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Typen Nabel Umar möchte hier bleiben
Mehr Typen Nabel Umar möchte hier bleiben
16:51 28.06.2016
Nabel Umar arbeitet als Teilzeitkraft bei einem Betrieb in Winsen. Sein Chef ist mit ihm zufrieden. Quelle: Lothar H. Bluhm
Winsen (Aller)

Nabel Umer freut sich schon auf das Außentraining seiner Fußballmannschaft. Dann kann er im Team des SSV Südwinsen wieder die Position des Verteidigers einnehmen und gemeinsam mit den Mitspielern nach dem Ball treten. „Alle sind sehr nett. Die Nachbarn, die anderen, alle sind sehr nett“, sagt der dunkelhäutige schlanke Mann. Erleichtertes Lächeln steht in seinem Gesicht. Und es ist sicher auch ehrlich gemeint, wenn er von Frau Bachmann erzählt. Sie kommt manchmal mit einem großen Topf Suppe vorbei. In das Haus, in dem Umar mit neun weiteren Landsleuten lebt. Dann schwärmen alle von dem guten Essen. Angelika Bachmann ist freiwillige Flüchtlingshelferin. Sie hält engen Kontakt zu den Sudanesen und verwöhnt sie gelegentlich mit Selbstgekochtem. Ein Urlaub in Ägypten verdeutlichte ihr die Situation in dem afrikanischen Land.

Angelika Bachmann ist aber auch die Mutter ihres Sohnes Frank, der Chef der aba-Verkaufsförderung in Winsen ist, bei der Nabel Umer inzwischen auf 400 Euro-Basis arbeitet. Angefangen hatte es mit einem zweimonatigen Praktikum. Bachmann hat in seinem Betrieb, in dem 25 Mitarbeiter beschäftigt sind, Arbeitsbereiche wie Buchhaltung, EDV und Druck, Lager und Einsatzleitung. Nabel passt gut ins Team, findet auch sein Kollege Steven Nicholsen.

„Wir als Gemeinde haben im Sommer über unser Mitteilungsblatt örtliche Betriebe ermuntert, Praktikumsplätze für Flüchtlinge zu schaffen“, sagt die Winser Integrationsbeauftragte Karina Ibrahimova. Und es meldeten sich einige Unternehmen: Es gibt inzwischen acht Jobangebote, aba gehört dazu. „Mir ist Pünktlichkeit ganz wichtig – Pünktlichkeit ohne Ausreden“, nennt Bachmann ein Kriterium aus seinem Anforderungskatalog gegenüber Mitarbeitern. Außerdem gehören Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein dazu. „Ich bekomme von allen Seiten positive Rückmeldungen über Nabel Umer“, freut sich der Geschäftsführer. „Es gibt nix zu meckern …“ Er suche sich auch Arbeit und beende sie ordentlich, beschreibt Bachmann seine Teilzeitkraft.

Nabel Umer war der jüngste Flüchtling in der Gruppe der Sudanesen, die im Juni 2014 bei Karina Ibrahimova im Zimmer standen. Solange ihr hier seid, nehmt alles mit, was angeboten wird, habe sie damals den Asylbewerbern gesagt. Und das begann mit Sprachunterricht durch Ehrenamtliche. Nabel Umer konnte an einem viermonatigen Deutschkurs in Celle teilnehmen. Darum kann er sich so gut auf Deutsch verständigen. 30 freiwillige Helfer gehören momentan in das Winser Helferteam.

Wäre die regierungskritische Demonstration nicht gewesen, wäre vielleicht alles anders gekommen: So wurde Nabel Umer im Juli 2011 in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum vom Geheimdienst Jihas Al-Am Al Mukhabarat Watan verhaftet, in eine Einzelzelle verbracht und mit Schlägen, Tritten und Wasser gefoltert. Nach drei Tagen konnte er durch die Bürgschaft seines Freundes Makeh Ali entlassen werden, mit dem Hinweis, dass das Gerichtsverfahren auf ihn warten würde. Eine längere Gefängnisstrafe wurde ihm prophezeit.

