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18:13 08.10.2015
Uwe Severloh Quelle: Michael Schäfer
Metzingen

Und zum Schluss sprang dann auch noch eine Bauchtänzerin aus der Torte“, erinnert sich Uwe Severloh an den Abend, als seine berufliche Laufbahn als Selbständiger ihren Anfang nahm. Das liegt mittlerweile 26 Jahre zurück und die leichtbekleidete Dame ist im Gedächtnis von Severlohs Heimatort Metzingen haften geblieben, wegweisend für seine Arbeit war der unkonventionelle Auftritt jedoch nicht. Dafür ist der Umgang mit seinen Kunden viel zu solide. Steht der Keller unter Wasser, die Küche in Flammen, wurde der Wagen gerammt – jeweils ein Fall für Uwe. Ein großer Teil seiner Kundschaft duzt ihn. In seiner Region ist Severloh eine Art Synonym für den Schutz vor Risiken.

Kunde ist König

Denn „Mister Versicherung“ ist eng verbunden mit seiner Gegend, seine Familie ist über Generationen im Ort ansässig, die Menschen sind ihm vertraut. Seine Besuche richtet er ganz nach den Gepflogenheiten seiner Klientel aus. „Natürlich gehe ich nicht zur Melkzeit zum Bauern und immer übern Hof, nicht durch die Haustür.“ Begriffe und Verhaltensweisen, die einst selbstverständlich waren, aber langsam verblassen.

Uwe Severloh ist damit aufgewachsen, seine Eltern hatten einen großen landwirtschaftlichen Betrieb. „Der Hof war und ist immer Anlaufstelle“, betont er, „auch jetzt noch mit 60“. Da von vornherein feststand, dass der ältere Bruder den Betrieb übernehmen würde, lernte Severloh zunächst Textilkaufmann im Groß- und Außenhandel. „Margarete Grote-Bourry, auch als ‚Celler Nachtigall‘ bekannt, war damals meine Chefin, wir hatten viel Kontakt mit Frankreich“, erzählt er.

Und so flüssig wie ihm die französischen Fachbegriffe noch heute über die Lippen gehen, kann man sich gut vorstellen, dass er auch in dieser Branche eine Zukunft gehabt hätte. Aber so weit kam es nicht. Denn sein Vater, Heinrich Severloh, war nicht nur Bauer, sondern auch Hauptvertreter der Brandkasse. Er brauchte Unterstützung, und so stieg der jüngste Sohn mit ein. „Nicht per Telefon oder heutzutage per E-Mail, nein, man muss den Leuten in die Augen sehen – das ist ein Grundsatz, den ich von Heinrich gelernt habe.“

1989 übergab dieser den Staffelstab mit einer Riesenfete einschließlich Bauchtänzerin an die nächste Generation. Auf den alten Herrn, wie der Sohn ihn gerne nennt, wartete noch eine wichtige Aufgabe. „Heinrich hat über den Krieg nicht gesprochen. Ich habe ihn dann später öfter zu den Treffen mit den Verlegern gefahren, auch da habe ich nicht gefragt. Was passiert war, setzte sich allmählich aus den Gesprächen zwischen Heinrich und seinem Verleger zusammen.“ Heinrich Severloh war einer der Schützen, die die an der Atlantikküste in der Normandie anlandenden amerikanischen Soldaten unter Maschinengewehrfeuer nahmen.

Später schloss er Freundschaft mit einem der damaligen Feinde. Seine Geschichte schrieb er unter dem Titel „WN62. Erinnerungen an Omaha Beach“ nieder. „Als das Buch fertig war, ist eine Last von seiner Seele gefallen“, erinnert sich der Junior an den 2006 verstorbenen Senior. Es ist der einzige Moment des Gespräches, in dem das Lachen von seinem Gesicht verschwindet. Aber es kehrt schnell wieder zurück, weil ihm eine „Episode“, wie er kleine Anekdoten nennt, einfällt. „Vaddern schloss schon mal Verträge in der Kneipe auf Bierdeckeln ab. Spät in der Nacht kam er über Schleichwege nach Hause. Am nächsten Tag wusste er nicht mehr, wer gleich abends beim Bier sein neues Pferd hatte versichern wollen. „‘Uwe, sieh mal zu, dass du die Unterschrift hier entziffert kriegst‘, hieß es dann.“

