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Typen Vom Schauen und Staunen
Mehr Typen Vom Schauen und Staunen
12:52 19.10.2015
Bettine Rosenberger , Illustratorin, in ihrem Atelier in Mengebostel Quelle: Janina Fuge
Landkreis Celle

Überall wimmelt und wuselt es. Tannen und Leitern und Schiffe und Lebkuchenmännchen und Engel, Figuren und Farben allüberall – wer sich daran machen möchte, Bettine Rosenbergers Zeichnungen zu „Peterchens Mondfahrt“ zu inventarisieren, hat mit den Geschichten erzählenden Wimmelbildern rund um den Maikäfer Herrn Sumsemann viel zu tun: Es tobt das Leben in jeder Ecke und nicht nur Kinderaugen dürften staunen ob der ungestümen Energie, die aus jedem Detail der feinen Buntstift-Szenen quillt.

„Je älter ich werde, desto intensiver sehe ich alles“, sagt Bettine Rosenberger und liefert damit durchaus Erklärung für den unverkennbaren Stil, in dem die 72-jährige Illustratorin aus Mengebostel in den letzten Jahren Geschichten wie eben „Peterchens Mondfahrt“ oder „Der Kampf mit dem Drachen“ oder Theodor Storms „Regentrude“ bildgewaltig zum Leben erweckte. Schauen und Staunen ist ihr Lebensprinzip – und so viele Bilder Rosenberger im Kopf hat, so viele finden sich auch auf dem von ihr bearbeiteten Papier.

Eigentlich hat Rosenbergers Leben im Jahr 1943 schon angefangen mit einem Übermaß an Eindrücken, wenn auch sicherlich nicht nur guten. Unruhe war zunächst ihr ständiger Begleiter: Geboren in Metz, stand ihre Wiege bald in Busonville, von dort ging es nach Solingen, „in eine Baracke“. Da war der Krieg gerade vorbei, ihre Eltern waren in den vergangenen Jahren allein zwölfmal umgezogen und es galt, sesshaft zu werden.

Das passierte schließlich in Celle. Bettine Rosenberger lebte mit ihren Eltern an der Hannoverschen Heerstraße, die Schotten und Engländer waren in der Stadt, ihre Kasernen in unmittelbarer Nähe. „Man hörte es immer dröhnen von den Kolonnen“, erinnert sie sich.

Dass diese Zeit ihr trotzdem nicht grau und entbehrungsreich im Kopf geblieben ist, liegt wohl daran, dass es immer wieder Menschen um sie herum gab, die Gutes taten, das in ihrem Gedächtnis einen viel größeren Platz hat als die schlechten Begebenheiten. „Ich hatte phantastische Eltern – und bin wirklich gottbehütet aufgewachsen“, sagt Rosenberger, die von ihrer Mutter übrigens bewusst nicht „Bettina“ genannt wurde. „Zu kitschig und rosig“ habe ihre Mutter das gefunden und sich für „Bettine“ – wie jene von Arnim – entschieden.

Früh fiel ihr Talent im Elternhaus auf fruchtbaren Boden. Oft stöberte sie mit ihrer Mutter oder allein in den „heiligen Büchern“ – alten, schweinsledergebundenen Kunstbänden, die Werke der Alten Meister erklärten und die bis heute in ihrem Wohnzimmer würdevoll die Kunstgeschichte als Schatz bergen. Musik und Kunst, das waren die Dinge, an denen sich ihr Herz und Geist labte: Schon als Sechsjährige zeichnete sie versessen Porträts von Menschen und Tieren, lernte Geige und Klavier, schrieb schließlich Gedichte und entschied sich nach dem Abitur schließlich für ein Studium an der Musikhochschule.

Ihre Eltern – der Vater Pharmazeut, die Mutter approbierte Apothekerin – unterstützten sie im Ansinnen, nicht unbedingt einen „Brotberuf“ vor Augen zu haben. Als ein Professor ihr allerdings sagte, dass sie „mit vier anfangen“ hätte sollen mit dem Geigenunterricht und es in Anbetracht dieses „Versäumnisses“ lediglich für eine Karriere als Geigenlehrerin reiche, war ihr Wollen gebrochen. Und so entschied sich Rosenberger für ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, die Fächer Kunst und Musik gehörten – natürlich – dazu.

