28: Als es noch Tankwarte in Celle gab

Das aktuelle Luftbild zeigt unten die Kreuzung der Harburger Heerstraße mit der Straße „Hohe Wende“ (links) und der Telefunkenstraße (rechts). Beherrschend ist in diesem Bereich heute das enorm gewachsene Holz-Zentrum Luhmann (links der B3). Am oberen Bildrand sind (von rechts) zu sehen: Die Agentur für Arbeit, das Fitness-Center „Health City“ und ab dem gelben Gebäude das Gelände der ehemaligen Spinnhütte. Am linken Bildrand ist neben der Ecke des Kriegsgräberfriedhofs das rote Gebäude des Kalandhofs zu erkennen. Foto: Thomas Brandt Heide-Copter

Die Celler kennen ihre Stadt: Zu dem am vergangenen Sonnabend veröffentlichten Luftbild aus der ersten Hälfte der 1950er-Jahre meldeten sich zahlreiche Zeitzeugen – zumeist solche, die in einem der drei Tankstellen gearbeitet haben, die sich an der Kreuzung der B3 mit der Straße „Hohe Wende“ und der heutigen Telefunkenstraße befunden haben.

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An der Kreuzung der Bundesstraße 3 mit der Straße „Hohe Wende“ und der heutigen Telefunkenstraße ist der Wandel der Tankstellen-Landschaft in Celle gut ablesbar. Anfang der 1950er-Jahre wurden dort drei Tankstellen gebaut. Das geschah innerhalb von drei Jahren. Zwei Gebäude mit dem damals innovativen Dach für die zu betankenden Autos existieren noch heute.

Dass vor allem die ehemalige Tankstelle an der Ecke zur Telefunkenstraße noch steht, wundert Paul Brzenska (Jahrgang 1939). „Wo es möglich wäre, müsste man Kreisel bauen, hier wäre es sehr gut möglich, wenn diese alte Tankstelle weg wäre. Da müsste man von Frankreich und Spanien lernen, da fließt der Verkehr nämlich“, sagt der Mann, der von 1969 bis Ende der 1990er-Jahre beim Telefunken-Werk des dortigen Fernsehgeräte-Herstellers gearbeitet hat.

Dem gebürtigen Celler Jürgen Schrader (Jahrgang 1971) fällt dazu ein, dass die Celler Industriebosse „wie Trüller und Konsorten von der Lederfabrik und so weiter“ es verhindert hätten, dass sich an der Stelle, an der jahrzehntelang Telefunken TV-Geräte produziert hat, der Volkswagen-Konzern das Werk gebaut hat, dass dann in Hannover-Stöcken verwirklicht wurde. „Die waren voll dagegen, weil die befürchteten, dass dann die Löhne in Celle gestiegen wären. Das war damals der Hauptgrund für den Celler Rat, gegen die Ansiedlung eines VW-Werks an dieser Stelle zu entscheiden“, sagt Schrader.

Otto Taxweiler (Jahrgang 1918) verdanken wir den Hinweis darauf, dass sich vor dem Bau der drei Kfz-Betriebe an der Kreuzung jenseits des „Hermann-Billung-Wegs“ (so hieß die Telefunkenstraße damals) und der Hohen Wende freies Feld befand.

Autohändler Dietrich Marhenke (Jahrgang 1959) erläutert, dass die Shell-Tankstelle mit Ford-Vertretung 1951/1952 von Erich Zipp gebaut worden ist. 1964 übernahmen von Maltzahn und Trebeljahr den Betrieb dort, ehe Udo Herbst 1988 das Betriebsgelände als Ford-Auto-haus „Celle-Nord“ führte. Nach dem Abriss der Gebäude wurden hier zunächst die Bahlsen-Verkaufshalle und jüngst eine Spielhalle hochgezogen. „Dass es an der B3 in Celle so viele Tankstellen gab, hing auch damit zusammen, dass die Autobahn Hamburg–Hannover noch nicht fertiggestellt war und der Fernverkehr somit durch Celle rollte. Die beiden anderen Tankstellen vertraten Aral. Einige Jahre lang durften Tankstellen nur genehmigt werden, wenn die gleiche Marke an beiden Seiten der Straße vorhanden war, deshalb ist die Tankstelle Ecke Telefunkenstraße so klein geraten“, erläutert Marhenke. Einst gab es bis zu sechs Tankstellen an der Harburger Heerstraße.

57 Pfennig kostete der Liter Super in den Jahren 1962 bis 1969, als Uwe Lange (Jahrgang 1946) als Tankwart bei der Shell-Tankstelle von Erich Zipp gearbeitet hat. 54 Pfennig waren es für den Liter Normalbenzin. „Da gab es die Jahre über so gut wie keine Schwankungen. Wir haben uns gefreut, wenn es geregnet hat, denn dann haben wir mit Regenschirm betankt und die Kunden haben uns ein bisschen mehr Trinkgeld gegeben“, erinnert sich Lange.

