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Typen Helmut Kubik hat so viel Kram
Mehr Typen Helmut Kubik hat so viel Kram
13:34 22.09.2016
Helmut Kubik lebt mit seinen umfangreichen Erinnerungen, Dokumenten und Fotos. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Thören

„Unser Ziel war Schwarmstedt“, sagt der 93-jährige Thörener heute. Er hatte immer wieder viel über den Ort Schwarmstedt gehört und dachte, dass er dorthin müsste.

In der Nähe von Loccum waren er und seine Kameraden versprengt worden. „Zur Stabilisierung der Westfront wurde ich als Marine-Angehöriger an die Infanterie abgegeben“, schildert Kubik, wie es damals zuging. Da kommen zwangsläufig Szenen aus dem mehrfach preisgekrönten Antikriegsfilm „Die Brücke“ von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1959 ins Gedächtnis. Volker Lechtenbrink und Vicco von Bülow spielten ihre ersten Rollen in dem Schwarzweißfilm. Wie in dem Film sollten Kubik und seine Gruppe eine Straße vor dem feindlichen Militär schützen. Nur drei Soldaten überlebten diesen Einsatz. Mit dabei war Helmut Kubik.

Schon vorher hatte Kubik Glück, denn er sollte als Oberfähnrich nach dem Besuch der Offiziersschule in Westpreußen am 30. Januar 1945 von damals Gotenhafen/Ostsee (heute Gdingen bei Danzig) aus mit der „Wilhelm Gustloff“ zur weiteren Verwendung ausgeschifft werden. Das Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ diente während des Krieges unter anderem als Lazarettschiff. „Als wir am Hafen ankamen, war alles voller Flüchtlinge“, erinnert sich Kubik. Der Tipp eines Kameraden, sich selbst Wunden beizubringen und so per Bahn seinen Dienst im Westen anzutreten, rettete ihm das Leben: Die völlig überladene „Wilhelm Gustloff“ legte ab und wurde wenig später durch einen sowjetischen Torpedoangriff versenkt; mit ihm fast alle ostpreußischen Flüchtlinge und Besatzungsmitglieder.

„Bei Grindau griffen uns englische Soldaten auf, die uns nach Thören ins Gefangenenlager auf dem dortigen Schulhof brachten. Wir gaben uns als Fremdarbeiter aus, Ott als Ukrainer, ich als Pole – nur so haben wir überlebt“, denkt Kubik an den 13. April 1945 zurück, als er auf dem Hof Gosewisch in Thören Unterschlupf fand. „Hier war ich von 45 bis 47 als Knecht beschäftigt. Hier begann mein neues Leben. Ich sagte mir, wenn ich hierbleiben will, muss ich mich akklimatisieren“.

Mit dieser Haltung und der großen Hilfsbereitschaft der Thörener konnte Helmut Kubik Fuß fassen. Drei Jahre später konnte er seine Mutter Margarete und seinen Opa Karl, der seinerzeit energisch gegen Kubiks freiwillige Verpflichtung zur Kriegsmarine protestierte, nach Thören holen.

1948 haben Helmut Kubik und Margarethe Thies geheiratet: „Zur Hochzeit haben wir alles schwarz besorgt oder getauscht. Der Kammgarnstoff für meinen Anzug konnte gegen ein Schwein getauscht werden“. Der Hochzeitsanzug sei dann genäht worden, das Futter dafür stammte aus alten Uniformen, das Hemd war halb aus Fallschirmseide und halb aus Webstoff. „Aus einer Gardine aus Hornbostel wurde der Brautschleier. Der durfte aber nicht kaputt gehen, denn die Gardine kam anschließend wieder ans Fenster – wir hatten ja nix …!“

