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Typen Vom Großraumbüro ins Celler Schlosstheater
Mehr Typen Vom Großraumbüro ins Celler Schlosstheater
16:25 13.10.2016
Celle Stadt

Mit einer „Ehrenkarte auf Lebenszeit für alle Konzerte des Kammermusikrings“ wurde Marlis Ginditzki vor einigen Wochen für ihre „jahrzehntelange, engagierte, wertvolle Arbeit“ gedankt. Selbst nach dem Eintritt ins Rentenalter ist sie noch für die Theaterkasse tätig gewesen, zuletzt sogar noch von zu Hause aus. Voller Dankbarkeit blickt sie auf eine durchweg harmonische Zusammenarbeit mit dem Kammermusikring und dessen Vorsitzenden Peter Schmid zurück.

Nachdem sie als 16-Jährige zufällig ein Klavierkonzert von Tschaikowski gehört hatte, war ihr Interesse an klassischer Musik geweckt. Seitdem besuchte sie immer häufiger Konzerte, lernte zu differenzieren und entwickelte Vorlieben. In dieser Zeit lernte sie auch die Sängerin und Schauspielerin Gretl Tonndorf kennen, die seinerzeit an den Theatern in Mainz und Koblenz als Soubrette engagiert und mit einem gewissen Eberhard Johow befreundet war. Eine Begegnung, die in Marlis Ginditzkis weiterem Leben eine entscheidende berufliche Wende herbeiführen sollte.

Zunächst aber machte sie eine kaufmännische Lehre in einem Schuhgeschäft („weil sich die Stelle anbot“). Doch ein damit verbundener Berufswunsch stellte sich bei ihr nicht ein. Dazu empfand sie die Kundschaft häufig als „zu nervig“ und hatte deren Bedienung irgendwann satt, wenn sie wieder einmal zig Schuhe in die Kartons zurückpacken und einsortieren musste, nachdem die Kundin mit den Worten „Ich überleg’s mir nochmal“ das Geschäft verlassen hatte. Aber sie hielt trotzdem durch, bis sie ihre Lehre beendet hatte.

Danach bewarb sie sich erfolgreich im Opel-Werk Rüsselsheim und fand einen Arbeitsplatz im Großraumbüro der Zentralplanung. „Rund 350 Leute waren allein in diesem einen Großraumbüro beschäftigt“, erinnert sie sich. Ihre Aufgabe bestand vor allem im ständigen Kontakt und laufender Kommunikation mit Zulieferern und Vertragshändlern. Dazu musste man sich bestens auskennen mit „Kadett“, „Admiral“ und „Blitz“, wie einige der Opel-Modelle jener Jahre hießen. Entweder wurde mitstenografiert, wenn Briefe oder Schriftstücke anfielen, oder direkt in die Maschine getippt. 300 Anschläge pro Minute schaffte sie damals. „Das Schreibmaschinengeklapper von den Nachbartischen hört man irgendwann nicht mehr“, sagt sie.

Aber dennoch sei es nicht einfach gewesen, sich unentwegt auf seine Arbeit zu konzentrieren. Eines Tages hatte sie einen siebenseitigen Geschäftsbrief mit Durchschlag zu schreiben, berichtet sie. Und als sie damit fertig gewesen sei, habe sie festgestellt, dass sie – Durchschlagsätze gab es noch nicht – alle sieben Seiten falsch herum in die Maschine eingespannt hatte, so dass sich der Durchschlag nicht auf dem zweiten Blatt, sondern auf der Rückseite des Originals befand. Also durfte sie alles noch einmal schreiben.

Im Jahr 1972 nahm ihr Leben die entscheidende Wendung. Eberhard Johow wurde zum neuen Intendanten am Celler Schlosstheater gewählt. Und da die Büroleiterin seines Vorgängers Hannes Razum dessen Frau war, war diese Stelle mit Razums Weggang vakant. „Gretl Tonndorf hat mich Herrn Johow daraufhin als Sekretärin empfohlen“, schildert Marlis Ginditzki. Und nach einer nur zweitägigen Probezeit, in der sie Diktate aufnahm und sich mit Theaterkorrespondenz befasste, durfte sie ihr neues, eigenes Büro beziehen.

