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Typen Für das Klavier bleibt kaum Zeit
Mehr Typen Für das Klavier bleibt kaum Zeit
13:45 22.09.2016
Gerhard Latt Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Die Johanniter haben es dem Celler Gerhard Latt schon vor über 50 Jahren angetan: „Meine Schwester Christiane hat mich 1965 zu den Johannitern mitgenommen. Sie war dort ehrenamtlich tätig. Und was soll man als kleiner Bruder gegen seine größere Schwester sagen …?“ Gerhard Latt lächelt, wenn er das sagt.

Mal hingehen konnte er ja. Aber er kam nicht mehr weg, so sehr hat ihn die Arbeit fasziniert. In der Mittelschule Am Heiligen Kreuz lief ein Erste-Hilfe-Kursus. „Das fand ich spannend. Das hat mir gefallen. Das ist eine tolle Gemeinschaft gewesen, und die Ausbildung war interessant.“

Im Februar 1966 ist Gerhard Latt den Johannitern beigetreten. Jetzt erhielt er einen Chronografen aus limitierter Auflage mit persönlicher Gravur vom Präsidenten der Johanniter-Unfall-Hilfe, Dr. Arnold von Rümker. „Ich hab‘ alle Orden, die man kriegen kann“, sagt Gerhard Latt. Etwas Stolz schwingt da mit. Immerhin besitze er auch die Ehrennadel mit Band, die höchste Auszeichnung des Johanniter-Ordens für Ehrenamtliche.

Aktuell ist Latt gerade Mitglied einer Arbeitsgruppe auf Bundesebene, die sich mit der psychosozialen Notfallversorgung befasst und wissenschaftlich begleitet wird. Denn Gerhard Latt ist nicht nur Notfallseelsorger bei den Johannitern, sondern er ist auch Lehrbeauftragter und Fachdozent im Bildungsinstitut der Johanniter-Akademie und Koordinator im Landesverband Niedersachsen/Bremen. Bereiche wie Psychosoziale Notfallversorgung und Einsatznachsorge sind die Stichworte seiner Tätigkeit. Ausbildung zum Fachberater Psychotraumatologie, zertifiziert nach den Kriterien der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie. „Es ist wichtig, Helfern beratend zur Seite zu stehen, wenn die einen schweren Einsatz erlebt haben“, beschreibt Latt seine Arbeit. Unfallbeteiligte, Angehörige und Helfer müssen auch nach dem Ereignis versorgt werden.

1977 absolvierte er die Ausbildung zum Rettungssanitäter. „Das waren drei Urlaube, die ich dafür aufbringen musste, denn das Programm umfasste insgesamt 520 Unterrichtsstunden.“ In Theorie und Praxis. Dazu gehörten Praktika im Allgemeinen Krankenhaus Celle in den Bereichen Anästhesie, Ambulanz, Intensivpflege und Geburtshilfe. „Das war sehr schön, denn da hab‘ ich meine Frau Angelika kennengelernt. 1980 haben wir geheiratet.“ Angelika Latt ist nach wie vor als Krankenschwester im Allgemeinen Krankenhaus tätig.

Jetzt ist Latt durch seinen digitalen Meldeempfänger rund um die Uhr mit der Celler Einsatzleitzentrale verbunden. Auch im Schlafzimmer ist das Gerät angeschaltet. Auf der einen Seite liegt die Ehefrau, auf der anderen Seite auf dem Nachttisch das Gerät: „Eine piept, eine quakt …“, beschreibt Latt die Situation mit einem Schuss Ironie. „Das kennen wir gar nicht anders“, ergänzt Angelika Latt die Beschreibung. Es sei zur Routine geworden, dass das Gerät mal piept. Darum habe ihre Tochter Stefanie schon früh gesagt, dass das nichts für sie sei.

