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Typen Notgeld hat es ihm angetan
Mehr Typen Notgeld hat es ihm angetan
16:10 10.12.2016
Bergen Stadt

Friedrich Peters hat bis zu seinem sechsten Lebensjahr nur Plattdeutsch gesprochen. „Wir sprechen hier überall Platt; jedenfalls alles, was über 60 Jahre ist, schnackt Platt“, weiß der in Baven geborene Landwirt. Er lebt jetzt in Bergen. Zwischen Tageszeitungen, Geschäftsunterlagen, landwirtschaftlichen Fachzeitschriften und Aufsätzen zu Themen aus der Agrarwirtschaft fühlt sich der 81-Jährige wohl, sitzt an seinem Schreibtisch und kommt ohne große Umschweife sofort zum Thema: deutsches Notgeld aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Mit einer kleinen Zigarrenkiste seines Vaters fing es an. Zwölf Notgeldscheine aus Schöppenstedt bildeten das „Startkapital“. „Wenn du mal Geldscheine suchen tust, guck in die Zigarrenkiste im Schreibtisch“, habe ihm sein Vater damals gesagt. „Da hatte ich eine Basis zum Sammeln und Weitermachen“, sagt Peters heute. Als 20-Jähriger habe er die kleine Schachtel mit dem Notgeld bekommen. „Das fand ich schon damals interessant.“

Inzwischen sind aus der handlichen Zigarrenkiste etliche dicke Ordner geworden: Fein säuberlich in Prospekthüllen sortiert kann Friedrich Peters seine Sammlung zeigen. Sätze für Sätze. Nach Regionen und Städten sortiert. Und das Schöne sei, dass die einzelnen Herausgeber der Geldscheine auch plattdeutsche Beschriftungen gewählt haben, findet er. Ein Beispiel von der Kreissparkasse Diepholz. Da unterschrieben der Vorsitzende Lohans und Sparkassendirektor Bramekamp am 19. August 1921 die 75-Pfennig-Note, auf der folgendes Gedicht von J. H. Wördemann gedruckt war: „Gerökert is de Gosebost, as jeder weet ‘ne leckre Kost un ok en saftge Swienebraen is moje, wenn he god geraen. Darüm willt wi vör alle Tieden us op de Gos un Swientucht smieten.“

Oder ein Beispiel aus Husum: „Geiht en in’t Rathus rin as ohle Brut, kummt se als junge Frau herut.“

Der Grund für das Notgeld war die Hyperinflation von 1919 bis 1923: Es herrschte ein großer Mangel an Kleingeld, und etliche Gemeinden, Städte und Kreise sowie Firmen und Geldinstitute entwickelten eigene Zahlungsmittel, um die Lücken zu schließen. Dabei kannte der Variantenreichtum kaum Grenzen: Es wurden Geldscheine aus Seide hergestellt, aus Papier und aus Leder. Selbst Aluminium und Sperrholz eigneten sich als Zahlungsmittel. Und immer vorhanden: Lokalkolorit. „Dem Hamsterheere wohl bekannt ist Freren im Hannoverland“, nahm die Gemeinde Freren die damalige Hamsterer-Szene ins Visier. Auf der Rückseite des 2-Mark-Scheins ist ein Hamsterer-Extra-Zug vor der Station Freren zu sehen.

Manche Kommunen knüpften an handwerkliche und industrielle Traditionen an. In einem Gerberviertel wurden so 100-Mark-Scheine mit folgenden Sprüchen verziert: „In des Leders Werdegang ist die Hauptsach der Gestank. Kalk, Alaun, Mehl und Arsen machens gar recht weiß und schön. Eigelb, Pinkel, Hundeschiete geben ihm besondre Güte. Drum bleibt stets ein Hochgenuss auf den Handschuh zart ein Kuss.“ Kein Wunder, dass der Schein aus hauchdünnem Leder besteht und in den vier Ecken die Handwerke der Gerber, Färber, Handschuhmacher und Dollerer darstellt. Osterwieck am Harz und Pößneck in Thüringen gelten als Musterorte für Notgeld aus Leder.

In der alten Leinenweberstadt Bielefeld wurde Notgeld auch auf Leinen, Seide und sogar auf Samt hergestellt. Das war gleichzeitig Werbung für die Stadt. „Manche sind dann auch noch umhäkelt“, zeigt Peters besonders gelungene Exemplare. Es sei eine fast unüberschaubare Vielfalt der Arten, Formen und Farben der Notgeldscheine vorhanden, betont Peters und blättert in seinen Alben. Schon damals sei das Sammeln äußerst beliebt gewesen, und je schöner und aufwendiger Scheine gestaltet waren, desto begehrter waren sie. Die Besitzer lösten das Geld nicht ein, sondern behielten es. – Wie auch Peters‘ Vater.

Friedrich Peters hat inzwischen mehr als 1000 Geldscheine gesammelt – meist mit plattdeutscher Beschriftung. „Die muss ich auch haben“, sagt er gelegentlich, wenn er schöne Scheine entdeckt. Wert legt er auf komplette Sätze: „Da darf dann keiner fehlen“, ist sein oberstes Ziel. „Das ist schon mal ein Kunststück, an das Bielefelder Geld heranzukommen.“ Vielfach erzählen die Notgeldscheine Geschichten und erinnern an Ereignisse in der Region. Ob Helgoland, Sylt, Nordenham, Norddorf auf Amrum oder Paderborn, Wunstorf und Braunschweig – Erfindungsreichtum beweisen die gedruckten Scheine allemal.

Die Celler Druckerei Eduard Binder hat damals Serien vom Celler Quartett herausgegeben: Strafanstalt für 25 Pfennig, Stadtkirche für 50 Pfennig, Schloss für 75 Pfennig und das Rathaus für 100 Pfennig. Schuhstraße – Poststraße – Neue Straße – Zöllnerstraße. Eine andere Serie widmet sich dem niedersächsischen Landgestüt: Fahrschule – Dreigespann – Hürdensprung – Amurath mit 3 Söhnen. Ein weiteres Celler Quartett wurde von Albert König gestaltet: Birken im Moor – Wacholdergruppe – Halali Eiche – Wetterkiefer.

Weitere Kostproben: „En goden Snaps un’n god Glas Beer, wat will de Minsch dann woll noch mehr.“ – „Neddersassen komt herin, platt is mien Sprak un dütsch mien Sinn.“ Sprüche aus Lesum.

Wie heißt es doch auf einem 1000-Mark-Schein von der Stadt-Sparkasse Bielefeld: „Deutscher, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Arbeite und spare!“ Und ganz am Rande gibt es den Hinweis auf Jesaja 5, Vers 11: „Wer euch sagt, dass ihr anders reich und glücklich werdet, als durch Arbeit und Sparsamkeit, der betrügt euch!“

Lebenslauf

1935 in Baven geboren und auf dem Theis-Hof in Wohlde aufgewachsen, anschließend Realschule und landwirtschaftliche Ausbildung

Um 1955 erhielt er eine Zigarrenkiste mit Notgeldscheinen von seinem Vater. Seither sammelt Friedrich Peters das deutsche Notgeld und hat mehr als 1000 Scheine.

Von Lothar H. Bluhm