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Reportage Zeitreisende in "Gewandung" in Wieckenberg
Mehr Reportage Zeitreisende in "Gewandung" in Wieckenberg
12:08 22.03.2017
Wieckenberg

“Huch, hier kommt mir sonst nie jemand entgegen. Und jetzt gleich so viele. Das ist ja wie im Film“, meinte eine Spaziergängerin, als ihr am vergangenen Sonntag kurz hinter Wieckenberg eine Gruppe von rund 120 Menschen begegnete, die wie aus der Zeit gefallen schienen. Doch es waren keineswegs Mitglieder einer Schauspiel- oder Theatergruppe, sondern Geschichtsinteressierte, die an jenem verregneten Tag in historisch nachempfundener Bekleidung ihre mittlerweile fünfte “Gewandungswanderung“ auf historischen Pfaden durchführten.

Mehr und mehr Menschen beschäftigen sich intensiv mit den Genres “Living History“, “Histotainment“ und “Reenactment“. Sie vertiefen sich in die Geschichte, leben sie sozusagen nach. Und so waren die Teilnehmer nicht nur aus dem Raum Celle, Hannover, Wolfsburg, Hildesheim und Hamburg, sondern zum Beispiel auch von weiter her aus Köln und Duisburg angereist.

Mit allen SinnenGeschichte erleben

Die Bezeichnung „Living History“ – aus dem Englischen für „gelebte Geschichte“ – hat ihren Ursprung in der museumspädagogischen Praxis. Es handelt sich dabei um eine Wissenspräsentation, ist zugleich aber auch eine Lehrmethode, die deutlich mehr als nur simple Fakten vermittelt. Man erlebt und lernt sozusagen mit allen Sinnen. Als „erlebnisorientierte Lernorte“ dienen dabei unter anderem archäologische Parks, Freilichtmuseen, Burgbelebungen oder auch Präsentationen in Museen.

Beim „Histotainment“ – eine Wortschöpfung aus “History“, englisch für Geschichte, und “Entertainment“, also Unterhaltung – wiederum handelt es sich um den Versuch, historische Informationen in einer unterhaltsamen Form zu vermitteln. Das können beispielsweise historische Romane, Historienfilme oder Fernsehbeiträge mit zeit­geschichtlichen Themen sein, aber auch Mittelaltermärkte fallen durchaus in diese Kategorie. Und dann gibt es noch das „Reenactment“. Darunter versteht man genau genommen eine Neuinszenierung, also Wiederaufführung, von konkreten historischen Ereignissen, möglichst auch noch an den Originalschauplätzen.

Freie Bauern nebenrömischen Soldaten

Die Wanderer in Wieckenberg kamen in Gestalt von Merowingern, Auxiliaren, das waren Hilfstruppen der römischen Legionen, die aus den Provinzen rekrutiert wurden, frühmittelalterlichen Frilingen (freien Bauern) in Begleitung ihrer Servi (Knechte), Edelingen, skandinavischen Kriegern und Rus, hochmittelalterlichen Geistlichen wie Beginen, Adligen und niederem Volk, spätmittelalterlichen Pilgern, Mitgliedern der Hildesheimer Stadtwache und Angehörigen des Templerordens daher. Auch ein Highländer des 17. Jahrhunderts war dabei. Die Zeitspanne der Darstellungen reichte vom vierten Jahrhundert bis in die frühe Neuzeit.

Für die Geschichtsdarsteller ist so ein Treffen stets eine willkommene Gelegenheit des Austauschs. Sie kennen sich zum Teil nur aus den sozialen Netzwerken oder sehen sich vielleicht ein- oder zweimal im Jahr auf Veranstaltungen. Da wird solch eine Möglichkeit, Informationen und Neuigkeiten auszutauschen, nur allzu gern wahrgenommen.

