Ein Pastor von zweifelhaftem Ruf macht es sich "besonders den Winter über bequem"

Johann Friedrich Krietsch war von 1784 bis 1801 als Pastor in der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle tätig. Einen besonders guten Ruf hatte er nicht. Quellen aus erster Hand gibt es kaum. Doch der Bericht seines Nachfolgers ist wenig schmeichelhaft.

In den 96 Jahren von 1709 (Gründungsjahr der Deutsch-reformierten Gemeinde in Celle) bis 1805 (Zusammenschluss mit der Französisch-reformierten Gemeinde in Celle) verrichteten elf Pastoren und zwei Hilfsprediger ihren Dienst in der Deutsch-reformierten Gemeinde. Die kleine Zahl an Gemeindegliedern (etwa 100), das dadurch bedingte geringe Predigergehalt und die fehlende konfessionelle Gleichberechtigung, welche die Deutsch-reformierte Gemeinde im lutherischen Celle erlebte, mögen mit die Gründe für die zahlreichen Wechsel gewesen sein. Blickt man auf die Liste der Prediger im 18. Jahrhundert, so fällt zunächst die enge Verbindung der Gemeinde nach Bremen auf, woher sechs der Theologen stammten. Als ein zweites Herkunftszentrum diente Anhalt, wo fünf Theologen ihre Heimat hatten.

Celle als Sprungbrett für viele Pastoren

Die Deutsch-reformierte Gemeinde in Celle war für viele Pastoren nur ein Sprungbrett, um später andernorts in einer angeseheneren Kirchengemeinde Dienst zu tun.

In diesem Beitrag wird Pastor Johann Friedrich Krietsch (1757-1818) vorgestellt, der von 1784 bis 1801 als Pastor in der Deutsch-reformierten Gemeinde Celle tätig war. Er wurde am 27. August 1757 in Köthen (Anhalt) geboren. In den Jahren 1781 und 1782 wirkte er als Hilfsprediger in der Deutsch-reformierten Gemeinde Braunschweig. Vernichtend fiel jedoch das Urteil einiger Braunschweiger Gemeindeglieder über diesen Theologen aus. Man sagte ihm nach, er „sei ein Prahler. Lebe wüst, getraue sich nicht an die Krankenbetten und könne sich nicht unterhalten“. In Braunschweig gab es folglich keine berufliche Perspektive für ihn.

Angesichts einer solchen Beurteilung verwundert es, dass ihn die Celler Gemeinde überhaupt gewählt hat. Aus der historischen Distanz heraus betrachtet war seine Berufung nach Celle für die Gemeinde ein Fehler, da er nicht die Führungspersönlichkeit war, welche die Gemeinde im ausgehenden 18. Jahrhundert brauchte. Bedauerlicherweise sind in den 18 Jahren, in denen dieser Mann als Theologe in der Gemeinde Dienst tat, keinerlei Aufzeichnungen in dem sowohl von seinen Vorgängern wie auch seinen Nachfolgern zumeist ausführlich geführten Consitorial-Buch der Gemeinde vorhanden. So müssen für die Beschreibung dieses Zeitraumes andere Quellen, die dankenswerterweise vorhanden sind, zurate gezogen werden müssen.

Eine der wichtigsten davon sind die Äußerungen seines Amtsnachfolgers Ernst Lebrecht Friedrich Reupsch, die freilich alles andere als schmeichelhaft ausfallen. Auch wenn Reupsch in seinen Worten oft sehr subjektiv urteilte, so kann man sein kritisches Urteil nicht einfach beiseiteschieben. Johann Friedrich Krietsch führte anscheinend ein recht bequemes Pastorendasein. Reupsch urteilte: „Mein Amtsvorsteher hatte indeß die üble Gewohnheit gehabt, es sich besonders den Winter über bequem zu machen. Er hatte da manchmal 3, 4, 5 Wochen lang allen Gottesdienst ausgesetzt.“ Ganz offensichtlich erlebte die Deutsch-reformierte Gemeinde unter diesem Prediger eine Zeit des Niederganges. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Presbyterium, dem die Gemeindeleitung oblag, seinen Aufsichtspflichten nicht nachgekommen ist. Doch es ist auch ein positives Urteil über Krietsch in Celle überliefert. In der „National-Zeitung der Teutschen“ ist im Jahrgang 1797 zu lesen: „Der Prediger der teutschen reformirten Gemeinde Krietsch wird als ein Mann voll hellen Einsichten und von Kanzel-Gaben geschätzt.“

