Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Typen Jürgen Gartung geht gegen an
Mehr Typen Jürgen Gartung geht gegen an
13:52 22.09.2016
Jürgen Gartung auf dem Jakobsweg in Nordspanien.Er war fast 1000 Kilometer unterwegs. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Eicklingen

Die Herberge Beilari in der ummauerten Innenstadt von Saint-Jean-Pied-de-Port liegt am Fuß der Pyrenäen. Sie war die erste Station für den Eicklinger Gartung, nachdem er in Biarritz im Département Pyrénées-Atlantiques im äußersten Südwesten Frankreichs gelandet war.

Das Haus wurde vermutlich zum Ende des Mittelalters gebaut. Der Baustil ist typisch baskisch mit dicken Mauern, prächtigen Holzfluren, geräumigem Treppenhaus und in den traditionellen Farben Rot und Weiß bemalt. Hier nahm Jürgen Gartung seinen Rucksack huckepack. Zwölf Kilogramm schwer, mit der nötigen Bekleidung, etwas Zubehör, zwei Litern Wasser und ein wenig Obst für die Strecke.

Schon vor Jahren war Gartung viel unterwegs. Er kletterte als passionierter Bergsteiger auf etliche Gipfel im Alleingang. Bergtouren mit Traumzielen, zum Beispiel das 4478 Meter hohe Matterhorn und der 4808 Meter hohe Mont Blanc. Sport hat er immer betrieben, aber eher mäßig. Ein wenig geradelt, ein bisschen gewalkt, geruhsam geschwommen, in Muße Schlittschuh gelaufen. Bei einem Urlaub mit der Familie in den Alpen unternahmen er und sein damals zehn Jahre alter Sohn Andreas dann leichte bis mittelschwere Bergwanderungen. Gartung entdeckte sein Herz fürs Gebirge, gierte nach mehr und höheren Zielen.

1996 erhielt er eine bittere Diagnose: Dreifacher Bandscheibenvorfall. „Das Bergsteigen können Sie vergessen“, sagte damals der Mediziner. Leichtere Wanderungen würden wieder möglich sein, aber mit einem rund 20 Kilogramm schweren Rucksack hinauf auf die Gipfel – das sei endgültig vorbei.

Er wurde geheilt. Ein halbes Jahr später ein zweiter Vorfall. Außerdem wurde bei ihm eine fortgeschrittene Osteoporose festgestellt.

Gartung las Fachliteratur und stieß dabei auf den Satz: „Extremer Sport kann die Knochenstruktur wieder verbessern.“ Gartung ging ins Extreme: Zwei Jahre lang trainierte er Woche für Woche intensiv. „Ich bin regelmäßig pro Jahr 1000 Kilometer gewalkt, 3000 Kilometer Rad gefahren, 1500 Kilometer Inlineskater gelaufen, einmal pro Woche 2000 Meter geschwommen und habe Wirbelsäulengymnastik gemacht“, erzählt er. Nach zwei Jahren hatte sich seine Knochendichte von 64 Prozent auf 76 Prozent verbessert.

Dann 2011 die nächste herbe Diagnose: Die linke Hüfte musste operiert werden. „Das war höchste Zeit für eine Prothese“, blickt Gartung heute zurück. Während der anschließenden Rehazeit in Bad Nenndorf sorgte er schon für seinen Muskelaufbau: „Bewegen, bewegen, bewegen war ein ganz wichtiger Tipp, den ich dort bekam.“ Nach sechs Wochen fuhr er mit dem Fahrrad. Nach vier Monaten war er beim Indoor-Klettern dabei, wenig später folgte Inlineskating, und nach neun Monaten war er auf Bergtour in Österreich. „Man muss was tun“, gibt er als Empfehlung weiter.

