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Typen Eine Kulturbotschafterin
Mehr Typen Eine Kulturbotschafterin
19:18 25.09.2016
Zu Hause in der Literatur: Evgenia Panteleeva-Stammen liebt Bücher und Theater. „Ich möchte die Türen für klassische russische Literatur öffnen – Puschkin, Tschechov, Gorkij und andere. Bei meinen Leseabenden erzähle ich über deren Leben und ihre Literatur.“ Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Ich war ein ganz gewöhnliches Mädchen, nichts Besonderes“, stellt Evgenia Panteleeva-Stammen klar, nachdem sie berichtet hat von ihrer Kindheit im Ural, an der Grenze zwischen Russland und Sibirien. Sie ist Russin, besuchte dort aber eine Schule, in der Deutsch bereits ab der zweiten Klasse angeboten wurde, hatte Klavierunterricht, ging mit drei Jahren zum ersten Mal an der Hand ihrer Mutter in eine Ballettaufführung und lag als Kind gerne vor dem Radio und hörte Opern. Die Welt, die den Hintergrund für ihre Kindheit, Jugend und Studium bildete, gibt es nicht mehr. Sie ist untergegangen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Zu dem Zeitpunkt, als die Auswirkungen des Mauerfalls begannen, die Welt zu verändern, war Panteleeva bereits in Deutschland. Sie hat das Datum ihrer Ankunft in Celle noch genau im Kopf. Seit 25 Jahren lebt sie mittlerweile in Deutschland, aber ihre Freundschaften in der Heimat hat sie innerhalb dieses Vierteljahrhunderts nie aufgegeben. Ihre russischen Freunde sagen: „Es ist, als ob du nie weggegangen wärst.“

Per Zufallzwischen zwei Kulturen

Zwei- bis dreimal im Jahr fährt sie nach St. Petersburg, Moskau, in die Stadt ihrer Kindheit, Tscheljabinsk, oder nach Tjumen, Celles Partnerstadt in Sibirien. Keine zwingende, aber eine gute Voraussetzung für den Vorsitz der in Celle ansässigen Deutsch-Russischen Gesellschaft. Als die Vereinigung vor 21 Jahren gegründet wurde, sah alles nach Aufbruch aus. Die deutsch-russischen Beziehungen blicken auf eine lange Tradition zurück, man knüpfte alte oder neue Bande. Mehr oder weniger waren es immer nur Zufälle gewesen, die sie der deutschen Sprache und Lebensart näherbrachten. „Die Schule, die ich besuchte, war extra für Kinder aus deutschen Familien gegründet worden, die Klassen waren klein und die Standards hoch – und es waren noch Plätze frei, also schickten meine Eltern mich dorthin.“ Sprache schadet nie, sagten die Ingenieurin und der Militärangehörige und trafen damit bei ihrer Tochter ins Schwarze. Sie genoss es, jeden Tag Deutsch und zweimal in der Woche Unterricht in deutscher Literatur zu erhalten, und entschloss sich als Heranwachsende, Germanistik in St. Petersburg, damals noch Leningrad, zu studieren. Ihre erste Anstellung nach dem Examen fand sie in Moskau. Zufall oder vom Schicksal vorbestimmt – man mag es nennen, wie man will. Der Mann, der die Weichen für ihr künftiges Leben stellte, war Mitglied einer Celler Handballmannschaft und auf Moskau-Besuch, ein Abend im weltberühmten Boschoi-Ballett gehörte zum Programm. „Meine Eltern haben sich auch im Theater kennengelernt und eine Woche später wurde geheiratet.“ Ein wenig mehr Zeit nahm sich das Paar schon, aber die Übersiedlung in die Residenzstadt ging sehr schnell. Die Ehe ist Vergangenheit, den Begriff Hollywood bringt sie für den Beginn ihres neuen Lebens im Westen dennoch ins Spiel. Wie für sie arrangiert und gleichzeitig ein Ausdruck der neuen deutsch-russischen Freundschaft war die erste Auftragsarbeit, die sie nach ihrer Hochzeit erhielt: „Ein junger Regisseur aus der Ukraine inszenierte am Schlosstheater ein Stück von Nikolai Gogol, ich dolmetschte nicht nur, sondern musste auch als Regisseurin einspringen, weil der junge Mann vor der Generalprobe erkrankte.“ Ein Traumjob für Panteleeva-Stammen. Als sie über ihre Studienzeit berichtet, betont sie wiederum, mit ihrer Gewohnheit, zwei- bis dreimal pro Woche ein Theater besucht zu haben, keine Ausnahme gewesen zu sein. „Das ist in Russland genauso üblich wie ein Kultur-Event, um sich näher kennenzulernen.“ In den Metropolen Moskau und St. Petersburg überrascht eine Palette an Gelegenheiten für solche Unternehmungen wenig, aber auch aus ihrer Geburtsstadt im Ural kennt sie nichts anderes: „Wir hatten ein Opern- und Balletthaus, Sprech- und Puppentheater, Theater für junge Zuschauer, und es gab Gastspiele der berühmten Ensembles aus den Großstädten“, erinnert sie sich.