Startpunkt der diesjährigen Gewandungswanderung war der Büchtmannshof in Wieckenberg. Von dort ging es zunächst einmal nur wenige Meter weiter zur Besichtigung der Stechinellikapelle. Dort bekamen die Wanderer einen interessanten Einblick in die Historie des Bauwerks, das von außen fast wie ein Bauernhaus daherkommt, aber mit seinem prachtvollen barocken Inneren zu überraschen weiß.

Dann begann die eigentliche Wanderung. Alle Hoffnungen auf trockenes Wetter hatten sich inzwischen zerschlagen. Es ging zunächst Richtung Süden, aber keineswegs der Sonne entgegen, sondern bei leichtem Niesel- bis hin zu konstantem Landregen zur historischen Waldschmiede. Nach einer Rast machte sich die Gruppe zwischen Feldern und Wäldern über regennasse, teils schlammige Pfade auf den Weg zurück zum Ausgangspunkt.

Testlauf fürden Jakobsweg

Dort angekommen, lag nun ein knapp zehn Kilometer langer Marsch unter nicht ganz einfachen Bedingungen hinter den Teilnehmern, wobei sich einmal mehr zeigte, dass die historischen Gewänder und auch das dazugehörige Schuhwerk der heutzutage getragenen sogenannten Funktionskleidung in nichts nachstehen. Denn auch das war ein Ziel der Wanderung: die Rekonstruktionen einem praktischen Test zu unterziehen. "Ich habe vor, mich im Mai in meiner historischen Bekleidung auf den Jakobsweg zu begeben. Für mich ist das hier sozusagen ein Testlauf", so Jens Diedrich aus Rinteln. Trotzdem waren jetzt wohl alle erst einmal froh, wieder im Jahr 2017 angekommen zu sein und den Tag bei Kaffee und Kuchen im Café des Büchtmannshofes ausklingen zu lassen.

Die Organisatoren der Wanderung, Ulrich Klages und Kathrin Homann gehören zu der Gruppe “Scotelingo“. "Seit mittlerweile zehn Jahren betreiben wir Living History nun schon als Hobby und beschäftigen uns vornehmlich mit der Geschichte unserer niedersächsischen Heimat in der Zeit um 700 nach der Zeitenwende", so Klages.

Wie waren zu jener Zeit die Lebensumstände eines sächsischen Frilings und seiner Hofgemeinschaft? Wie wohnten die Menschen damals? Woraus bestand ihre Ernährung und wie kleideten sie sich? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, gehen sie wissenschaftlich vor, ziehen ihre Erkenntnisse bezüglich der Darstellung aus historischen Quellen und archäologischen Fundlagen.

Ein wichtiger Bestandteil ihrer Studien ist es auch, verschiedene landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten nachzuarbeiten. Dies sind dann die Grundlagen, die sie interessierten Zuschauern beispielsweise auf musea­len Veranstaltungen vermitteln.

Nächste Treffen stehen schon fest

Ein Event aus dem Bereich des Reenactments findet am 20. und 21. Mai im Erlebniswald Trappenkamp im schleswig-holsteinischen Daldorf statt, wo die Schlacht von Suentana aus dem Jahr 798 nach Christus inszeniert wird. Bei dieser Veranstaltung wird man dann sicher auch Mitglieder der Gruppe “Dat Beekfolk“ treffen, die ebenfalls in Wieckenberg mit dabei waren. Oder die “Röde Varg“, die “roten Wölfe“ aus Wolfsburg beim Wikingermarkt in Jork vom 25. bis 28. Mai.

All diese Frauen und Männer, die sonst ganz “normalen“ Tätigkeiten nachgehen, beispielsweise als Brandschutztechniker, Dachdecker, Projektleiter im Prototypenbau, Lehramtsstudent, Notfallsanitäter, Zierpflanzengärtnerin oder Ausbilder für Fachpraktika, verbindet die Leidenschaft für “gelebte Geschichte“. Die Gewandungswanderung in Wieckenberg war für sie somit der Auftakt für die Saison 2017.

Von Kirsten Glatzer