Am 5. Juni 2015 dann gratulierten er, seine Frau Marita und Sohn Andreas dem jüngeren Sohn Daniel zum 30. Geburtstag. „Daniel hatte 2014 beschlossen, auf den Jakobsweg zu gehen. So war er genau zu seinem 30. Geburtstag vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Und dort überraschten wir ihn mit einem großen Banner ‚Daniel 30 – Herzlichen Glückwunsch‘“, beschreibt Jürgen Gartung das Schlüsselerlebnis, das ihn dazu brachte, selbst auf den Jakobsweg zu gehen: „Das ist auch was für dich, dachte ich. Die vielen Erzählungen und Geschichten, die von den Pilgern ausgetauscht wurden, das war etwas ganz Besonderes im Leben. Das muss was ganz Besonderes sein …“ – Zwei Monate später stand sein Entschluss fest: „Ich gehe!“ Bekannte rieten ab, er solle an seine Hüfte denken, Ehefrau Marita war begeistert.

„For myself and my disabled son“ ließ er sich zusammen mit dem blauen Jakobsweg-Symbol auf eine Schirmmütze sticken, Merino-Unterwäsche und Kompressionsstrümpfe wurden eingepackt. Funktionskleidung, Regenzeug, gut eingelaufene Bergstiefel und Hirschtalgsalbe.

Gleich am ersten Tag musste er von 200 Metern auf 1500 Meter steigen, um die erste Etappe zu erreichen. Auf dem gekennzeichneten Weg „D-933/N-135“ ging es Richtung Westen. Ein kleines Taschenbuch von Raimund Joos über den Jakobsweg gab ihm Orientierung. „Wichtig waren mir auch die Hinweise und Tipps meines Sohnes Daniel, der den Weg ja bereits gegangen war“, findet Gartung.

Gartungs kürzeste Etappe auf dem Weg war 18 Kilometer, die längste 42 Kilometer lang. Dreimal musste er das Etappenende verschieben, weil kein Bett in der Pilgerherberge frei war. Interessant: Gartung hatte keine Blasen, „und von den vielen mir empfohlenen Medikamenten habe ich keine gebraucht. Durch intensive Dehn- und Streckübungen nach den Tagesetappen haben sich die Muskelverspannungen gelöst. Danach konnte ich problemlos noch ausgedehnte Besichtigungen am Etappenziel machen.“

„Man trifft immer Menschen, Annemike aus Holland, Franz aus Maastricht“, berichtet Gartung. Ein irisches Ehepaar, das seinen Sohn durch Lungenkrebs verloren hat und für dessen Frieden läuft, Holländer, Deutsche – Pilger aus aller Welt. „Man trifft dann immer wieder die Leute, die man unterwegs schon mal getroffen hat.“

„Ich habe auf dem Weg auch alle Sehenswürdigkeiten besichtigt: die Kathedralen von Burgos, León, Astorga. Dort auch den Gaudipalast.“ Mit den Besichtigungen – meistens nach der Tagesetappe – schätzt Gartung die insgesamt gegangene Strecke auf 1050 Kilometer oder zirka zwei Millionen Schritte.

Auf dem Weg hat er oft über sein bisheriges Leben mit den mehr oder weniger schweren Schicksalsschlägen nachgedacht. Weiterhin hat er das Gefühl, etwas Besonderes und Großartiges erlebt zu haben. „Ich habe viele Schicksale kennengelernt. Das formt einen.“

Lebenslauf

14. Juni 1947 in Celle geboren und in Ohof im Kreis Peine aufgewachsen; Schlosserlehre

1964 Grundwehrdienst in Munster

1970 bis 1972 Technikerschule in Hannover, anschließend verschiedene Tätigkeiten bei Celler Unternehmen

1978 Hochzeit mit Frau Marita, zwei Söhne (Andreas und Daniel)

1996 Bandscheiben-OPs

2006 Hochgebirgstouren, unter anderem Matterhorn (4478 Meter) und Mont Blanc (4808 Meter)

2011 Hüft-OP

2012 Ruhestand

2016 Pilgern auf dem Jakobsweg – 908 Kilometer in sechs Wochen

Von Lothar H. Bluhm