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Typen Die "Dompteuse" aus dem Theater
Mehr Typen Die "Dompteuse" aus dem Theater
16:56 28.06.2016
Winsen (Aller)

Karin H. Veit ist vielen Celler Theaterfreunden aus ihrer Zeit am Celler Schlosstheater noch immer in guter Erinnerung. Als Intendantin gewann sie von Beginn der Saison 1998/99 bis 2008 die breite Zustimmung des Publikums mit abwechslungsreichen Spielplänen zwischen locker gefügten Komödien und Musicals bis hin zu anspruchsvollen Klassikern und Dramatikern der Gegenwart – Jahre praller Theaterarbeit mit prominenten Gästen, die sie noch heute zu ihren Freunden zählt. Am Ende allerdings stand ein heftiger Streit mit dem Vorstand des Theatervereins. „Aber das ist Vergangenheit“, sagt sie, „darüber rede ich nicht mehr.“

Jetzt wohnt die gebürtige Wienerin zusammen mit ihrem Ehemann, dem ungarischen Fotojournalisten und Theaterfotografen Stefan Ódry, in einem hübschen Haus mit einem sehr individuell, mit bunten Kugeln lustig dekorierten Vorgarten am Rande von Meißendorf.

In Wien ist Veit zur Schule gegangen und hat dort Theaterwissenschaften mit dem Titel „Magistra artium“ als Abschluss studiert. Parallel dazu arbeitete sie bereits als Regieassistentin am Volkstheater und am Wiener Burgtheater und begleitete für die Konzertdirektion Landgraf – mit über 2000 Vorstellungen pro Saison das größte Unternehmen dieser Art in der Bundesrepublik – zahlreiche internationale Tourneen. Später verwaltete sie sogar ein eigenes Budget und konnte in diesem Rahmen Stücke auch eigenständig besetzen. „Das war ein Riesenglück“, sagt sie heute, „denn da kam man mit allen wesentlichen Dingen des Theaters in Berührung – von der Requisite über die Inspizienz bis hin zum Verlegen elektrischer Leitungen.“

Es entwickelten sich Kontakte und Freundschaften mit Schauspielern wie Will Quadflieg, Inge Meysel, Walter Giller, Sonja Ziemann oder Charles Regnier. „Mit Inge Meysel war ich lange gut befreundet, aber das hielt uns nicht davon ab, auch unglaubliche Kräche miteinander durchzufechten. Andererseits habe ich im professionellen Bereich auch viel von ihr gelernt.“ Der inzwischen 88-jährige österreichische Schauspieler, Regisseur und Chansonnier Ernst Stankovski, Klaus Maria Brandauer, Nicole Heesters, Thomas Fritsch, Johanna von Koczian und Fritz Muliar seien aus freundschaftlicher Verbundenheit später auch zu Matineen und zum Teil auch zu Aufführungen nach Celle gekommen, ergänzt Karin H. Veit.

„Mit Ernst Stankovski telefoniere ich noch heute regelmäßig. Das ist ein unglaublich sympathischer, wacher und schnell denkender, aber auch zerstreuter Mensch. Bei Telefonaten mit ihm muss ich mich immer anschnallen.“ Auf einer Tournee sei er einmal bei einer Behörde, bei der er für einen Grenzübertritt nach Holland einen Ersatzpass beantragen musste, da er seinen eigenen vergessen hatte, versehentlich noch mit dem völlig weiß geschminkten Gesicht aus der abendlichen Vorstellung erschienen. Nach erstem Erschrecken hätte man dort dann allerdings herzlich gelacht.

Über feste Engagements als Dramaturgin am Salzburger Landestheater und am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg war sie zuletzt persönliche Referentin und Direktionsstellvertreterin am Schauspiel Frankfurt, bevor sie ihr Weg nach Celle führte. In ihrer Intendantenzeit erfuhr Veit dann noch eine ganz besondere Ehrung: Im Kongress-Saal des österreichischen Bundeskanzleramtes wurde ihr 2005 in einer Feierstunde im Auftrag des Bundespräsidenten der Republik Österreich das „Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst“ verliehen. Die Laudatio damals hielt Kammerschauspieler Fritz Muliar.