Dabei stellt Nabel Umer alles als Irrtum und Missverständnis dar. Nach seinen Angaben befand er sich in einem normalen Linienbus auf dem Weg nach Omdurman, der zweitgrößten Stadt Sudans in der Nachbarschaft zur Hauptstadt Khartoum, auf der anderen Seite des Nils. „Zur gleichen Zeit fand in Khartoum eine Demonstration gegen die Regierung statt, die von der Polizei aufgelöst wurde“, liest Umer aus einem Bericht seines Anwalts in gebrochenem Deutsch vor. Dabei habe die Polizei versucht, möglichst viele Demonstranten zu identifizieren. Einige Demonstranten seien auch in den Bus geklettert. Die Polizei habe daraufhin die 29 männlichen Fahrgäste aus dem Bus gezerrt und mitgenommen. Mit dabei war auch Nabel Umer.

Der kommt ursprünglich aus dem sudanesischen Dorf Al Gharyab, einem Ort in der Region Dschanub Darfur mit zirka 70 Familien in Holzhütten ohne Strom und mit Wasser aus Brunnen. „Wir hatten keine Elektrizität bei uns“, berichtet Umer über die Wohn- und Lebensverhältnisse in seiner Heimat, in der er in seiner Familie mit einer Schwester und vier Brüdern lebte. Sein Vater hatte eine kleine Landwirtschaft mit drei Kühen und Mais- und Tomatenanbau.

Im März 2011 gab es einen Angriff der Dschandschawid auf den Ort. „Sie kamen mit Pferden und Kamelen, schossen in die Luft, steckten Hütten in Brand und trieben die Leute auf dem Dorfplatz zusammen“, deutet Umer auf sein Anwaltsschreiben. „Dabei wurde angekündigt, die jungen Männer des Dorfes beim nächsten Mal mitzunehmen, damit diese für die Dschandschawid kämpften.“ Familie Umer sah eine Gefahr für Leib und Leben und floh nach Al Ubayyid in die Provinz Schamal Kurdufan. Die Eltern und Geschwister blieben dort, während Nabel Umer als ältester Sohn allein in Khartoum versuchte, durch Arbeit für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen. „Ich hatte ganz viel Angst“, bringt Umer hervor, wenn er sich an die Zeit dort erinnert. Er sei noch einmal mit Waffengewalt überfallen und ausgeraubt worden, als dann der Entschluss reifte, nach Europa zu fliehen.

Auf der Ladefläche eines Pritschenwagens und als blinder Passagier im Kofferraum eines Pkw gelang er nach siebentägiger Fahrt durch Wüstenregionen an die libysche Mittelmeerküste, wo er 1000 Dollar für die Überfahrt nach Sizilien bezahlen musste. „Wir waren so 100 Menschen auf dem Boot. Auch Frauen und Kinder …“ Nach dreitägiger Überfahrt mit lediglich kleinem Proviant und einer Flasche Wasser erreichte er italienischen Boden. „Von Sizilien aus wurden wir von der Uno nach Rom geflogen, von dort fuhr ich mit dem Zug nach Paris. Nach drei Tagen nach Braunschweig“, berichtet Umer. Zwei Tage später meldete er sich in Winsen.

„Der Sudan ist für mich zu gefährlich. Ich muss warten, bis sich alles beruhigt hat. Ich möchte hier bleiben. Denn hier sind alle nett und freundlich. Alles nett, alles gut. Alle sagen hallo, bitte – danke!“

Lebenslauf

1990 in Al Gharyab im West-Sudan geboren

1997 bis 2009 Schulbesuch, danach Tätigkeiten auf dem Bau

März 2011 Vertreibung der Familie aus Al Gharyab; Arbeitssuche in Khartoum

Juli 2011 Festnahme und Folter durch den Geheimdienst

Februar 2012 Grenzübertritt nach Libyen

April 2014 Boots-Überfahrt nach Sizilien

Juni 2014 Ankunft in Winsen – mit elf weiteren Sudanesen

Von Lothar H. Bluhm