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Typen Die Kyffhäuser waren für Horst Lehrke wichtiger
Mehr Typen Die Kyffhäuser waren für Horst Lehrke wichtiger
16:20 13.10.2016
Horst Lehrke hat der Kyffhäuser-Kameradschaft Wietze 1987 neues Leben eingehaucht.  Quelle: Lothar H. Bluhm
Jeversen

Und Freude bereitet es Horst Lehrke auch jetzt noch, wenn er in dem dicken Ordner blättert, in den er zahlreiche Karten, Briefe und Grüße geheftet hat. Nachdem seine Frau Ilse und er Anfang der 1990er Jahre eine Kleidersammlung für die Menschen in seinem Heimatkreis Bytów in der Woiwodschaft Pommern in Polen organisiert hatten, spürten beide die Dankbarkeit der Beschenkten. Als Vorstand der Kyffhäuser-Kameradschaft hat Horst Lehrke die Kleiderspende initiiert, weil das Soziale einen Schwerpunkt der Verbandsarbeit darstellt und die Hilfe alter, kranker und behinderter Menschen eine wesentliche Aufgabe ist. Darum hat Lehrke ein Kyffhäuser-Banner gleich in der Diele des Hauses stehen.

Schließlich erweckte er die Kyffhäuser-Kameradschaft in Wietze 1987 aus einem langen Dornröschenschlaf. „Da haben wir in ganz kurzer Zeit praktisch von Null auf 60 die Wietzer Kameradschaft wieder aufgebaut“, erinnert sich Lehrke noch heute. Und zum 100-jährigen Bestehen wurde die alte Fahne restauriert. Eine neue Fahne konnte angeschafft werden. „Alles aus Spendengeldern hier aus Wietze.“ Und auf dem Sportplatz wurde die Fahne mit großem Tamtam geweiht. Selbst die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth schickte eine Vertretung für ein Grußwort an die Aller. Die Cellesche Zeitung berichtete am 15. Juli 1987 ausführlich über das Großereignis, an dem über 1000 Menschen teilnahmen. „Das war ein sagenhaftes Fest!“ Auch der damalige Bürgermeister Hermann Holzbach bedankte sich anschließend persönlich bei Horst Lehrke.

Wenn er und seine Frau Ilse allerdings an die Zukunft der Kyffhäuser-Kameradschaft in Wietze denken, so ist beiden nicht wohl: Es gibt keinen Nachwuchs. Die Vereinigung wird wohl wieder in den Dornröschenschlaf fallen, aus dem sie vor fast 40 Jahren geweckt wurde: „Unsere Generation ist ja so gut wie weg …“

Dabei sind beide, Ilse und Horst Lehrke, sehr engagierte Mitglieder der Kyffhäuser-Kameradschaft. Nicht umsonst sind beide mit dem Kyffhäuser-Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden.

„Man soll eine Sache machen – und die soll man gut machen“, findet Horst Lehrke auch heute noch. Darum hat er sein Mandat im Gemeinderat Wietze und im Ortsrat Jeversen recht schnell nach einer Periode wieder aufgegeben: „Das war eine schöne Zeit und ich habe viel gelernt, aber die Kyffhäuser waren mir wichtiger.“ Zumindest konnte er während seiner Ratstätigkeit gerechtere Abrechnungen von Erschließungsbeiträgen durchsetzen.

Eigentlich hatten sich Horst Lehrkes Eltern alles anders vorgestellt, denn der Sohn sollte den Erbhof in Pommern übernehmen. „Jeden Morgen im Sommer ging ich in unserem See schwimmen und danach drei Kilometer zur Schule.“ Lehrke wurde Landwirt und hatte seine Pläne. Aber Reichsarbeitsdienst und Militärdienst forderten den jungen Mann. Im Winter 1942 sind ihm im Kessel in Polen beide Beine erfroren, und die russische Kriegsgefangenschaft mit schweren Waldarbeiten hat ihn körperlich sehr mitgenommen. „Wenn der Wolf richtig Hunger hat, nimmt er alles, was sich bewegt“, schildert er seine beeindruckenden Erlebnisse aus dem Gefangenenlager. Ein Mithäftling wurde von einem Wolf angefallen, und nur durch den gezielten Schuss eines Wachhabenden konnte der Mensch gerettet werden.

