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Typen Den eigenen Traum verwirklicht
Mehr Typen Den eigenen Traum verwirklicht
16:05 10.12.2016
Celle Stadt

Hanna Wroblewski – wer den Namen googelt, findet im Internet eine Menge Einträge. Homepage, Instagram, Youtube, Facebook. Und etliche Fotos der jungen Frau mit den langen roten Haaren und den braungrünen Augen. „Freelance Choreographer & Performer“ und „Dance Artist“ ist da zu lesen. Die 33-jährige gebürtige Cellerin macht in London Karriere. „Im Februar ist es so weit!!!!!“, teilt Hanna Wroblewski da ihren Freunden mit. „Ich freue mich, verkünden zu können, dass mein neuestes Stück ‚Darling, I don’t sell dreams …‘ als eine der wenigen Solo-Performances auserkoren wurde, Teil des renommierten Tanzfestivals für Jungchoreographen ‚Resolution!‘ zu sein.“ – Die Freude der Tänzerin ist spürbar.

In Groß Hehlen hat sie 20 Jahre lang gelebt. Schon als Vierjährige hatte sie Spaß am Tanzen: „Ich habe meinen Eltern oft was vorgeführt. Da mussten sie Eintritt bezahlen. – Für Kinder war das Zuschauen frei“, berichtet Hanna Wroblewski lächelnd aus ihrer Kindheit. Mit acht Jahren tanzte sie im Verein. „Nach der Schule war mir klar, dass ich irgendwas mit Tanz machen würde“, sagt sie rückschauend. „Ich wusste recht früh, was ich machen will.“ Schon als Elfjährige hat sie bei der Frage nach dem Berufswunsch in das Poesiealbum ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Nora geschrieben: „Koreografin“.

Sie entschied sich nach dem Abi, erstmal ein Jahr mit Praktika zu verbringen, „auch um dem Wunsch meiner Eltern nachzukommen.“ Ein Kreativjob innerhalb eines Büros einer PR-Agentur, ein Praktikum bei einem Comic-Zeichner in Goslar und eine Praxiszeit bei der Celleschen Zeitung folgten. „Das Kind hört nicht auf, über Tanzen zu sprechen“, zitiert sie ihre Eltern aus der Zeit. Ihre Eltern hätten ihr viel Freiraum gelassen, lobt sie deren Erziehungsstil. Sie sind ein Lehrerehepaar. „Als Teenager war ich schon ein bisschen rebellisch und hatte schon immer meinen eigenen Kopf. – Das habe ich wohl von Papa …“

Weil ihre Eltern als Lehrer eigentlich nichts gegen ein Pädagogik-Studium haben konnten, bewarb sich Hanna Wroblewski 2004 bei der Erika-Klütz-Schule in Hamburg. Tanzpädagogik wurde deklariert. Fachkenntnisse, Didaktik, Methodik, fachspezifisches Wissen in Geschichte und Anatomie – ein breiter Fächerkanon wartete auf die junge Cellerin. Ganz zur Zufriedenheit ihrer Eltern, die ihr die Ausbildung in der Hansestadt ermöglichten. Das sei ja so ähnlich wie das, was ihre Eltern während ihres eigenen Lehrerstudiums gelernt haben, war sie sich sicher.

Nach der dreijährigen Ausbildung in Ballett, Jazzdance, Breakdance, Folklore, spanischem Tanz und urbanen Tänzen erhielt sie das Zeugnis als staatlich geprüfte Tanzpädagogin. „Das war für mich sehr aufregend und schön“, sagt sie.

Für Hanna Wroblewski macht es die größte Freude, im kreativen Prozess in Proben von nichts etwas zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen. „Das mach‘ ich am liebsten jeden Tag.“

Der erste Schritt war mit dem Einser-Abschluss in Hamburg getan. „Jetzt konnte ich auch unterrichten und mein eigenes Geld verdienen“, stand für Wroblewski fest. Schon mit 17 hatte sie ja einen Trainer- und Übungsleiterschein ihres Sportvereins, dem VfL Westercelle. Lange war sie Mitglied der Tanzformation Vitesse. Schon während ihrer Ausbildung half sie dieser Mannschaft, Choreographien zu erstellen. Von 2008 bis 2010 übernahm sie das Team als Trainerin. Vitesse war auf Turnieren erfolgreich und fesselte unter anderem auch mit der Choreographie „Pretty little things“ – Wroblewski war dazu eigens aus London angereist – Zuschauer und Wertungsrichter. Bereits vorher arbeitete sie als freie Trainerin. Mit Kindern entwickelte sie den „Karneval der Tiere“, gestaltete Hip-Hop-Tanz.