Singen, Fliegen und Feuerwehr

Selbstverständlich ist der 60-Jährige in allen Metzinger Vereinen Mitglied. Am höchsten im Kurs stehen Singen und Fliegen: „Über diese beiden Hobbys habe ich auch meine Frau kennengelernt.“ In der Schule wurde sein Gesangstalent zwar nicht so hoch eingeschätzt, aber das ließ ihn kalt. „Wer halbwegs singen konnte, der ging bei uns in den Chor. Und wir waren auch der einzige Gesangsverein, der schon Bier trank, während noch geübt wurde.“

Severloh muss in der Vergangenheit vom Metzinger Chor berichten, denn kurz vor dem 100-jährigen Bestehen löste sich die Sängertruppe auf, weil sich keine Führungsriege mehr fand. Leider ließ sich bei der Suche nach geeigneten Nachfolgern Severlohs ansonsten bewährte Methode nicht anwenden. „Wenn sich auf der Mitgliederversammlung niemand meldete, der übernehmen wollte, dann half nur das bewährte Rezept: Alle mit dem Kopf unter den Tisch und wer als erster wieder hochkommt, hat den Posten inne“, liefert Severloh ein Beispiel, wie man Führungsprobleme auch lösen kann.

Mittlerweile singt er einige Kilometer weiter im Eldinger Vokalkreis. Selbstverständlich musste eine Alternative für den wöchentlichen Gesangstermin her, denn „Singen ist in meinem Leben eine feste Größe, das war es schon in der Kindheit.“ Ein Jahrzehnt später gesellte sich ein zweites Freizeitstandbein hinzu. Es war die Zeit, als viele Berliner sich einen Zweitwohnsitz in der Heide zulegten. „Sogar der SFB war da, als 1970 in Metzingen ein Segelfluggelände für drei Berliner Vereine eröffnet wurde.“

1972 trat er ein und seitdem nimmt er sich nicht nur regelmäßig eine Auszeit knapp unter den Wolken, denn drüber dürfen Segelflieger nicht, sondern ging auch erfolgreich bei Meisterschaften an den Start. Für das Feeling in der Luft fällt ihm natürlich Reinhard Mey ein. „Ja, ich weiß, das ist abgedroschen, aber so ist es nun mal. Eine Runde da oben ist wie zwei Wochen Urlaub. Alles ist klein da unten, man wird frei, man schwebt still vor sich hin.“

Aber es geht nicht nur darum. „Wie beim Singen, der Feuerwehr und dem Bürgerverein schätze ich die Kameradschaft und Geselligkeit. Und die wird bei uns großgeschrieben.“ Bei dieser ausgefüllten Freizeitgestaltung und im Vergleich zu Angestellten mit Achtstundentag im Büro scheint es für ihn doch gar nicht so viele Anlässe zu geben, den festen Boden unter den Füßen gegen die Schwerelosigkeit einzutauschen? „Na ja, die in den oberen Etagen der Versicherungsgesellschaften liefern Zielvorgaben. Das kann ganz schnell gehen und du bist deinen Bestand los. Ob die Rechnung dann aufgeht, ist eine andere Frage.“

Fürs Fliegen muss der Kopf frei sein und dem steht das Versicherungsgeschäft, das Erfolg ausschließlich in Zahlen misst und in Statistiken bannt, bisweilen im Weg. Beides spielt auch für Severloh eine große Rolle, aber noch wichtiger sind ihm die Menschen, die sich hinter den Unterschriften auf den Verträgen verbergen. „Ich habe noch alte Unterlagen von Kunden, die längst verstorben sind. Und wenn ich mir die Unterschriften so ansehe, also da könnte ich Episoden erzählen …“

Uwe Severloh

geboren am 23. August 1955 in Celle

1972 bis 1975 Lehre als Textilkaufmann im Groß- und Außenhandel bei Gardinen-Schneider unter Leitung von Margarete Grote-Bourry in Celle

1971 Eintritt in Metzinger Bürgerverein

1972 Eintritt in Metzinger Segelflugverein

1975 Feuerwehr und Chor beigetreten

1986 bis 1989 Versicherungsbüro gemeinsam mit Vater Heinrich in Metzingen

1989 geheiratet und Versicherungsbüro vom Vater übernommen

am 18. August 1992 Tochter Henrikje geboren

2014 25-jähriges Jubiläum als selbständiger Versicherungsvertreter

Von Anke Schlicht