Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Typen "Schönheit der Musik genießen"
Mehr Typen "Schönheit der Musik genießen"
16:07 10.12.2016
Der Garßener Uli Wißmann hat aus seinemHobby einen Beruf gemacht. Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Seit gut vier Wochen spürt Uli Wißmann das intensive Gefühl der Leere. Seit gut vier Wochen fehlt Uli Wißmann etwas: Sohn Merlin (19) studiert jetzt nach dem Abitur in London und ist von zu Hause ausgezogen. „Wir halten aber regelmäßig Kontakt …“, sagt Vater Wißmann und tröstet sich mit Hund Shunka, einem Mischlings-Rüden. „Da weiß keiner, was da drin steckt. Er ist aber schon seit 13 Jahren hier bei uns.“ Shunka ist der Indianersprache Lakota entnommen, die Wißmann auf dem Oglala Lakota College in South Dakota studierte und heißt schlicht „Hund“.

Seit seiner Jugend beschäftigt sich Uli Wißmann mit der Indianerthematik. Geplant war auch eine Forschung als Doktorand im Amazonasgebiet gemeinsam mit dem amerikanischen Ethnologen Darrell Posey. Posey hat 1988 einen internationalen Kongress für Ethnobiologie in Belem (Brasilien) veranstaltet, in dem auch darauf hingewiesen wurde, dass indigene Kulturen weltweit gefährdet sind. „Zum Thema nordamerikanische Indianer sind von mir mehrere Fachbeiträge erschienen. Außerdem habe ich das Buch ‚Indianischer Widerstand im Nordamerika der Gegenwart‘ veröffentlicht“, fasst Wißmann zusammen.

Die Indianerproblematik beschäftigt den Völkerkundler schon lange, denn die Regierung der Vereinigten Staaten versucht, die unterschiedlichen Indianerstämme gegen ihren Willen zu assimilieren. Garantieverträge seien einseitig gebrochen worden. „Das hat sich bis heute nicht geändert“, so Wißmann.

Er habe sehr viele Kontakte, unter anderem zu Navaho-Indianern. „Das ist ein ganz anderes soziales Zusammenleben mit einer wunderbar funktionierenden Gemeinschaft, in der einer für den anderen da ist.“ Indianer hätten auch ein ganz anderes Verhältnis zur Natur, das Gleichgewicht sei für sie wichtig. So würden sie sich nicht über ihre Mitgeschöpfe stellen.

„In Indianerreservaten sieht es manchmal aus wie vor 200 Jahren“, schildert Wißmann seine Eindrücke. „Sie wollen nicht in der Gesellschaft aufgehen.“ Vielmehr fordern die rund zwei Millionen Indianer eigene Rechte. „Das macht die Anerkennung in der Politik schwierig.“ Die Indianer leben in vielen Gegenden der USA in winzigen Reservaten. Nur in unfruchtbaren Landesteilen wie dem Südwesten besitzen sie noch größere Areale.

„In Deutschland hatte ich über die Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen Kontakt zu Besuchern von verschiedenen Stämmen bekommen. So auch zu Archie Fire Lame Deer, dem Sohn des bekannten Lakota-Medizinmannes John Fire Lame Deer.“ Für seine Magisterarbeit über heutige indianische Widerstandsformen forschte er in den USA und in Kanada. So besuchte Wißmann die südlichen Cheyenne in Oklahoma, die Lubicon-Cree im kanadischen Alberta, die Lakota der Pine Ridge und Rosebud-Reservationen, das Navaho- und das Hopi-Reservat in Arizona. „Ich durfte an religiösen Zeremonien teilnehmen und machte Interviews, sprach mit Stammesvertretern, Medizinmännern, Stammesältesten und vielen anderen Personen und wurde in die Familien aufgenommen.“ – Kein Wunder, dass Uli Wißmann Romane wie „Skalpjagd“, „Wer die Geister stört“, „Böser Zauber“ und „Tanz mit Schlangen“ geschrieben und verlegt hat.

Als großes Zukunftsprojekt will Wißmann einen größeren Roman schreiben. „Einen Roman, der eine fiktive Handlung hat, aber Autobiografisches enthält und der nichts mit der Indianerthematik zu tun hat“, verrät Wißmann. Gerade erst hat er einen Musikerroman beendet.