In der Literaturzu Hause

Leider verwandelte sich die Euphorie nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs nicht in ein dauerhaftes stabiles Verhältnis. Die Länderfreundschaft kühlte ab, aber Panteleevas Liebe zu beiden Kulturen blieb. „Endlich konnte ich machen, was ich wollte, sonst hatte ich doch immer zweckgebunden gearbeitet“, gibt sie ihre Gedanken anlässlich ihres im Jahr 2010 gefassten Entschlusses, sich selbstständig zu machen, wieder. Mit der Gründung ihrer Agentur „Rusart“ knüpfte sie an an den Geist der 90er und ist seither eine Botschafterin der russischen Kultur in Celle und Umgebung. „Ich möchte Horizonte öffnen, wünsche mir, dass meine Teilnehmer und Gäste Interesse verspüren, Neues zu entdecken.“ Lesungen, Sprachunterricht, Übersetzungen, Konzertvermittlung, individuell gestaltete Reisen, die häufig in die Stadt ihrer Studienjahre, St. Petersburg, führen, stehen auf dem Programm. Nur beiläufig erwähnt sie, dass sie auch ausgebildete Stadtführerin für die ehemalige Zarenresidenz ist. „So etwas zu machen, davon hatte ich schon als Kind geträumt, wenn ich mit meiner Mutter unterwegs war.“ Die erzählen so interessant, dachte sie damals über die Reisebegleitungen ihrer Kindheit. Am liebsten hätte sie alles aufgeschrieben. Heute ist sie es, die aufschlussreich und kurzweilig berichtet über das Land ihrer Kindheit und Jugend und mit Vorliebe über dessen Literatur. „Heine ist mein Lieblingsschriftsteller“, nennt sie zuerst einen deutschen Autor auf die Frage nach ihren favorisierten Schriftstellern und zieht eine fünfbändige Heine-Ausgabe aus dem Regal, die sie als Studentin von Kommilitonen geschenkt bekam. Wie damals in ihrer Heimat im Ural verbringt sie immer noch viel Zeit vor dem Radio und hört Kultursendungen direkt aus Moskau. „Ich fühle mich der Klassik des 19. Jahrhunderts verbunden, egal ob Literatur, Musik, russisch, deutsch oder französisch“, sagt Evgenia Panteleeva-Stammen und umschreibt damit auch einen Teil ihres Zuhauses, das eindeutig in der Literatur liegt. Und an welchem Ort fühlt sie sich wirklich heimisch? Möchte sie eines Tages zurück nach Russland gehen? „Nein“, antwortet sie sehr bestimmt. „Ich bin in beiden Ländern zu Hause. Wichtiger als Orte sind die Menschen, die einen umgeben!“

Lebenslauf

Aufgewachsen in Tscheljabinsk, eine Großstadt im Ural

1978 bis 1984 Studium der Germanistik an der Leningrader Staatsuniversität (heute St. Petersburg), Dipl. Philologin und Germanistin

1991 nach Celle übergesiedelt

2010 Gründung der Kulturagentur „Rusart“

2016 Übernahme des Vorsitzes der Deutsch-Russischen Gesellschaft, Mitglied seit 2006

Von Anke Schlicht