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Typen Vier Wochen durch Eis und Schnee
Mehr Typen Vier Wochen durch Eis und Schnee
17:19 23.09.2016
Winsen (Aller)

„Grönland-Expedition 2016 – West-Ost-Inlandeis-Durchquerung“ steht er auf der Postkarte, die er und seine zwei Expeditionskollegen haben drucken lassen. Mit Michael Bögle und Uwe Lange verbindet Hendrik Thielemann eine langjährige Freund- und Bekanntschaft: „Wir haben schon viel zusammen unternommen“, beschreibt er sein Team, in dem es bei einer so langen Tour auch atmosphärisch stimmen muss.

Immerhin sind die drei 29 Tage allein auf sich gestellt quer durch das Grönland-Eis gelaufen. 550 Kilometer per Langlaufski mit Packschlitten, Zelt und Kite. „Dabei ist jeder auf den anderen angewiesen“, skizziert Thielemann kurz die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Grönlandquerung.

Sie mussten sich als Expeditionsteam bei den dänischen Behörden in Grönland registrieren lassen. Sie mussten GPS-Navigationsgeräte, Kompasse und ein Satellitentelefon dabei haben. Außerdem ein Seefunkgerät und einen Personal-Locater Beacon. Hinzu kommt eine Mindestmenge an Brennstoff, 25 Liter, und Verpflegung für 32 Tage. „Geplant waren 29 Tage“, sagt Thielemann. „Außerdem mussten wir ein Gewehr mit entsprechender Munition für den Notfall dabei haben. Und eine Search-and-Rescue-Versicherung für jeden. Die allein kostete 1500 Euro.“

Geübt haben die Drei mehrfach. Zuletzt ein paar Monate vor dem Start für eine Woche auf der größten Hochebene Europas, auf der Hardangervidda in Norwegen. „Das war ziemlich heftiges Wetter“, erinnert sich Thielemann an die Zeit zum Jahresbeginn.

Als die Expedition kurz vor Thielemanns Geburtstag in Kangerlussuaq am Søndre Strømfjord in Westgrönland startete, hatte jeder der drei Expeditionsteilnehmer rund 85 Kilo Gepäck auf seinem Schlitten, der durch die Eis- und Schneelandschaft gezogen werden musste. Einige Strecken eigneten sich gut zum Kiten, dann öffneten die Drei ihre Segel und ließen sich vom Wind treiben.

„Mit Solarpanels haben wir die Akkus für unsere lebenswichtigen elektronischen Geräte aufgeladen, denn die Sonne ging immer nur kurz unter“, berichtet Thielemann. Nacheinander sind sie durch den Schnee gespurt. Immer abwechselnd, denn die Position an der Spitze ist sehr anstrengend. „Das Besondere war, dass man sich während der ganzen Zeit um nichts kümmern musste. Nur die Richtung musste stimmen. Und die haben wir mehrfach immer wieder verglichen.“ Es sei oft nur weiß gewesen, sagt Thielemann. „Da entsteht schon mal ein leichtes Schwindelgefühl, wenn man keinen Horizont sieht, sondern alles nur weiß ist…“

Der Schweizer Geophysiker Alfred de Quervain hat diese Expeditionsroute bereits 1912/13 gemacht und darüber sein Buch „Quer durchs Grönlandeis“ geschrieben. „Genau so, wie er es in dem Buch beschrieben hat, haben wir unsere Tour erlebt. Auch jetzt, rund 100 Jahre später gilt, dass es nicht immer höher, schneller, weiter sein muss“, empfindet Hendrik Thielemann Demut vor der Natur. „Ich habe das Buch erst nach unserer Expedition entdeckt – aber es stimmt alles genau so. Genau so haben wir unsere Expedition erlebt…“

Es stimmt sicher vieles überein, ganz bestimmt aber nicht eine Begegnung mit der Radarstation DYE2. Die wurde erst 1958 gebaut, als verschiedene Langstreckenradarstationen auf Grönland als Luftverteidigungselemente und als Frühwarnsystem in einer dänisch-amerikanischen Verteidigungskooperation installiert wurden. „Das war etwa nach zwei Dritteln der Strecke, als sich plötzlich die riesige Radarstation vor uns zeigte.“ Die kräftigen Eisentüren standen offen. Die Station konnte betreten werden. Menschenleer, aber mit deutlichen Beweisen von Leben und Arbeiten. Unterlagen, leere Getränkedosen, Kalender mit abgestrichenen Tagen. „Der letzte Tag war offenbar der 28. Juli 1988.“ Da wurde der Betrieb der Station eingestellt und die Beschäftigten abgezogen. Jetzt herrscht gespenstische Stimmung in und an dem Stahlkoloss, der ganz allmählich im Eis versinkt.