Und Uli Wißmann arbeitet an einem weiteren Projekt: Mit einer Rock-Symphonie möchte er im nächsten Jahr einen eigenen Beitrag zum Celler Stadtjubiläum leisten. „Das ist etwas, was es bisher noch nicht gab“, sagt der Gitarrist und Komponist und spricht von künstlerischer Rockmusik – angelehnt an Kompositionen der Gruppe Yes. „Das wird ein Crossover zwischen Rock und Klassik.“

Damit die Rock-Symphonie zur Aufführung kommen kann, hat Wißmann gemeinsam mit der Celler Rock-Initiative Fördergelder beantragt. „Das muss richtig vorbereitet sein, denn fünf Profimusiker sind für die 60-minütige Rock-Symphonie nötig.“ Mindestens. Wißmanns Ziel: Uraufführung zum Stadtfest 2017. „Die Symphonie ist schon was Besonderes und passt genau zum Celler Jubiläumsjahr.“ Im Moment spielt Wißmann die einzelnen Instrumente für eine Demo-CD ein. Bass, Keyboard, Gitarre. Und Gesang. „Mir ist wichtig, dass ich bis auf Schlagzeug alles selbst spiele.“

Selbst spielt Uli Wißmann ohnehin schon seine eigenen Kompositionen in drei verschiedenen Gruppen: mit der Hamburger Blues-Rockband „The Blooze“, dem „Uli Wißmann Trio“ modernen Jazz mit Musikern aus Hannover und Bremen und der Band „Terry Mono“. Dazu kommen Auftritte mit anderen Bands. „Wir haben ja auch schon beim Stadtfest gespielt, aber wir sind Profis. Wir leben von der Musik: Da kann man nicht auf den Hut spielen …“ Also ohne Gage, wie es Programm beim Celler Stadtfest ist. „Das geht nicht.“ Da seien die jüngsten Überlegungen, Profibands zusätzlich zu den Celler Gruppen in das Konzept des Stadtfestes aufzunehmen und zu bezahlen, schon richtig, findet Wißmann.

Wißmann hat mit vielen bekannten Musikern aus Jazz, Rock und Blues wie Herb Geller, Hermann Breuer, Uli Beckerhof, Buddy Miles und vielen anderen zusammen gespielt, Tourneen bestritten und etliche CDs aufgenommen. Aber an ein Ereignis denkt Wißmann ungern zurück: Er war mit seiner Band engagiert worden, um mit Joe Cocker in der CD-Kaserne aufzutreten. Es war als echte Sensation für Celle beworben worden.

Dann stellte sich heraus, dass alles ein Fake war, dass alle Beteiligten von Anfang bis Ende betrogen wurden, dass sie Opfer eines Aufschneiders geworden sind. „Der Schock saß sehr tief und wir alle waren verbittert“, blickt der Garßener Uli Wißmann heute auf das Jahr 1996 zurück. „Das hat uns alle schwer getroffen, denn schließlich haben wir uns darauf eingerichtet, mit Joe Cocker gemeinsam auf der Bühne zu stehen.“

Jetzt genießt Wißmann immer wieder die Schönheit der Musik und hofft auf breiteres Publikum. „Das Schöne ist, dass ich aus meinem Hobby einen Beruf machen konnte, von dem ich leben kann.“

Lebenslauf

1960 als jüngstes Kind einer Arztfamilie in Stuttgart geboren

1966 Umzug der Familie nach Celle 1981 Abitur am KAV-Gymnasium

1981/1982 Studienaufenthalt zwischen Kanada und Guatemala

1982 bis 1984 Studium in Göttingen (Ethnologie und Germanistik)

1984 bis 1987 Studium an der Musikhochschule Hamburg (Diplom Popularmusik)

1991 Magister in Ethnologie Doktorand Reisen nach Amerika, Afrika, Australien, Asien und in die Südsee

seit 1991 Profimusiker und Romanautor

seit 1993 Musiklehrer in Teilzeit an der Kreismusikschule Celle

1996 Geburt des Sohnes Merlin

Von Lothar H. Bluhm