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17:16 16.12.2016
Celle Stadt

Die Einführungen von Martin Weller unmittelbar vor dem jeweiligen Konzert sind weniger von akademischer Nüchternheit als vielmehr von hintergründigen Informationen, lebendigen Beispielen und anekdotischem Geschick geprägt. Dass der Orchesterdirektor aber nicht nur in der Theorie über fundiertes Wissen verfügt, sondern auch musikalisch maßgeblich „mitreden“ kann, bewies der als Solotrompeter agierende Vollblutmusiker nicht zuletzt beim jüngsten Gastspiel des Orchesters, als er im Duett mit der Gesangssolistin auch noch die feinsten emotionalen Nuancen der ausgewählten Arien zum Ausdruck zu bringen wusste.

Dass sich Martin Weller weitestgehend der Musik verschrieben hat, war ursprünglich nicht geplant. Eigentlich wollte er Philosophie und Germanistik studieren. Das „Umdenken“ begann bei einer Klassenfahrt nach Berlin, wo er am Abend nicht wie seine Mitschüler in die Diskothek, sondern stattdessen in die Oper ging. Dort wurde er quasi „von Beethovens ‚Fidelio‘ überwältigt“ und „von der Dramatik und Erhabenheit der Musik infiziert“. Mit der Folge, dass er fortan – vornehmlich in Braunschweig – zum zunehmend begeisterten Opernbesucher wurde.

Als er zwei Jahre später als angehender Student in Göttingen auf Wohnungssuche war, verhedderte er sich im – für ihn als Ortsfremdem unüberschaubaren – Straßengewirr der Universitätsstadt und stand plötzlich vor einem Gebäude, dessen Beschilderung „Musikwissenschaften“ ihn magisch anzog. „Ich war neugierig, zu erfahren, was sich hinter diesem Begriff verbirgt“, erinnert er sich. Kurz entschlossen betrat er das Gebäude, um sich über die Details dieses Studiengangs zu informieren. Sein Interesse wurde zunehmend größer, als er sich mit gespannter Aufmerksamkeit die enorme inhaltliche Bandbreite an Fachwissen und Repertoirekenntnissen zwischen der Historischen und der Kulturellen Musikwissenschaft und die letztlich daraus resultierenden beruflichen Möglichkeiten erläutern ließ.

Als Musikwissenschaftler könne er zum Beispiel „als Musikredakteur in Print- oder audiovisuellen Medien, als Musikdramaturg beim Theater, als Dozent an einer Musikhochschule oder an einem Konservatorium, als Lektor in einem Musikverlag, als Wissenschaftler an einer Universität, als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsinstitut, aber auch im Kulturmanagement oder in der Tonträgerindustrie arbeiten“, wurde das potenzielle berufliche Betätigungsspektrum vor ihm ausgebreitet. Und Martin Weller entschloss sich schließlich, von Philosophie und Germanistik abzurücken und seine berufliche Heimat in der Musik zu suchen.

Seine letztlich auch daraus erwachsene Passion für das Trompetenspiel ist ursprünglich einer – wenn man so will – Schwärmerei zu verdanken: Als Musikstudent war man gehalten, Mitglied im Universitäts-Orchester zu werden. Martin Weller hatte bis dahin allerdings „nur“ mit Violine und Posaune praktische Musiziererfahrungen gemacht. Ihm wurde jedoch gesagt, dass er nicht an diese Instrumente gebunden sei, sondern auch als instrumentaler „Seiteneinsteiger“ beginnen könne. Dass er daraufhin für sich die Trompete wählte, lag vornehmlich an Maurice André (1933 bis 2012). Der weltberühmte französische Startrompeter hatte das Instrument, das zuvor nur im Jazz für Legenden gesorgt hatte, seinerzeit quasi mit barocken Noten gefüttert und mit seinem Repertoire einem unvergleichlichen Popularitätsschub für die so genannte „Alte Musik“ den Weg geebnet. Und Martin Weller war von Maurice André, der selbst höchste Töne noch klar und klangvoll herausbrachte, vom ersten Moment an derart fasziniert, dass er sich für die Trompete als Solo-Instrument entschied. Eine gute und kluge Entscheidung, wie sich herausstellte. Und eine zukunftweisende dazu: Drei Jahre später wechselte Martin Weller von der Universität Göttingen zur Musikhochschule Hamburg und nahm dort das Studium der Instrumentalmusik auf.

