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Serien Folgen starker Gefäßverengung: Frührentner aus Celler Südkreis "von der Außenwelt abgeschnitten"
Mehr Serien Folgen starker Gefäßverengung: Frührentner aus Celler Südkreis "von der Außenwelt abgeschnitten"
22:11 24.11.2017
Celle-Landkreis

Celle.

Es ist ein freundlicher Sommertag 2017. Im Radio läuft leise Musik. Horst Kleine (die Namen wurden von der Redaktion geändert) ist guter Dinge. Er und seine Lebensgefährtin hatten ein schönes gemeinsames Wochenende zusammen verbracht und sind mit dem Auto auf dem Weg nach Berlin, wo Hannelore lebt. Vor deren Wohnung angekommen, beim Aussteigen, überfallen den 78-Jährigen heftige Schmerzen. Kleine erinnert sich: „ Ich hab mir erstmal nichts weiter dabei gedacht, nahm an, mein Bein sei eingeschlafen oder es wären verkrampfte Muskeln nach der langen Fahrt. Als es auch nach einer halben Stunde nicht besser wurde, bin ich zum Notfallarzt.“

Der Arzt überwies seinen Patienten nach einer kurzen Untersuchung sofort in ein Spezialkrankenhaus, wo er noch am selben Tag operiert wurde. Die Diagnose, von der Kleine in Gänze erst nach dem Eingriff erfuhr, war niederschmetternd: Aneurysma in der linken Kniekehle, Verstopfung der Beinarterien. „Der Arzt hat mir erklärt, dass die Schädigung bereits so fortgeschritten und nicht behebbar sei, dass ich im Grunde nur eine Wahl habe: Eine sofortige Oberschenkelamputation – meine Lebenserwartung betrage sonst noch etwa drei bis vier Monate.“ Durch die fehlende Durchblutung ist das Bein nicht mehr richtig versorgt, das Gewebe stirbt ab und das endet schließlich in einer Sepsis.

Kleine gibt seine Einwilligung und wird am nächsten Tag erneut operiert. „Ich war geschockt, aber die Tatsache, dass die Amputation noch für Sonntagmorgen angesetzt wurde, hat mir den Ernst der Lange vor Augen geführt.“ Zweieinhalb Monate verbrachte der Rentner in unterschiedlichen Kliniken in der Bundeshauptstadt. Dann wurde er entlassen. Mit einer ersten neuen Prothese und Verschreibungen von etlichen Therapien im Gepäck, kehrte er zurück in seine Wohnung auf dem Land und musste sehr schnell begreifen: „Ich bin hier komplett von der Außenwelt und dem Leben abgeschnitten – und das liegt in erster Linie an meiner fehlenden Mobilität.“

Mit Mobilität meint Horst Kleine nicht nur seine Gehbehinderung. Das mit der Prothese klappt immer besser – und die fleißigen Übungen mit Unterstützung von Fachleuten lassen gute Fortschritte erkennen. Dennoch ist sein Bewegungsradius, den er alleingehend schafft, ziemlich begrenzt. Aber mit seiner Prothese kann er nicht mehr seinen Pkw mit Schaltgetriebe fahren. Das ist aber seine einzige Chance, aus dem Dorf im Südkreis rauszukommen. „Ich bin ganz auf fremde Hilfe angewiesen, ich komme nicht zu Ärzten, in die Orthopädiewerkstatt, kann weder einkaufen noch zum Gottesdienst gehen.“

Auch um den Bestand seiner Partnerbeziehung zu Hannelore macht sich der alleinstehende Mann Sorgen. Die beiden haben sich über Bekannte kennengelernt und hatten trotz aller Zuneigung beschlossen, „es erst einmal langsam angehen zu lassen“ und zu sehen, wie sich die Beziehung entwickelt. „Hannelore hat selbst kein Auto in der Großstadt. Sie kommt, wenn sie kommt, also mit dem Zug. Jetzt kann ich sie nicht einmal vom Bahnhof abholen und eine Taxifahrt hierher kostet ein kleines Vermögen – das weiß ich aus aktueller Erfahrung. Auch sie ist in Rente und muss mit ihrem Geld haushalten.“ Die praktischen Autofahrten mit „Erst kommst du zu mir und dann ich zu dir“ fallen ganz aus.

Finanziell steht Kleine am Minimum. Die Maßnahmen, Zuzahlungen und Hilfsmittel rund um seine Erkrankung haben das kleine angesparte Polster längst verbraucht. Er wurde vor langen Jahren geschieden und Kinder oder andere Verwandte, die ihn heute finanziell unterstützen könnten, gibt es nicht. Schon für die Umstellung von Holz auf Ölheizung muss er künftig tiefer in die Tasche greifen – und die ist eigentlich leer. Da bleibt nichts für regelmäßige teure Zugfahrten – selbst nicht mit Behindertenvergünstigung.

Kleine ist verzweifelt, denn nur ein Pkw mit Automatik könnte seine Abtrennung von allem, was sein Leben selbstbestimmt und lebenswert macht, verhindern. Den könnte er mit seinem heilen rechten Bein noch fahren. Trotz Schwerbehinderten-Rabatt und Abwrackprämie für seinen alten Diesel reicht es aber längst nicht für einen Neuen – würde er einen „Gebrauchten“ wählen, entfielen diese Vergünstigungen. „Und einem Rentner in meinem Alter und mit meinen Bezügen gewährt keine Bank mehr Kredit“.

Von Doris Hennies