Als sie Lehrerin zur Ausbildung in Lachendorf war – es hatte sie wieder zurück in die eigentliche Heimat des Landkreises Celle verschlagen – kam ihr erster Sohn zu Welt, nur elf Monate später der zweite. Wenig später, 1972, zieht sie schließlich mit ihrem damaligen Ehemann und den beiden Jungen nach Mengebostel – in die alte Schule von 1894. Das Großziehen der Kinder, das Schenken von „Nestwärme“, die für sie schon so wichtig war, und kindliche Freude am Staunen ob der Welt – das hat sie in den vielen Jahren danach begleitet und auch viel Umbruch überstanden: Die Kinder gingen aus dem Haus, es gab emotionale Umbrüche, die Einrichtung und Wieder-Schließung ihrer „Galerie Blutbuche“, das Finden des Glaubens (Rosenberger konvertierte vom Protestantismus zum Katholizismus) – doch das, was geblieben ist und einen immer größeren Raum einnimmt, sind ihre Bilder.

In so vielen ihrer Werkreihen lassen sich Stimmungen und Entwicklungen ablesen, so viel Unterschiedliches und Vielseitiges ist da zu sehen: dunkle Arbeiten, mit der Ritznadel in Zinkplatten gedrückt, politische Karikaturen, in denen sie mit spitzer Feder über Verfassungsrichter und Politgranden lästert, eine Vielzahl von Collagen, die schwitteresk Beobachtungen und Eindrücke zum Bild formen, dazu lebendig-humorvolle Illustrationen zweier im Übrigen eher der Nüchternheit verpflichteten betriebswirtschaftlichen Lehrbücher („Produktionswirtschaft“ und „Finanzmanagement“), sehr viel religiös Motiviertes, und, seit 1997, eben eine Vielzahl von Kinderbuch-Illustrationen für den von ihren Söhnen geleiteten Kasseler HörBildverlag.

Ihren Bildern ist anzusehen, dass es vieles gibt, was Bettine Rosenbergs künstlerischen Blick auf die Welt geprägt hat – und doch kann sie sagen: „Ein Vorbild gibt es nicht“, zu einfach wäre das; es sei ganz einfach „künstlerisches Gestalten“. Mit Bunt- oder Bleistift, in Radierungen, in Sepia, als Collage.

Immer wieder entsteht Neues in ihrem Kopf, das dann in ihrem sonnendurchfluteten Atelier im alten Schulhaus auf Papier fließt. Hier, in ihrem Mengenbosteler Schulhaus, sieht es ein bisschen aus, als wären ihre Bilder Materie geworden: so viele Details und Erinnerungsstücke, Bilder und Bücher und Instrumente, Steinsammlungen und Schauenswertes. Alles ist Motiv – und darauf angelegt, Ideen Raum zu geben. Im Moment hat Bettine Rosenberger gerade eine Buchillustrationsarbeit abgeschlossen – und tankt nun Kraft für nächste Projekte. Derer gibt’s viele: „Um alles davon zu machen, bräuchte ich noch mindestens 300 Jahre“, lacht sie.

Bettine Rosenberger

1943 geboren in Metz, Lothringen

1947/48 im Zuge der Nachkriegswirren Umzug nach Celle

1963 bis 1967 nach dem Abitur Studium an der Musikhochschule Hannover (Geige, Klavier), Wechsel zum Pädagogikstudium in Göttingen, Hauptfach: Kunst

1967/68 Junglehrerin in Lachendorf; Chorleitung des gemischten Chores

1969 und 1970: Geburt der beiden Söhne 1972 Umzug in die alte Dorfschule Mengebostel

70er und 80er Jahre: sechs Jahre Chorleitung des MGV Dorfmark

70er und 80er: acht Jahre ehrenamtliche grafische Mitarbeit im Redaktionskollegium des Kirchengemeindebriefes Dorfmark; grafische Tätigkeit für Festzeitschriften im Umkreis

Seit 1997 Buchillustratorin, Auswahl: Heimatkalender der Lüneburger Heide (1997 bis 2000), Celle; In guter Verfassung? Das Bundesverfassungsgericht in der Karikatur?, hrsg. von Fritz Rosenberger, Bonn 1998; Produktionswirtschaft. Aufgaben und Lösungen, hrsg. von Burchert, Hering und Rollberg, München/Wien 2000; Finanzmanagement, Franz Keuper, München/Wien 2000

Seit 2006 Illustratorin für den HörBild Verlag, Kassel. Arbeiten: Peterchens Mondfahrt (Gerd von Bassewitz), Der Kampf mit dem Drachen, Die Bürgschaft (Friedrich Schiller), Die Regentrude (Theodor Storm)

Diverse Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen seit 1961

Von Janina Fuge