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Serien Traum einer Cellerin: "Jeder hat zweite Chance verdient"
Mehr Serien Traum einer Cellerin: "Jeder hat zweite Chance verdient"
16:19 27.01.2017
Quelle: Dagny Rößler
Celle Stadt

Mein Traum: Ich bin davon überzeugt, dass Gott uns allen dieselbe unantastbare Würde verliehen hat. Als Gesellschaft sollten wir jedem Menschen eine zweite Chance geben. Nur eine Tat macht nicht den ganzen Menschen aus. Wir sind alle nicht perfekt.

Der Weg dahin: Ich wollte Sozialarbeiterin werden und habe an der Hochschule Hannover studiert. 2015 kam ich als Berufspraktikantin zum "Projekt Brückenbau". Dort habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern und Jugendliche nicht liegt. Für Randgruppen interessiere ich mich viel mehr. Weil sie oft übersehen werden, hatte ich das Gefühl, hier mehr bewegen zu können. Nach dem Praktikum blieb ich hauptamtlich dabei. Nun habe ich die Fachleitung übernommen. Nach schon sechs Monaten Haft kann das ganze Umfeld wegbrechen. Noch vor der Entlassung helfe ich Straffälligen dabei, wieder Kontakte aufzubauen. Einen Mann begleite ich gerade dabei, den Führerschein zu machen. Ein anderer hat nach seiner langen Haft ein Smartphone geschenkt bekommen. Er hat mich gefragt, wie er es bedienen soll. Denn in der JVA sind Handys nicht erlaubt. Im Internet dürfen Inhaftierte nur surfen, wenn jemand dabei sitzt. Auch bei einer Geldstrafe schauen wir, wie Schulden reguliert werden können.

Das Problem: Straftäter haben keine Lobby. Momentan ist es unfassbar schwierig, für sie eine Wohnung oder einen Job zu finden. Dann werden sie zwangsweise obdachlos und kommen schnell mit Alkohol und Drogen in Kontakt. Wie sollen wir Hafterfahrene integrieren, wenn ihnen keine einer Chance gibt? Ich habe einen Mann getroffen, der lebenslang verurteilt wurde. Doch die schlimmste Zeit seines Leben waren die ersten beiden Jahre nach der Haft. Unser Zusammenleben wird nicht besser, wenn wir Haftentlassene ignorieren. Wenn wir sie ausgrenzen, fördern wir auch einen Rückfall. Außerdem gibt es viele Klischees, zum Beispiel das des Bösewichts, der eine schwere Kindheit hatte. Doch im Gefängnis sitzen auch "ganz normale Leute" aus allen Bildungsschichten. Ein Mord ist häufig eine Beziehungstat. Jeder Mensch lebt in Beziehungen. Mit einem Fehltritt oder Kurzschlussreaktion kann unser schönes Leben vorbei sein.

Das tue ich dafür: Beim "Projekt Brückenbau" leisten wir auch Präventionsarbeit und schützen weitere Opfer vor neuem Leid. Doch mit zwei Mitarbeitern ist das nicht zu schaffen. Daher verstehe ich die Straffälligenhilfe als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dienstags von 15 bis 18 Uhr findet in unserer Anlaufstelle das „Kreativcafé“ statt. Zur Bibel- und Gesprächsgruppe treffen sich regelmäßig freitags von 17.30 bis 19.30 Uhr Ehrenamtliche und interessierte Inhaftierte in der JVA Celle. Vielen Hafterfahrenen gibt es Kraft zu wissen, dass Gott der letzte Richter ist und kein Mensch. Gott kennt all unsere Fehler und sieht nicht nur das Schlechte in uns.

Von Dagny Rößler