Im Eis versinkt auch die Notdurft, die die drei Expeditionsteilnehmer auf ihrem 550 Kilometer langen Weg hinterließen, denn sie setzten sich auf eine klappbare und nur 80 Gramm leichte Toilettenbrille aus Styrodur auf ein ausgehacktes Loch im Eis. Die Hygiene spielte ohnehin eine besondere Rolle: „Nach etwa drei Tagen hatten wir einen Geruchsstatus erreicht, der sich dann im Laufe der Zeit nicht mehr geändert hat.“ Öltücher und Merino-Unterwäsche halfen dabei.

Etwa 2500 digitale Fotos hat Hendrik Thielemann während der West-Ost Inlandeis-Durchquerung gemacht. Acht Kilo Körpergewicht hat er verloren. Als er in Isertoq an der Ostküste Grönlands ankam, wog er noch 74 Kilo.

„Wir machen auch schon mal ganz normalen Urlaub in Sankt-Peter-Ording, auf Kuba oder auch auf Mallorca“, setzt Hendrik Thielemann Akzente zu seinem „normalen“ Leben. „Ja gut, aber wir gehen nicht in ein Hotel Bettenburgen“, ergänzt Ehefrau Andrea.

Ansonsten ist alles „ganz normal“ bei Thielemanns zu Hause: Die Sitzbank vor dem blauen Holzhaus in Winsen zeigt allerdings: Hier wohnt ein Kreativer. Denn aus Skibrettern – Langlauf und Alpin – wurde ein Sitzmöbel gezimmert, das seinesgleichen sucht. „Ich bastel halt gern“, sagt Hausherr Hendrik Thielemann ganz bescheiden. Im Inneren wird dann deutlich, was Thielemann damit meint, wenn er sagt, er bastele gern: Er bastelt wirklich gern.

Elf Zentimeter ist die massive Tischplatte dick, die Thielemann aus einer alten kräftigen Eiche gesägt, gehobelt, geschliffen und gewachst hat. „Und die beiden breiten Tischbeine gehörten mit zu dem Baumstamm, der einen Durchmesser von 90 Zentimetern hatte und auseinanderzubrechen drohte.“ Über dem großen Esstisch hängt ein besonderes Beleuchtungselement: ein ausgedienter Propeller einer Cessna 172 mit LED-Leuchten. „Ich bastel halt gern…“ Nach seinem abgebrochenen Flugzeugbau-Studium ist er direkt zur Flugsicherung Flowcontroler gekommen.

Vorgestellt hat sich Thielemann einen gut dotierten Job, der Spaß macht. „Das macht mir Spaß: Ich verspäte Flugzeuge“, sagt er mit schelmischem Lachen. Hendrik Thielemann ist Flow Controller. „Das ist so was wie ein Fluglotse, nur für Flugzeuge auf dem Boden“, beschreibt er seinen Job bei Euro-Control in Maastricht. 185 Tage im Jahr im Schichtdienst arbeiten. „Das gefällt mir gut, denn so hab ich sehr viel Freizeit.“

Freizeit zum Schaukeln draußen auf der Terrasse. Und Freizeit, in der er auf Expedition gehen kann.

Lebenslauf

8. Mai 1961 in Hamburg geboren und aufgewachsen

1985 bis 1987 Ausbildung zum Verkehrsflusssteuerer

Seit 1991 Flow Controller bei Euro-Controll zunächst in Frankfurt, dann in Brüssel, seit 2006 in Maastricht

1991 Hochzeit mit Andrea

1993 Geburt der Tochter Stella

Seit 1984 regelmäßige Skitouren mit besonderen Herausforderungen

2005 einwöchige Test-Expedition in Norwegen zur Vorbereitung der Expedition

2013 und 2014 weitere Vorbereitungstouren

Januar 2016 einwöchige Testtour auf dem Hardanger Vidda in Norwegen

29. April bis 27. Mai 2016 West-Ost-Inlandeis-Durchquerung, Expedition in Grönland

Von Lothar H. Bluhm