Und schnell fügte sie sich in den dicht gestaffelten, aber spannenden und abwechslungsreichen Arbeitstag einer Intendanzsekretärin: Jeden Morgen um 9 Uhr Besprechung des Tagesablaufs mit Herrn Johow, danach fungierte sie als „Telefonzentrale“, bearbeitete Probenpläne und Terminkalender, erledigte Korrespondenz und schottete den Intendanten ab, wenn dieser Besuch hatte oder in einer Besprechung war. Und auch bei unvorhergesehenen Zwischenfällen war sie zur Stelle. Etwa als Mitte der 1970er Jahre Handwerker die Fenster der ersten Studiobühne offen gelassen hatten und dort am nächsten Morgen 38 Fledermäuse im Gestänge hingen. Sie konnten von Fachleuten umgesiedelt werden.

Ihre berufliche Funktion brachte es auch mit sich, dass sie mit manch namhaftem Schauspieler zusammentraf. Wolfgang Völz etwa gehörte dazu, der ein langjähriger Freund der Schauspielerin Eva Schocke war, die damals zum festen Ensemble des Schlosstheaters gehörte. Als diese einen runden Geburtstag feierte, war auch Völz eingeladen. Mit Gert Fröbe wiederum, der in den 1980er Jahren dreimal mit einem Kleinkunstprogramm in Celle auftrat, war Marlis Ginditzki bis zu dessen Tod befreundet. „Du gehst jetzt nicht nach Hause, wir gehen noch einen trinken“, hatte er nach einem Auftritt gut gelaunt zu ihr gesagt. Und auch Beleuchter, Tontechniker und andere Beteiligte wurden mitgezogen zu einem vergnügten Tagesabschluss im Fürstenhof. Bei einer anderen Gelegenheit sei Gert Fröbe mit einem großen Strauß Baccara-Rosen erschienen, den er in eine kleine, nur etwa 15 Zentimeter hohe Zinnvase gesteckt hatte, die wiederum fast völlig in seiner Hand verschwunden war. Die Zinnvase hält sie noch heute in Ehren.

Als Eberhard Johow 1982 das Schlosstheater verließ, veließ auch Marlis Ginditzki die Intendanz. Heinrich Götte, der Vorsitzende des Kammermusikrings, hatte ihr ein Angebot als Vorstandssekretärin unterbreitet. Da sie schon gelegentlich dort ausgeholfen hatte, wusste sie, worauf sie sich einließ: Saisonplanung, Kontakt mit Agenturen und Preisverhandlungen auf der einen Seite, Betreuung der Abonnenten auf der anderen. Und wie zuvor in der Intendanz warteten auch hier viele unvergessliche Begegnungen auf sie, von denen sie noch heute schwelgt. Begegnungen unter anderem mit Kurt Masur, Vladimir Horowitz und dem berühmten lettischen Cellisten Mischa Maisky.

Bei jedem Bummel durch die Stadt schaut Marlis Ginditzki auf ein kleines Schwätzchen bei der Theaterkasse hinein. Und zu Hause warten dann zwei kleine Katzen auf sie. Die eine – frech, neugierig und selbstbewusst – hat sie aus dem Tierheim geholt. Die andere war in einem Körbchen ausgesetzt worden und voller Zecken, als man sie vor etwa zehn Wochen fand. Noch ist sie zwar sehr scheu, doch zusammen sind die beiden Katzen ein Herz und eine Seele und können nicht genug davon bekommen, sich gegenseitig zu putzen. Für Marlis Ginditzki eine kurzweilige Alternative zum Fernsehprogramm.

Lebenslauf

1944 geboren in Mainz, aufgewachsen in Rüsselsheim

1959 bis 1962 Ausbildung zur Bürokauffrau, bis 1967 bei Opel Rüsselsheim

1967/68 Schmuckverkäuferin auf Mallorca

1968 bis 1972 bei Opel Rüsselsheim

1972 bis 1982 Intendanzsekretärin bei Eberhard Johow am Schlosstheater Celle

1982 bis 2004 Vorstandssekretärin und Mitarbeiterin im Kammermusikring

2004 bis 2016 Mitarbeiterin der Theaterkasse

Von Rolf-Dieter Diehl