Sein erstes Gastspiel hatte er beim Göttinger Symphonie-Orchester. Es folgten Aushilfs-Engagements und damit verbundene „wertvolle Erfahrungen“ bei weiteren Orchestern, und seit 1983 gehört er als Erster Solotrompeter zum Ensemble des Staatsorchesters Braunschweig, wo er seit 1988 im Orchestervorstand ist, 1998 Orchestermanager wurde und seit 2004 als Orchesterdirektor fungiert. Im selben Jahr übernahm Martin Weller auch die künstlerische Leitung des Festivals „Festliche Tage Neuer Musik“. Und so, wie er im Hinblick auf Musikpädagogik die sprichwörtlichen ausgetretenen Wege mitunter verlässt, um auch andere Zielgruppen erreichen zu können, so sucht er sich gelegentlich auch „neue Konzertsäle“. Zum Beispiel den Hangar neben einem Rollfeld, in dem das „Helikopter-Streichquartett“ des zeitgenössischen Komponisten Karlheinz Stockhausen live übertragen wurde, währenddessen Interpreten in vier am Himmel kreisenden Hubschraubern musizierten, begleitet von den Rotorengeräuschen.

Überhaupt: Martin Wellers Engagement und seine Fachkenntnisse sind gefragt. Bei der Seesener Veranstaltungsreihe „Konzerte an St. Andreas“ beispielsweise fungiert er als Künstlerischer Leiter und Moderator des damit einhergehenden Kunstvermittlungsprogramms. Und in unregelmäßigen Abständen organisiert und moderiert der dreifache Vater verschiedene Jugend- und Schülerkonzerte, in denen er zusammen mit dem Staatsorchester Braunschweig Schülern die Klassische Musik erklärt und näher bringt.

Bei alledem machte er die Erfahrung, dass sich die absolvierten musikwissenschaftlichen Semester als ungemein wertvoll etwa im Bereich der Musikvermittlung erweisen. Denn es sei ihm ein Anliegen, „auch zukünftig Publikum für klassische Musik“ zu haben, sagt der „praktizierende sinfonische Musiker“, der bestrebt ist, „immer mal wieder im Programm auch etwas Modernes“ zu präsentieren. Es bedürfe einer gesunden Mischung bewährter und innovativer Rezepte und Ideen, ein Publikum zu locken, zu fangen und zu binden, weiß er. Und während er über seine Erfahrungen, seine Begegnungen, seine Pläne und Ideen spricht, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Erlebnisse kreuzen sich mit Visionen, Enttäuschungen mit Hoffnungen. Dabei verliert er nie den sprichwörtlichen roten Faden, kommt immer wieder aufs Wesentliche zurück. Und das lautet: Musik in die Gesellschaft einbringen. Zugänge schaffen und die internationale Sprache der Musik vermitteln. Man spürt, dass es ihm ein echtes Anliegen, eine Herzensangelegenheit ist. So wie bei den Einführungen zu den Abonnementskonzerten des Staatsorchesters Braunschweig in der Congress Union.

Lebenslauf

1955 geboren in Helmstedt, aufgewachsen in Königslutter

1974 Abitur

1975 bis 1977 Studium der Musikwissenchaften in Göttingen

1978 bis 1982 Studium (Instrumentalmusik) an der Musikhochschule in Hamburg

seit 1983 als Solo-Trompeter beim Braunschweiger Staatsorchester

ab 1998 Orchestermanager

seit 2004 Orchesterdirektor

Von Rolf-Dieter Diehl