsutensilien, Kochlöffel geräumt.

Ein Leben wird entsorgt.

Die braunen Lederschuhe landen zwischen der Flasche Sangria und der Scheuermilch neben persönlichen Fotos und Erinnerungen in dem Restmüllcontainer. Ein Leben wird entsorgt. Rückstandslos.

„Ich bin seit 26 Jahren selbstständig“, sagt Stefan Scheffler, der den Auftrag zur Wohnungsräumung erhalten hat. Er fand nach seiner Tischlerlehre keinen Job und entschied sich zur Selbstständigkeit. Er gründete seinen Ein-Mann-Betrieb. Jetzt lebt er von Wohnungsauflösungen und vom Schrotten. „Vom Schrott allein kann man nicht leben – und von diesem auch nicht“, drückt Scheffler aus, dass er sich ständig vielseitig orientieren muss, um sein Auskommen zu haben. Deshalb überlegt er, einen Lastwagenführerschein zu machen, um auch größere Fahrzeuge fahren zu können. Dann habe er bessere Arbeitsmöglichkeiten, sagt der 48-jährige Unternehmer, der etwa 20 Wohnungen im Jahr räumt. Neulich hat er die großen Werbeflächen der AOK an dem asbesthaltigen Gebäude in Hannover recycelt und die Restbestände eines Celler Sanitärbetriebes entsorgt.

Nach einer Besichtigung gibt er ein Kostenangebot ab. Überwiegend mit einem Festpreis. „Das muss für den Auftraggeber kalkulierbar sein.“ Meistens komme er mit seinen Berechnungen genau hin.

Messie-Wohnungensind Alptraum

„Es war schon mal so extrem, dass ich einen Würgereiz bekam“, berichtet Scheffler über eine Räumung. Dreck, Kot, Urin, schimmelige Essensreste bedeckten den Fußboden. „Im Keller stand ich in Gummistiefeln im Schacht …“ Heute sei das eine recht saubere Wohnung, beschreibt Scheffler seinen aktuellen Auftrag.

Durch seinen kräftigen Tritt fällt die Rückwand des Kleiderschrankes heraus, die Scharniere der Türen geben dem Ruck des erfahrenen Wohnungsräumers nach. So lassen sich die Schränke in Einzelteile zerlegen. „Wenn wir in die Wohnungen reinkommen, ist eh nur noch Müll über“, fasst Stefan Scheffler seine Erfahrungen zusammen. „Manche Wohnungen sehen aus wie nach einem Einbruch“, schildert er die Situation, wenn häufig Angehörige von Bewohnern nach Geld, Schmuck, Papieren und Wertvollem gesucht haben. „Da bleiben Fotos und Erinnerungsstücke zurück, selbst Kontoauszüge.“ Scheffler versteht oft nicht, wie Menschen mit den Hinterlassenschaften ihrer Angehörigen umgehen.

Der Picasso kommt auch noch mit

Wieder landet eine Kommode auf der Ladefläche. Hier steht Ulli Wohlgemuth mit einem dicken Hammer und lässt diesen mit einem dumpfen Knall unter der Arbeitsplatte genau so aufkommen, dass das Holz zersplittert und sich die einzelnen Bretter stapeln lassen. „Ich habe inzwischen keinerlei Berührungsängste mehr mit den Klamotten“, beschreibt der 67-Jährige seine Gefühlslage. Ob altdeutsch oder Eiche rustikal. Er sei seit 20 Jahren dabei und jetzt Rentner. Mit Scheffler arbeitet er schon lange zusammen. „Für Stefan ist wichtig, dass er pünktlich und zuverlässig die Wohnung räumt.“

Also müsse er sich auf ihn verlassen können. Und das kann er. „Und den Picasso nehmen wir auch noch mit“, wird der gerahmte Kunstdruck vom Nagel genommen und auf dem Lastwagen verstaut.

Von Lothar Bluhm