„Eigentlich wollte ich als kleines Mädchen immer Dompteuse in einem Zirkus werden“, verrät Karin Veit mit einem Schmunzeln, „und irgendwie bin ich das dann ja auch geworden – wenn auch in einem ganz anderen Sinne.“ Ganz anders war auch ihr Ausflug in den Autorennsport, den sie 1973 wagte. Nach einer entsprechenden Rennfahrerausbildung wurde sie 1973 auf einem Ford im renommierten Gaisbergrennen bei Salzburg „leider nur“ zweite Siegerin. Ihrer Liebe zum Theater allerdings tat das keinen Abbruch.

Im Alter von 16 Jahren hatte Karin H. Veit heimlich die Aufnahmeprüfung für die Kunstakademie in Wien erfolgreich bestanden. So sehr sich ihre Eltern darüber auch freuten, beharrten sie doch darauf, dass sie zunächst ihre Matura, das österreichische Abitur, ablegen musste. Der Wunsch allerdings, zum Theater zu gehen, wurde in ihr immer stärker – nicht als Schauspielerin, sondern im wahrsten Sinn des Wortes als „Theatermacherin“. Da ist es kein Wunder, dass sie auch heute das Theatergeschehen in seiner ganzen Breite noch immer aufmerksam verfolgt.

„Theater muss sich immer wieder verändern“, sagt Veit, „obwohl ich zugeben muss, dass ich mit der modernen Entwicklung heutzutage manchmal meine Schwierigkeiten habe. Früher spielten die großen Bühnen die Stücke so, wie sie geschrieben waren, während die kleineren Theater anders an die Stücke herangingen und sich mehr auf das Experimentieren verlegten. Heute ist es genau umgekehrt. Die großen Bühnen haben zwar ein größeres Budget und auch bessere Kräfte, machen aber Experimentiertheater und haben in der Beziehung die kleinen Theater abgelöst. Es wäre deshalb sehr interessant, wenn die kleinen Theater anfingen, als Gegenpol ‚normales‘ Theater anzubieten.“ Allerdings sei es ja regelrecht verpönt, „werktreues“ Theater zu spielen. Da gäbe es ja heute schon Theaterbesucher, die überhaupt nicht mehr wüssten, was ein Bühnenbild ist oder auch wie die Ausstattung einer Produktion mit Kostümen sein kann und wie man einen Text ohne zu schreien richtig spricht. Wichtig für das Theater bleibe allerdings die Vielfältigkeit. Und außerdem: „Theater gibt es über zweitausend Jahre, da wird es auch die heutigen Strömungen überleben.“

In ihrem Haus am Waldrand von Meißendorf fühlt sich das Ehepaar Ódry-Veit nebst Husky-Hund Arpi sozusagen pudelwohl. Große Bücherregale gibt es da, zahllose Erinnerungsstücke aus vergangenen Theaterzeiten und Bilder, die Karin H. Veit mit sehr viel Talent selbst gezeichnet und gemalt hat. Eine Kunstausstellung könnte sie damit durchaus bereichern. Die letzten Ausstellungen hat sie 1987 in Österreich und 1997 in Frankfurt gemacht, sagt Veit. Vielleicht würde sie gerne auch noch ein Buch schreiben oder „Kölsch“ lernen oder das Klavierspielen wieder aufnehmen, obwohl sie keine Noten könne, oder im Schlafwagen mit der Bahn durch die baltischen Länder fahren.

„Wir haben durchaus überlegt, ob wir in die Heimat meines Mannes nach Budapest oder wieder nach Wien zurückziehen sollten, aber wir haben inzwischen eine große Affinität und Liebe zu dieser Landschaft hier. Und außerdem verbringen wir unseren Urlaub gerne am Meer in einer alten Jugendstil-Villa am Timmendorfer Strand. Das Leben hier finden wir sehr, sehr ansprechend. Wir sind hier sehr zufrieden.“ Da sei Wien ein bisschen aus dem Blick geraten. Klar, dass Karin H. Veit dabei gleich auf Holz klopft. Toi, toi, toi.

Lebenslauf

1948 in Wien geboren 1968 Abitur und Beginn des Studiums der Theaterwissenschaften

1973/74 erstes festes Engagement als Dramaturgin am Landestheater Salzburg

1975 bis 1979 Dramaturgin am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg

1983 bis 1993 leitende Funktion bei der Konzertdirektion Landgraf

1994 bis 1997 persönliche Referentin und Direktionsstellvertreterin von Professor Eschberg am Schauspiel Frankfurt

2000 Heirat mit dem Fotojournalisten und Theaterfotografen Stefan Ódry

1997/98 bis 2008 Intendantin am Schlosstheater Celle

Von Hartmut Jakubowsky