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Typen Celler Typ: Margot Scharpenberg
Mehr Typen Celler Typ: Margot Scharpenberg
21:30 02.11.2010
Verbringt zwei Monate pro Jahr in Deutschland und ist dann auch gern gesehener Gast in Celle, der Stadt, aus der ihr verstorbener Mann stammte: Die gebürtige Deutsche und Schriftstellerin Margot Scharpenberg ist mittlerweile Staatsbürgerin der USA. Foto: Volkmer Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Margot Scharpenberg sitzt im Sessel, leicht nach vorn geneigt. In ihren Händen hält sie ein aufgeschlagenes Buch und liest eines ihrer Gedichte vor. Ihre Stimme hat einen warmen Klang und ihre Augen hinter den Brillengläsern leuchten. Man spürt deutlich: die Worte, die sie schon vor einiger Zeit niedergeschrieben hat, haben ihre Kraft und Bedeutung nicht verloren, weder für die 85-jährige Autorin, noch für den Zuhörer.

Ab und zu sieht sie auf, um Blickkontakt herzustellen, denn hier geht es nicht nur um einfaches Zuhören. Es soll mitgedacht und mitgefühlt werden, nur so kann die Botschaft des Gedichtes übermittelt werden. Margot Scharpenberg ist

amerikanische Schriftstellerin, stammt gebürtig aus Köln und heiratete 1957 den Mediziner und Felsbildforscher Klaus Wellmann aus Celle. Seit 1962 lebt sie in den USA und kommt alljährlich für zwei Monate nach Deutschland, um Freunde und Familie zu besuchen. Dann führt ihr Weg sie unter anderem auch immer wieder nach Celle.

„Ich fühle mich hier immer sehr wohl“, betont Margot Scharpenberg. „Meine Schwiegereltern lebten hier und Schulfreunde meines Mannes besuche ich noch heute. Zudem habe ich Lesungen im Mehrgenerationenhaus gehalten. Für mich ist Celle ein wichtiger Kontaktpunkt.“

Ich bin im Deutschen

zu Hause

Die Schriftstellerin, die mit Ingeborg Bachmann verglichen wurde, hat sowohl in den Vereinigten Staaten, als auch in Deutschland eine Heimat gefunden. „Im Denken bin ich noch stärker deutsch“, sinniert die 85-Jährige. „Kulturell und in der Sprache bin ich im Deutschen zu Hause, aber mein Alltag ist in New York gut aufgehoben.“ Fast schwärmerisch erzählt Margot Scharpenberg von ihrer Wohnung in New York: „Die Wände stehen voller Bücher und vom Fenster aus sieht man die Skyline und ein Stück des East Rivers.“ Aber diese Vorzüge machen für sie den Begriff Heimat nicht aus. „Für mich sind zwei Dinge entscheidend, um an einem Ort gut leben zu können: Ich muss dort arbeiten können und Freunde haben. Beides habe ich sowohl in Deutschland, als auch in Amerika.“

Das erste Mal reiste sie gemeinsam mit ihrem Mann 1957 in die Vereinigten Staaten. Klaus Wellmann war Pathologe und wollte sich dort über die medizinische Forschung kundig machen. Nachdem ein Jahr vergangen war, wollte ihn ein befreundeter Mediziner unbedingt in Amerika behalten. Weder für Klaus Wellmann, noch für seine Frau stellte das Auswandern ein Problem dar. „Wir waren sehr neugierig, so dass uns die Aussicht, in einem fremden Land zu leben, nicht abschreckte“, berichtet Margot Scharpenberg.

Das junge Ehepaar blieb und unternahm in den nächsten 15 Jahren „ziemliche Abenteuerreisen“, vor allem in den wilden Westen. Klaus Wellmann war schon lange an indianischer Felskunst interessiert und konnte nun seine Forschungen direkt vor Ort durchführen, wobei seine Frau ihn begleitete. Stolz präsentiert Margot Scharpenberg einige Bücher ihres Mannes, die er über die indianischen Felsmalereien verfasst hat. Doch auch Margot Scharpenberg veröffentlichte in dieser Zeit. Ihr gesamtes Werk umfasst neben einigen Kurzgeschichten haupt-sächlich Gedichte und mittlerweile gilt sie als die wichtigste Vertreterin des Bildgedichtes in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Schreiben schon immer