Auch in Thören war das die Zeit des Aufbruchs und Neubeginns. „Da muss ich alles mitmachen“, sagte sich Kubik damals – auch als Zeichen seiner Akklimatisation. Und die Liste der Vereine und Organisationen, in denen er ehrenamtlich mitgemacht hat, ist lang. Sie reicht vom Verein für Rasensport in Thören über den Gesangverein, Theaterverein, Schützenverein, Turnverein, Schulverein der Realschule und über den Kyffhäuserverband, den Gemeinderat Thören sowie der Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr bis hin zum Seniorenbeirat. „Ich war überall Schriftführer oder Rechnungsführer“, sagt Kubik und deutet auf den großen hölzernen Büroschrank mit der breiten Rolltür, hinter der sich sämtliche Unterlagen der Vereine befinden. „Ich hatte noch so viel vor mit den Unterlagen, aber ich kann nicht mehr richtig sehen. – Da kannst du nichts machen …“

Jetzt wartet Kubik auf ein Lesegerät, mit dem er Zeitungen, Bücher und die alten Unterlagen lesen kann. „Ich hab noch so viel Kram“, stöhnt Kubik ein wenig. Ob vom Sängerfest in Müden, an dem der Gesangverein – den es längst nicht mehr gibt – teilgenommen hat, oder ob es um das Bemühen ging, einen Chorleiter zu finden: Helmut Kubik hat alles.

Darum war das Archiv von Helmut Kubik auch eine gute Quelle für den Thörener Heimatpfleger Hinnerk Kruse. Er hat in enger Zusammenarbeit mit Kubik Beiträge zu den Winser Geschichtsblättern geliefert und Artikel für den unlängst erschienenen Band „Thörener Geschichte(n)“ verfasst.

Helmut Kubik war immer Wahlbeisitzer. „Schon zur ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 war ich dabei. Das war die erste Bundestagswahl überhaupt und die erste komplett freie Wahl seit der Reichstagswahl 1932.“ Ein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit, denn Kubik war fortan immer Schriftführer bei Wahlen, egal, ob Mandatsträger für das Europaparlament, den Bundestag, den Landtag oder für die kommunalen Gremien gewählt wurden. Sein Sohn Hartmut löste ihn vor über 20 Jahren im Wahllokal in Thören ab. „Das Schöne war immer, ich kannte alle Einwohner in Thören und wir hatten immer Prognosen abgegeben, wie wohl gewählt werden würde: Bis auf ein, zwei Stimmen lag ich mit meinen Vorhersagen fast immer richtig“.

Bis 1971, also bis zum Ende der Selbstständigkeit der Gemeinde Thören, war Kubik Mitglied im Gemeinderat und führte die Gemeindekasse. „Mit dem damaligen Oberkreisdirektor Dr. Bruns hatten wir rechtzeitig vereinbart, dass Thören eine Schule behält“. Man habe Modellbauten in Dalle und Weyhausen besichtigt und Baupläne entwickelt. „Als es dem Ende der Eigenständigkeit der Gemeinde zuging, wollte Bruns nichts mehr davon wissen …“ Da gab es Querelen. Kubik: „Ich bin kein Hampelmann. Da hatte der Spaß ein Ende“.

Jetzt sitzt Helmut Kubik in seiner guten Stube vor den vielen Fotos der Familie. Auch heute noch interessiert ihn, was in der Welt passiert. Die Bundestagsdebatten verfolgt er immer im Fernsehen. Und die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft: „Da sitz ich immer in der ersten Reihe – zur EM habe ich kein Spiel verpasst. Schade, dass es nicht geklappt hat“.

Lebenslauf

1. April 1940 Verpflichtung zur Deutschen Reichsmarine

1944/45 Offiziersschule in Westpreußen

13. April 1945 Ankunft in Thören und Beginn der landwirtschaftlichen Tätigkeit als Knecht

1947 bis 1965 Tätigkeit bei der DEA in Thören und Wietze

1948 Hochzeit mit Margarethe

1949 Geburt des Sohnes Manfred

1955 Geburt des Sohnes Hartmut

Seit 1951 zahlreiche Ehrenämter in verschiedenen Vereinen und Gremien, u. a. Ratsherrentätigkeit in Thören

1965 bis zum Ruhestand Tätigkeit bei der Stromversorgung Osthannover als Betriebsabrechner, Rechnungsprüfer und Einkäufer

Von Lothar H. Bluhm