Diese Gemeindekrise spiegelt sich auch in der versiegenden diakonischen Tätigkeit wider. Das Armenwesen hat laut Reupsch „in den neunziger Jahren den Gnadenstoß erhalten“. Wie prekär die Finanzlage der Kirchengemeinde war, lässt sich daran ablesen, dass die Deutsch-reformierte Gemeinde 1797 ihr am Bullenberg gelegenes Pfarrhaus für den recht hohen Betrag von 2200 Reichtalern veräußerte. Die Krise der Gemeinde spiegelte sich ferner auch in dem 1726 von Pastor Heinrich Talla angelegten „Kommunikanten-Verzeichnis“ wider, worin über die am Abendmahl teilnehmenden Gemeindeglieder penibel Buch geführt wurde. Diese wichtige Quelle ist ein Indiz für den Niedergang, den die Deutsch-reformierte Gemeinde gegen Ende des 18. Jahrhunderts erlebte. Nahmen in den 20er und 30er Jahren durchschnittlich noch über 40 Personen am Abendmahl zu Weihnachten teil, so sank die durchschnittliche Zahl der Kommunikanten danach kontinuierlich. Als 1790 nur noch eine kleine fünfköpfige Personenzahl zur Vorbereitungspredigt erschien, wurde die Abendmahlsfeier zu Weihnachten definitiv abgeschafft. Die Feier zu Johannis sollte sieben Jahre später ein gleiches Schicksal erleiden.

1797 trug Pastor Krietsch frustriert ins Kommunikantenverzeichnis ein: „Da sich zur Communion vor Johannes keine Personen meldeten, so ist von Seiten des Presbyteriums für gut befunden, daß die Communion vor Johannis aufhören solle, bis sich die Gemeine wieder an Mitgliedern vermehre.“

Zwei weitere
Quellen

Es existieren noch zwei weitere Quellen über das Wirken dieses Predigers in Celle. Die eine berichtet davon, dass Pastor Krietsch neben seinen pfarramtlichen Tätigkeiten noch eine öffentliche Lese- und Leihbibliothek, die sich im Besitz der Stadt befand, betreute. Eine weitere gedruckte Sekundärquelle steht im Zusammenhang mit dem Besuch des Schweizer Theologen Johann Caspar Lavater (1741-1801) in Celle am 8. und 9. Juli 1786.

Die Celler Hautevolee fühlte sich durch Lavaters Aufenthalt zutiefst geehrt und die Türen der Salons der Stadt wurden ihm bereitwillig geöffnet. Lavater, der jedoch primär wegen des weit über die Stadtgrenzen Celles hinaus bekannten lutherischen Generalsuperintendenten Johann Friedrich Jacobi gekommen war, traf auch mit den beiden reformierten Predigern der Stadt an der Aller, Jacques Emanuel Roques (Französisch-reformierte Gemeinde) und Johann Friedrich Krietsch, zusammen. Am 9. Juli predigte er in der Französisch-reformierten Kirche im Deutsch-reformierten Gottesdienst, wobei auch der zweitälteste Sohn von Johann Friedrich Krietsch getauft wurde. Über dieses Ereignis im zweiten Jahr seiner Amtszeit berichtete noch im selben Jahr ein unbekannter Autor in der Zeitschrift „Journal von und für Deutschland“.

„9. Lavaters Aufenthalt in Zelle.