Immerhin war Latt schon 1970 dabei, als auf dem Celler Güterbahnhof ein Zug entgleiste. Oder 1975 die Waldbrandkatastrophe und am 3. Juni 1998 das Zugunglück mit dem ICE 884 Wilhelm Conrad Röntgen, bei dem 101 Menschen starben und 88 Personen verletzt wurden. „Dieses Ereignis war das erste große Unglück in Deutschland, bei dem systematisch und in großem Umfang Einsatznachsorge und Notfallseelsorge betrieben wurden“, sagt Latt, denn zahlreiche Seelsorger seien in den Tagen vor Ort gewesen, um Betroffene, Angehörige und Rettungskräfte zu unterstützen und zu begleiten. Eine Umstrukturierung habe nach Eschede stattgefunden, die Krisenintervention sei mehr in den Fokus gerückt und eine Vereinheitlichung der Ausbildung sei vorgenommen worden. Wahrscheinlich sei die ICE-Katastrophe auch ausschlaggebend gewesen für sein stärkeres ehrenamtliches Engagement und seine Weiterbildung zum Notfallseelsorger, vermutet Latt.

Zu dieser Zeit hat er als Beamter im Geophysikalischen Beratungsdienst der Bundeswehr auf dem Flugplatz Faßberg gearbeitet, „als Wetterfrosch, sozusagen.“ Sein Vater war als Zivilangestellter auf dem Flugplatz Wietzenbruch beschäftigt. So hatte der Junior früh Einblick in die Flugsicherheit und in die Wetterstation bekommen.

Im Amt für Wehr-Geophysik in Porz-Wahn hatte Latt nach der Ausbildung seine erste Verwendung, bevor er 1974 auf den Celler Flugplatz kam. Von 1990 bis zu seiner Pensionierung war er im Drei-Schicht-Dienst auf dem Flugplatz Faßberg tätig.

Auch heute blickt Latt regelmäßig zum Himmel, um zu sehen, wie das Wetter ist – und wie es sich entwickelt: „Das ist vom Naturwissenschaftlichen her hochinteressant“, sagt er und lässt seinen Blick in den Himmel schweifen. Inzwischen bekommt er das Wetterprogramm für Piloten auf den Computer. „Das brauch‘ ich, denn seit 1990 bin ich als Segelflieger viel in der Luft.“ In der Segelfluggruppe der Flugsportvereinigung Celle ist er aktiv, war einige Jahre deren Vorsitzender. Durch einen Kollegen sei er damals zum Fliegen gelangt, sagt er.

Wenn es das Ehrenamt bei der Johanniter-Unfall-Hilfe zulässt, fahren Gerhard Latt und seine Frau Angelika gern in Weinanbaugebiete. Neustadt an der Weinstraße, Toskana, Bardolino am Garda-See. „Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken“, hat seine Frau als ein Bild inszeniert, das im Wohnzimmer hängt. Schräg gegenüber dem Bücherregal, auf der anderen Seite zum Klavier. „Das ist ein Erbstück meiner Eltern. Um es zu spielen, muss ich mal Zeit haben – also nie …“, lächelt Gerhard Latt und zeigt auf den digitalen Meldeempfänger.

Lebenslauf

21. Oktober 1950 in Celle geboren und in Wietzenbruch aufgewachsen

1966 Eintritt in die Johanniter-Unfall-Hilfe Celle

1971 Ausbildung an der Deutschen Wetterdienst-Schule in Neustadt an der Weinstraße

1973 Tätigkeit im Amt für Wehr-Geophysik in Porz-Wahn

1974 bis 1990 Tätigkeit auf dem Flugplatz Celle-Wietzenbruch

1990 bis zum Ruhestand Tätigkeit auf dem Flugplatz Faßberg im Wechselschichtdienst

1980 Hochzeit mit Angelika

1982 Geburt von Tochter Stefanie

2016 Ehrung für 50-jährige Mitgliedschaft bei der Johanniter-Unfall-Hilfe

Von Lothar H. Bluhm