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Serien Ein Demonstrationsbetrieb im Moor
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18:38 10.02.2012
Kudammhof - fotos von J¸rgen - Kˆhler-Gˆtze Quelle: nicht zugewiesen
Großmoor

Der Name des Ortsteils spricht Bände: Dort, wo sich heute an der Straße mit dem großen Namen Kurfürstendamm ein Haus ans andere reiht, war vor einigen Jahrzehnten tatsächlich nur Moor und ein Gefängnis. "Das ist hier erst nach dem Ersten Weltkrieg trockengelegt worden", weiß Friederike Schultz, und zwar großenteils durch die Gefangenen, prominentester unter ihnen der Massenmörder Fritz Haarmann. Ja, bestätigt Johannes Erkens, der Haarmann mit dem Hackebeilchen, der habe hier eine Weile eingesessen.

Erkens und Schultz sind in zweiter Generation Besitzer des Kudammhofs, die Höfe entlang des Kurfürstendamms sind nämlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden. "Für Flüchtlinge aus Ostpreußen", erklärt Schultz, "und mein Vater war einer davon." Zehn Hektar bekamen die Neubürger von Adelheidsdorf damals zugeteilt, um sie zu bewirtschaften. "Arrondiert", betont Schultz, das heißt, dass das Land nicht irgendwo zerstückelt in der Gegend war, sondern zusammenhängend und in der Nähe des Hofes. Damals konnte man als Bauer von dieser Fläche leben. Heute wohl kaum.

Inzwischen ist die landwirtschaftlich genutzte Fläche des Betriebs auf 60 Hektar angewachsen.

Friederike Schultz ist so jung Hofbesitzerin geworden wie wohl selten ein Landwirt: "Ich war 18 Jahre alt, als mein Vater mir offiziell den Hof übertragen hat. Da war ich noch mitten in der Ausbildung." Auf einem Biolandbetrieb übrigens. 1991 starb ihr Vater, da war Schultz 22 Jahre jung und aus der formellen Hofübertragung wurde Ernst. Ihr Studium der Agrarwirtschaft hat sie 1997 abgeschlossen. "Ich habe mein Studium für die Umstellungsplanung genutzt", sagt Schultz. Schon damals war klar, dass sie den Hof als Bio-Betrieb führen wollte, angeschlossen an den Verband Bioland, "ganz einfach deshalb, weil wir da klare Richtlinien haben".

Und seit 2000 ist der Kudammhof gar einer von bundesweit 200 "Demonstrationsbetrieben Ökologischer Landbau" aus dem Programm des Bundeslandwirtschaftministeriums. Die öffnen gerne ihre Hoftore und zeigen, wie das mit dem Ökolandbau wirklich funktioniert.

Ein wenig misstrauisch ist das damals wohl von mehr als einem Berufskollegen beäugt worden, was die Bios da so treiben, so ganz ohne Giftspritze gegen das Kraut. Umso mehr hat Schultz es kürzlich als Kompliment empfunden, dass ihr ein konventioneller Landwirt bescheinigt hat: "Das mit den Hühnern, das macht ihr schon gut."

1996 ist der Hof teilweise abgebrannt. 1997 hat Schultz mit 200 Hühnern angefangen. In Freilandhaltung, und die wird immer noch auf dem Kudammhof praktiziert. 6000 Legehennen sichern mit ihren Eiern den Familienunterhalt. Die werden in geräumigen und hellen Mobilställen gehalten, haben eine große Wiese als Auslauf, dürfen im Sand baden und bekommen Stroh und Körner zum Picken und Scharren. Und immer dann, wenn die Hühner eine Weide leergepickt haben, werden die Mobilställe mit zwei Treckern auf ein neues Stück Land gezogen. Als weitere Futtergrundlage wird für die Hennen Getreide angebaut.

"Wir würden auch gerne mehr Leguminosen (Hülsenfrüchte) anbauen", sagt Erkens, "aber das ist auf diesem Boden schwierig." 25 bis 30 Bodenpunkte, krautlastig, große Ertragsschwankungen - also kaufen sie von Biolandkollegen zu. Das zugekaufte Futter wird aufwändig kontrolliert, bevor es an die Hennen verfüttert wird, die rein vegetarisch ernährt werden.