bedeutender Teil

Das Schreiben war schon immer ein bedeutender Teil ihres Lebens. „Das fing schon beim ersten Schulaufsatz an“, erinnert sich Margot Scharpenberg und lacht. „Und nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich mein erstes Gedicht veröffentlicht.“ Als sie auf die Bildgedichte zu sprechen kommt, ist die 85-Jährige in ihrem Element. Wenn sie anfängt zu erzählen, wie verschiedene Kunst-werke sie zum Schreiben inspiriert haben, ist sie voller Energie und sprühender Lebhaftigkeit und man vergisst vollkommen das Alter der kleinen zierlichen Dame. „Bei Gedichten geht es nicht hauptsächlich darum, Gefühle auszudrücken, sondern sie bei dem Leser zu erzeugen“, erklärt Margot Scharpenberg. „Natürlich sollte man aus einem Gefühl heraus beginnen aber dann fängt die eigentliche Kunst an: das Verarbeiten. Zudem sollte ein Gedicht zeitlos und damit generationenübergreifend sein.“ Diesem Anspruch werden Margot Scharpenbergs Gedichte mehr als gerecht.

Der Mensch mit seinem Denken, Fühlen und Handeln steht fast immer im Mittelpunkt, mal leichter, mal schwerer herauszufiltern aber immer greifbar. Jeder, der sich ein wenig damit beschäftigt, kann verstehen, worum es geht. Diesem Umstand verdankt die Schriftstellerin auch einen breitgefächerten Leserkreis, was das Alter betrifft. „Durch meine Lesungen habe ich sowohl Kontakt zu älteren, als auch zu vielen jungen Leuten bekommen“, erklärt sie. „Es freut mich immer wieder sehr, zu sehen, dass Menschen jeder Altersstufe den Sinn meiner Gedichte erfassen können.“

Margot Scharpenberg hat für ihre tiefgründigen Gedichte bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Unter anderem 1968 den Georg-Mackensen-Literaturpreis, 1975 den Ida-Dehmel-Literaturpreis der GEDOK sowie 1988 den Robert-L.-Kahn-Lyrikpreis. Aus diesen Auszeichnungen macht sie sich jedoch nicht viel. „So etwas hat mich nie sonderlich berührt“, erzählt Margot Scharpenberg. „Viel wertvoller war für mich persönliche Anerkennung. Wenn Menschen nach einer Lesung zu mir kamen und mir sagten, dass ihnen meine Gedichte gefallen haben, hat mich das sehr glücklich gemacht. Oder wenn bei Ehrungen wichtige Literaturkritiker meine Werke gelobt haben, war ich auch äußerst stolz. Ich freue mich einfach, wenn ich von den richtigen Leuten verstanden und geschätzt werde.“

Denkt nicht ans Ende der

schriftstellerischen Arbeit

An ein Ende ihres schriftstellerischen Schaffens denkt die gebürtige Kölnerin noch lange nicht. So lange es ihr möglich ist, will sie schreiben. Im Moment plant sie, an einem Band über die Stadt Schleswig mitzuwirken. „Darin werden Kunstwerke aus Schleswig präsentiert und ich schreibe dazu Bildgedichte.“ Ihr persönlicher Favorit aus ihrer eignen Feder ist das Gedicht „Verwandeln“. Inspiriert wurde sie dabei von einem Bild der Künstlerin Elke Imhof, das keinen Titel hat, das sie aber ungeheuer faszinierte. Zu der heutigen Lyrik hat sie wenig Zugang, da sie sich in ihrer Freizeit kaum mit ihr beschäftigt. Viel lieber liest sie Romane mit historischem Bezug und vor allem Sachbücher. „Ich möchte gerne soviel wie möglich lernen“, berichtet die Schriftstellerin und lächelt „Ich bin immer neugierig und will alles wissen.“

Doch wenn sie abends noch ein wenig entspannen will, greift sie auch gerne einmal zu einem guten Krimi. Dabei sollte es in der Geschichte weniger um Blut gehen, als um Rätsel. „Ich rate dann gerne mit und versuche, das Geheimnis zu lüften, bevor der Autor es tut“, verrät Margot Scharpenberg.

Lebenslauf

✎18. Dezember 1924

geboren in Köln

✎1943 Reifeprüfung

✎1944 bis 1947 Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin

✎1948 bis 1960 Mitarbeiterin am Zentralkatalog der nordrhein-westfälischen

Bibliotheken

✎1957 Heirat

✎1960 bis 1962 unterrichtet Deutsch an der Carleton University im kanadischen Ottawa

✎seit 1962

Wohnort New York

✎seit 1968 Bürgerin der Vereinigten Staaten

✎1968 Georg-Mackensen-Literaturpreis

✎1975 Ida-Dehmel-

Literaturpreis

✎1988 Robert-L.-Kahn-

Lyrikpreis

✎Mitglied des PEN-Zentrums Deutschsprachiger Autoren im Ausland

Von Julia Kreikenbohm