Gerhard Barth (Jahrgang 1940) hat von 1955 bis 1986 bei der Aral-Tankstelle von Günther Harms auf der anderen Straßenseite gearbeitet –zunächst als Tankwart, dann auch als Kfz-Schlosser. „Als Tankwart musste ich immer über die Straße laufen, wenn auf beiden Seiten mal zwei Autos gleichzeitig betankt werden sollten. Es gab viele Unfälle auf der Kreuzung, ich habe viel erlebt dort. Einer hat sich mal mit dem Auto auf den Kopf gelegt, den haben wir dann rausgeholt. Und weil der Eier geladen hatte, war der über und über mit Eiern bedeckt, er hatte sonst nichts abgekriegt.“

Jürgen Eicke (Jahrgang 1940) hat in den 1950er-Jahren bei Zipp gelernt und anschließend 40 Jahre lang in der Autobranche im Außendienst gearbeitet. Er erinnert sich daran, wie er den damaligen CZ-Verleger Ernst Pfingsten in seinem Buckel-Taunus einmal nach Hause chauffiert hat.

Und Cristiane Te Akau (1956 als Hinze geboren) berichtete gestern per Mail aus Neuseeland, wo sie seit 2002 lebt, dass ihr Vater Paul Hinze seinen Kunden noch einen ganz anderen Service bot. Er war nämlich von 1956 bis Ende der 1970er-Jahre Pächter der Gasolin-Tankstelle von Hermann Tuschy. Diese stand dort, wo heute der große Parkplatz des Holz-Zentrums Luhmann entstanden ist. „Mein Vater hatte einige Kunden, die kamen aus dem Landkreis Celle mit der ganzen Familie zum Einkaufen am Samstag. Er oder jemand anders fuhr mit ihnen in die Stadt und brachte den Wagen zurück. Dieser wurde dann innen und außen auf Hochglanz gebracht. Meistens kam der Anruf kurz nach dem Mittagessen vom Cafè Kiess, das die Familie zum Abholen bereit war. Dann fuhr jemand sie abholen. Das Auto war dann vollgestopft mit Taschen und Tüten von ihren Einkäufen“, erinnert sich Te Akau. Als Studentin hat sie gegenüber bei einer freien Tankstelle gearbeitet. Einmal war sie zehn Tage lang allein verantwortlich dort.

Hermann Tuschy (Jahrgang 1945) weiß, dass Ende der 1970er-Jahre Günther Harms mit seiner Aral-Tankstelle Hinze nachfolgte, als er seine beiden Tankstellen an der Ecke zur Hohen Wende aufgab. 2007 sei die Tankstelle ganz dicht gemacht worden. Auf der historischen Aufnahme hat Tuschy zwei Sägespäne-Türme erkannt. Der links im Bild gehörte zu Luhmann, der rechts zu einem anderen Betrieb. Von der Bahnstrecke, die unterhalb der Spinnhütte zu erkennen ist, verlief ein Gleis über sein Grundstück zu diesem Späneturm.

Günter Zipp (Jahrgang 1934) ist der Sohn von Erich Zipp. Sein Vater ist 1901 in Danzig geboren und kam 1951 nach Celle, wo er seine Ford-Vertretung mit Shell-Tankstelle aufbaute. 1964 ging er nach Baden-Baden, wo er seinen Lebensabend bis 1983 verbrachte. Erich Zipps Sohn Ulrich Zipp-Veh (Jahrgang 1962) hat die Zipp-Ära an dieser Stelle noch so eben miterlebt. Er ist heute Leiter eines Gymnasiums in Hamburg. Aus seiner Sammlung stammt ein Foto, dass die Harburger Heerstraße stadtauswärts zeigt. Arnold Linke (Jahrgang 1930) berichtet davon, wie er als Landvermesser-Lehrling mit dem Fahrrad auf dem Sommerweg neben der Bundesstraße bis nach Wardböhmen gelangte. Die Brücke über die Bahn gibt es erst seit Ende der 1950er-Jahre. Zuvor gab es in der Senke einen beschrankten Bahnübergang, an dem es auf dem Basalt-Pflaster häufig krachte, wie sich Hermann Tuschy erinnert. Einen Teil der alten B 3 kann man noch entlangfahren, auf der Straße „Weghaus“ zu Füßen des Brückendamms.

Weitere Zeitzeugen: Und auch sie griffen zum Telefonhörer und erzählten der CZ, was sie über diese Ecke wissen: Annemarie Modrach (Jahrgang 1940), Jürgen Gesper (Jahrgang 1945), Gudrun Schmolke (Jahrgang 1942), Hans Rothe (Jahrgang 1937), Karl-Heinz Weigt, Karl-Heinz Britzan (beide Jahrgang 1931), Susanne Mehburger (Jahrgang 1959), Volker Schumann (Jahrgang 1945), Hans-Erich Sievers (Jahrgang 1938) und Heidi Herrmann (Jahrgang 1942). Aber darüber könnte man glatt ein Buch schreiben...

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 12.05.2015 um 10:14 Uhr
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