Den 10. Jul. 1786

(...) Übrigens hat Lavaters Anwesenheit, zu einem Vorfall Anlaß gegeben, der unserem Prinz Ernst , unserer Königin Bruder, zur Ehre gereicht.

Prinz Ernst, ein Verehrer sowohl guter Handlungen, als guter und großer Menschen, hatte sich öffentlich verlauten lassen: daß er Lavatern persönlich kennen zu lernen wünsche. Der reformierte Prediger Krietsch ging also zu ihm, zeigte ihm an: Lavater werde morgen predigen, und gab ihm anheim, ob er vor dem Gottesdienste zu ihm kommen – und sodann mit Lavater und ihm ins Gotteshaus gehen wolle? Bei dieser Gelegenheit hatte der Pastor Krietsch sich darüber gefreut, daß Lavater morgen in der Kirche bey der Taufe seines Kindes Pathe seyn werde. Und – sagte Ernst – nicht mit der stolzen und beleidigenden Miene der Herablassung, sondern mit dem ihm eigenen Wesen, das allen Unterschied durchaus vergessen läßt – das will ich auch seyn, wenn Sie wollen! Und so haben Prinz Ernst und Lavater öffentlich Gevatter gestanden!“

Prinz Ernst von Mecklenburg-Strelitz (*1742, †1814) war von 1763 bis 1802 Stadtkommandant von Celle. Der Täufling war der zweitälteste Sohn, welcher aus der 1784 in Braunschweig geschlossenen Ehe mit Johanne Catherine Wilhelmine Rettmeyer hervorging. Bereits am 9. März 1785 hatte der Sohn Friedrich Wilhelm das Licht der Welt erblickt. Als drittes Kind des Paares folgte am 28. Januar 1790 die Tochter Johanne Charlotte Wilhelmine, die durch den Prediger der Französisch-reformierten Gemeinde Jacques Emanuel Roques getauft wurde.

Im Jahre 1801 nahm Johann Friedrich Krietsch einen Ruf an die reformierte Gemeinde in Göttingen an, die ihn trotz seiner Erfolglosigkeit in Celle gewählt hatte. Diese gehörte wie Celle dem Kirchenverband „Konföderation Reformierter Kirchen in Niedersachsen“ an. Der Prediger wohnte im Pfarrhaus in der Unteren Karspüle Nr. 10. Sein Göttinger Amtsnachfolger Pastor Friedrich H. Brandes nannte ihn posthum einen „fast menschenscheuen Mann“ , was nicht gerade ein gutes Licht auf seine Zeit in der Universitätsstadt wirft. Infolge der prekären Finanzlage blieb die Celler Kirchengemeinde noch ein Dreivierteljahr vakant. Das Verhältnis zu seiner alten Celler Gemeinde blieb nach seinem Weggang zudem getrübt, da man an den Theologen noch finanzielle Forderungen hatte, die dieser jedoch nicht erfüllen wollte oder konnte.

Buch im Jahr 1808 veröffentlicht

Johann Friedrich Krietsch veröffentlichte 1808 in Göttingen ein Buch mit dem Titel „Anrede an die Reformirte Gemeinde zu Göttingen, beym Anfang der Gottesverehrung am Neuen-Jahrestage 1808 als an diesem Tage zu ihrer Versammlung die Glocke zum erstenmal geläutet wurde“. Als Göttinger Pastor verstarb er am 2. Mai 1818 morgens zwischen 10 und 11 Uhr an „völliger Auszehrung“.

Andreas Flick

Literatur: Andreas Flick: Die Geschichte der Deutsch-reformierten Gemeinde in Celle 1709-1805. Von ihren Anfängen bis zum Zusammenschluss mit der Französisch-reformierten Gemeinde (Tagungsschriften des Deutschen Hugenotten-Vereins, Nr. 12), Bad Karlshafen 1994, Seite 34ff.

Andreas Flick Autor: Andreas Flick, am 16.08.2013 um 15:39 Uhr
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