Drei Jahre dauerte seine Gefangenschaft. Kurz vor Weihnachten 1947 wurde im Lager eine Namensliste verlesen, auf der auch Horst Lehrke stand. „Das war das Schönste, was ich je wieder gehört habe.“ Er wurde nach Berlin entlassen.

Zusammen mit seiner Mutter und den Großeltern fuhren sie nach Hannover, wo sich der Vater bereits aufhielt. In Hannover-Linden wohnte die Familie auf engstem Raum.

Hier zwischen den Schrebergärten lernte er seine künftige Frau kennen. „Ilse war Schneiderin und hatte auch am Wochenende zu tun. Sie saß in einer Laube und stopfte Löcher, als ich an einem Sonntag an ihr vorbeiging. Sie sprach mich an: ‚Sie wollen so allein spazieren gehen – darf ich mit?‘“ Dagegen konnte er nichts haben.

Wie Ilse Broischer-Lehrke heute ergänzt, war sie zu diesem Zeitpunkt sehr enttäuscht und verärgert, dass sie so viel arbeiten musste.

Am Benther Berg habe sie ihn dann am nächsten Sonntag verführt, lächelt das Ehepaar gemeinsam über die schöne Entwicklung ihrer Beziehung. 1951 wurde geheiratet, ein Jahr später wurde die Tochter geboren. Heute hat das Ehepaar zwei Urenkel: Anna-Lisa ist vier und kam jetzt zur Schule. Ihre Schwester Louisa wurde gerade geboren. „Die Familie lebt in England, da sehen wir uns nicht so oft. Louisa haben wir noch gar nicht gesehen …“

Bei der Deutschen Grammophon fand er 1968 eine Anstellung, nachdem er vorher in Eickeloh und Sarstedt Gastwirt war. „In Sarstedt hatten wir ein ganz neues Haus übernommen, mit Kegelbahnen und Saal. Da hatten wir sonnabends und sonntags Tanz.“ Der selbst gemachte Kartoffelsalat und selbst gemachte Pommes mit Koteletts waren die Spezialität des Hauses. „Wir hatten sehr guten Umsatz – aber keine Zeit, das Geld auszugeben.“ Da waren die Lehrkes froh, als sich die Anstellungen in der Schallplattenbranche anboten.

Bisher konnten die Lehrkes immer gemeinsam im Garten arbeiten. Seit einiger Zeit ist Ilse hauptverantwortlich, weil sich Horst Lehrke (91) nur noch mit seinem „Mercedes“, wie er seinen Rollator nennt, bewegen kann. Die Erfolge mit großen Früchten ernten aber beide: Ob Äpfel oder Tomaten – riesige Exemplare kommen Jahr für Jahr zum Vorschein. Eine 500 Gramm große Tomate und zwei weitere Riesenfrüchte waren in diesem Sommer der Rekord. „Die müssen sich gut geschützt im Gewächshaus entwickeln“, verrät Horst Lehrke das ganze Geheimnis des Ernteerfolgs.

Wenn Lehrke die Entwicklungen in Wietze anschaut, so lobt er den Bürgermeister. Ihm sei es gelungen, Wietze voranzubringen und den Schlachthof anzusiedeln, der doch sicher der Gemeindekasse guttut.

Mit den aktuellen Wahlergebnissen ist er nicht ganz so zufrieden, denn von den geplanten vier CDU-Mandaten aus Wietze ist jetzt kein einziger Kandidat im Celler Kreistag vertreten. „Da ist irgendwas schiefgelaufen“, gibt Lehrke seinen Kommentar ab.

Lebenslauf

21. Juli 1925 in Danzig geboren und im Kreis Bytów aufgewachsen; Landwirtschaftliche Ausbildung

1941 Reichsarbeitsdienst in Saloniki, anschließend Soldat im Warthegau

1944 bis 1947 Russische Kriegsgefangenschaft; anschließend mit Eltern und Großeltern in Hannover gelebt und gearbeitet

31. März 1951 Hochzeit mit Ilse Broischer

1961 bis 1964 Eigenverantwortlicher Gastwirt, zunächst in Eickeloh, danach in Sarstedt

1968 bis 1984 Tätigkeit bei der Deutschen Grammophon in Langenhagen

1972 Einzug ins selbst gebaute Haus in Jeversen

Von Lothar H. Bluhm