Wenn die Hennen mal einen Regenwurm finden, dann werde der ihnen natürlich nicht streitig gemacht, lacht Erkens, "aber wo unsere Tiere scharren, gibt es keine Regenwürmer mehr. Als ob wir ein Verbotsschild für Würmer aufgestellt hätten."

Die Schweine, die vorher auf dem Hof waren, sind längst abgeschafft. Einen richtigen Markt für Bioprodukte habe es damals nicht gegeben, erinnern sich die beiden. "Der hat sich erst im Gefolge der BSE-Krise entwickelt und so richtig gehen Bio-Erzeugnisse erst seit fünf bis sechs Jahren."

Von Anfang an hat man auf dem Kudammhof auf Direktvermarktung gesetzt. "Am Anfang haben wir die Eier noch mit Lieferung an die Haustür verkauft, aber das kann man ja heute bei den Dieselpreisen gar nicht mehr bezahlen." Stattdessen hat der Kudammhof einen Marktstand auf dem Celler Wochenmarkt. Inzwischen macht der den kleinsten Teil des Hofumsatzes, der größere Teil wird durch die Belieferung von Bioläden und Edeka erlöst. Während der Dioxinkrise im vergangenen Jahr waren die Kudammhof-Eier zeitweise die einzigen Eier, die in diesen Läden überhaupt zu haben waren. Auch die Herstellung eigener Nudeln hat man auf dem Biolandhof schon länger eingestellt.

"Man darf sich nicht verzetteln", finden Schultz und Erkens, "man muss sich auf das konzentrieren, was man richtig gut kann. Nicht mal hier ein bisschen Gemüse und da mal ein bisschen Geflügel. Da macht man dann doch alles nur halb."

Der Hofladen hat auf Dauer auch zu viel Zeit gefressen und das Experiment, ihn auf Selbstbedienung umzustellen zeigte, dass vielleicht doch nicht nur ehrliche Kunden auf dem Biohof einkauften. Es verschwand einfach zu viel, ohne dass bezahlt worden wäre. Ökologische Hähnchenmast hatten beide einmal angedacht, aber das hätte kräftige Investitionen erfordert. Deswegen: Legehühner und eine kleine Herde von rund 20 Limousinrindern, deren Fleisch ebenfalls direkt vermarktet wird. Und auf dem Grünland noch einige Islandpferde, die einer Freundin gehören, die mit diesen heilpädagogisches Reiten anbietet.

Ändern wollen die beiden vor allem noch, dass sie keine Küken mehr kaufen müssen. Großgezogen werden die kleine Federbällchen jetzt schon auf dem Hof, aber eben zugekaufte. "Es gibt nur zwei Mutterherden in ganz Deutschland", versichert Erkens, und es bedeute immer einen ziemlichen bürokratischen Aufwand mit Sondergenehmigungen, damit überhaupt Küken aus diesen Herden als Biohühner gehalten werden dürfen. Damit soll irgendwann Schluss sein, die Küken sollen auf dem eigenen Hof schlüpfen.

Und wenn sie sich etwas wünschen dürften? Ganz spontan kommt die Antwort: "Dass der Flächenverbrauch endlich aufhört. Jeden Tag werden in Deutschland 100 Hektar zugebaut und sind für die Landwirtschaft verloren." Den Wunsch unterschreibt sofort sogar der konservative Bauernverbandspräsident.

Adresse: Kurfürstendamm 46, Adelheidsdorf, Ortsteil Großmoor

Fläche Anbau: 32 Hektar Ackerfläche (Winterweizen, Triticale, Ackerbohnen, Körnermais), 28 Hektar Grünland

Tiere: 6000 Legehennen, 20 Limousinrinder, 15 Islandpferde

Ernte: zufriedenstellend

Betrieb erst in den 50er Jahren gegründet

In zweiter Generation

Verheiratet, 2 Töchter

Fuhrpark: 1,5 Schlepper (der halbe gemeinschaftlich mit einem Nachbarn)

Von Jürgen Köhler-Götze