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Typen Linken-Kandidat Paul Stern: "Ich bin kein Parteisoldat"
Mehr Typen Linken-Kandidat Paul Stern: "Ich bin kein Parteisoldat"
18:47 08.09.2017
Von Dagny Siebke
Am liebsten hält sich Paul Stern in Celle am Bunten Haus und im Kino achteinhalb auf. Der 64-Jährige engagiert sich für die Entmilitarisierung, gegen den Sinkflug der Rente und gegen den Klimawandel. Quelle: David Borghoff
Celle Stadt

NEUENHÄUSEN. Die Partei „Die Linke“ hat für den Bundestagswahlkampf in Celle ein soziales Gesicht gesucht und es in Paul Stern gefunden. Der DGB-Vorsitzende ist zwar für die Partei auf Stimmenfang und doch ist er auf keinem Wahlplakat zu sehen. „Ich bin kein Parteisoldat und aus bestimmten Gründen nicht Mitglied“, betont der 64-jährige Ergotherapeut.

„Ich bin ein vehementer Gegner einer Regierungsbeteiligung der Linken“, sagt Stern. Zweimal hätten sie in Regierungsverantwortung die rote Linie überschritten: Als die Linken in Berlin einem Privatisierungsprojekt und in Brandenburg dem Braunkohleplan zustimmten. Die Landesliste ist für Stern kein Thema. „Nur wenn mir die Mehrheit der Wähler das Vertrauen schenkt“, betont er, komme er in den Bundestag. Er selbst hält das für „sehr unwahrscheinlich.“ Dennoch ist Stern ein zutiefst politischer Mensch.

Mit 14 Jahren habe er angefangen, regelmäßig das Jugendzentrum in seiner Heimatstadt Kronberg im Taunus zu besuchen, erzählt Stern als Kind der 1968er-Generation. „Damals ging eine rebellische Grundstimmung durch ganz Europa.“ 1976 hat er die Anti-AKW-Bewegung in Ostwestfalen-Lippe organisiert. Als er an der Uni Köln Lehramt studierte, war er AStA-Mitglied. In Bielefeld und in Celle gehörte der Globalisierungskritiker zu den Gründungsmitgliedern von Attac-Gruppen. 2006 initiierte er in der Residenzstadt den Rosa-Luxemburg-Club Celle, der im Kino achteinhalb Dokumentarfilme zu aktuellen politischen Themen zeigt oder linksalternative Referenten ins Bunte Haus einlädt. Während des G-20-Gipfels war er sechs Tage in Hamburg. Sehr inspirierend fand er zuletzt das Klimacamp im Rheinland.

Bei der heutigen jungen Generation fehle die Aufbruchstimmung, so Stern. Im Moment sehe er bei den Jugendlichen eher eine Sattheit und Konsumorientierung. Alle Organisationen hätten Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren. „Doch das kann sich schnell wieder ändern“, winkt er ab. Schließlich verliefen Protestbewegungen wellenförmig. „Die aktuelle Mobilisierung von rechts verheißt nichts Gutes. Momentan gibt es leider nicht viele, die dagegenhalten.“

Doch der Gewerkschafter sieht Hoffnungsschimmer. Zum Beispiel als in Celle die Erzieherinnen wochenlang streikten. Oder Hunderte Celler am 1. Mai den bewegenden Auftritt einer Krankenschwester mitverfolgten. „Wenn man die ureigensten Probleme der Menschen anspricht, sind sie auch mobilisierbar“, ist sich Stern sicher. „Der Sinkflug der Rente“ sei eines der drängenden Probleme. Wenn Menschen ihren Rentenbescheid ansähen, machten sie große Augen.

Was Paul Stern an den Linken beeindruckt, seien die ganz klaren Forderungen. 14,50 Euro als Mindestlohn in der Pflege, ein Hartz IV in Höhe von 1050 Euro sanktionsfrei. „Wir wollen ein gutes Leben für alle“, so der Vater einer Tochter. „Das Geld ist da, es muss nur anders verteilt werden.“