An einem Mittwoch im August 2010 ging sie auf den Campus der University of Roehampton in London, um Möglichkeiten eines Studiums herauszufinden. Schließlich werden pro Jahrgang nur fünf Neulinge aufgenommen. „Ich wollte unbedingt da hin.“ Sie sprach mit Programmleiterin Erica Stanton über eine Immatrikulation. Am folgenden Samstag hatte sie schon eine E-Mail in ihrem Postfach: die Zusage. „Da musste ich innerhalb eines Monats mein ganzes Leben umkrempeln.“

Das Studienjahr war geprägt von Selbstprüfungen und Reflexionen. Es wurde ein Solo-Projekt auf die Bühne gebracht, ein abendfüllendes Programm. 25 Minuten solo und 20 Minuten mit fünf Tänzern. „My heart became this monster“ hat sie entworfen und getanzt. Als Teil ihrer Master-of-Fine-Arts-Abschlussarbeit. Beim Festival „Resolution 2013“ im Robin Howard Theatre in London präsentierte sie ihr Solo. „Die Kritiken waren schon gut. Sie halfen, in die Kunstszene zu kommen“, stellt Wroblewski nüchtern fest.

Von der Kunst leben zu können, wäre schön, sagt sie als Choreografin mit einer eigenen Tanz-Company. „Ich würde gern viel mehr auf der Bühne sein, die Beziehungen zwischen Tänzer und Publikum spüren, die Dynamik, die Dualität von Verletzlichkeit und Stärke.“ Momentan hat sie zwei Jobs: Assistant Manager in einem Triyoga Chelsea und freie Tänzerin. Sie arbeitet auch für ihre ehemalige Universität. „Die Universitäten Roehampton und Surrey haben die phantastische Möglichkeit erhalten, ein vom Arts and Humanities Research Council gefördertes Forschungsprojekt durchzuführen.“ Hierfür wurde sie als sogenannter Associate Staff und Forschungsadministrator eingestellt. „Ein super spannendes Projekt, und ich freue mich tierisch, dabei zu sein.“

Gern denkt sie aber auch an ihre Schulzeit am HBG zurück: „Sonderlich gut war ich nicht in der Schule, aber meine beiden Leistungskurse Deutsch und Politik haben mir schon eine Grundbasis gegeben, meine kritische und reflektierende Stimme in der Kunst zu finden.“ Eine ihrer liebsten Erinnerungen an die Schulzeit ist: „Mit dem Leistungskurs Politik waren wir im Bundestag, als Gerhard Schröder nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 die Vertrauensfrage zum deutschen Afghanistaneinsatz der Bundeswehr stellte.“

Vor den Auswirkungen des Brexit Großbritanniens hat sie ein wenig Angst: „Ich musste weinen, als das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde: Das konnte nicht wahr sein.“ Und dann steht sie von dem roten Sofa auf, wirft sich ihren quittegelben Mantel über und posiert auf der Stechbahn zum Foto.

Lebenslauf

12. Januar 1983 In Celle geboren und in Groß Hehlen aufgewachsen

2003 Abitur am Hermann-Billung-Gymnasium

2004 bis 2007 Ausbildung zur staatlich geprüften Tanzpädagogin für Laien- und Theatertanz an der Erika-Klütz-Schule in Hamburg

2008 bis 2010 Freiberufliche Tätigkeit als Trainerin, auch mit „Vitesse“ beim VfL Westercelle

2010 bis 2012 Studium an der Universität Roehampton in London; Abschluss mit Master of Fine Arts in Choreografie

Seit 2011 Soloauftritte mit eigenen Projekten, freie Tänzerin, Trainerin, Choreografin in London

Von Lothar H. Bluhm