bewölkt CELLE  
DO 11° / 11°
FR 10° / 10°

Sarrazin hat viel Unheil angerichtet

Bade Interveiw Foto: Friederike Plesse

Im Rahmen der Veranstaltungs­reihe „Gegen Rassismus und Diskriminierung – Für couragiertes Handeln“ findet am Dienstag, 20. August, um 19 Uhr in „Kunst & Bühne“ ein Vortrag mit Diskussion zum Thema „Fremdenfeindlichkeit als Einstiegsdroge“ mit Migrationsexperten Klaus Jürgen Bade statt. Im Interview mit CZ-Mitarbeiterin Friederike Plesse erklärt er, was es damit auf sich hat.

Warum haben viele Menschen in Deutschland ein Feindbild des Türken?

Das hat eine lange Tradition. Die Türken wirkten für Viele von Beginn an als Inkarnation des Fremden schlechthin. Schon beim Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 verweigerte der zuständige deutsche Arbeitsminister die Ausfertigung, die dann der Außenminister machen musste. Politiker gingen bei der Turkophobie mit populistischen Redensarten voran. Bundeskanzler Helmut Schmidt erklärte Anfang 1982: „Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze!“ Sein Nachfolger Helmut Kohl wollte 1982 und nach den Neuwahlen 1983 alles daran setzen, die Zahl der Ausländer in Deutschland und besonders die der Türken unter ihnen zu halbieren. Das klappte nicht und bestärkte nur die Abwehrhaltungen.

Was meinen Sie mit der paradoxen Spannung zwischen Kulturangst und Kulturakzeptanz in unserer Gesellschaft?

Es gibt eine wachsende Akzeptanz kultureller Vielfalt, besonders unter jüngeren Menschen. Das weckt bei anderen Zeitgenossen umso mehr kulturelle Bedrohungsvisionen. Im Vordergrund stehen dabei Ängste und Abwehrhaltungen gegenüber dem Islam.

Was meinen Sie mit „negativer Integration“?

Die Selbstvergewisserung der Mehrheit durch die Ausgrenzung einer großen Minderheit. Motto: Was uns auf dem Weg in die Einwanderungsgesellschaft an innerer Geschlossenheit verloren gegangen ist, können wir zurückgewinnen durch die gemeinsame Wendung gegen den Islam und seine Anhänger.

Wie groß ist die gewaltbereite Fremdenfeindlichkeit in der Einwanderungsgesellschaft?

Gefährlicher sind die fremdenfeindliche Gewaltakzeptanz, das Kleinreden von Minderheitenfeindlichkeit und die Diskriminierung im Alltag. Die fremdenfeindliche Gewalt selbst stagniert oder wächst nur langsam, aber ihre Brutalität nimmt zu. Vieles wissen wir auch gar nicht, weil die Gruppen kleiner werden und konspirativ operieren.

Was sind positive Beispiele für die Akzeptanz der kulturellen Vielfalt? Werden wir jemals eine Gesellschaft sein, die die kulturelle Vielfalt ihres Landes akzeptiert? Wie kann jeder einzelne mithelfen?

Ich bin verhalten optimistisch, aber der Weg ist noch weit. Angekommen werden wir sein, wenn kulturelle Vielfalt als eine gesellschaftliche Normalität verstanden wird, innerhalb derer sich verschiedene kulturelle Heimaten entfalten können, ohne sich gegenseitig die Existenzberechtigung abzusprechen. Akzeptanz kultureller Vielfalt im Alltag herrscht dort, wo es nicht mehr darum geht, wo jemand herkommt und wie er aussieht, sondern darum, was er sagt und tut.

Sehen Sie sich als „Anti-Sarrazin“? (So die Bezeichnung der Soziologin Necla Kelec im Mai 2011)

Ich bin kein Freund von undifferenzierten Pauschalurteilen. Was Necla Kelek da im Feuilleton in der FAZ geschrieben hat, habe ich an gleicher Stelle kurz darauf zerlegt. Den Begriff hatte sie überdies von Heribert Prantl entlehnt und auch noch missverstanden. Prantl meinte damit das von mir geleitete Sachverständigengutachten ‚Einwanderungsland 2010‘. Sarrazin selbst hatte in manchen Punkten durchaus Recht. In Integrationsfragen hat er aber weithin am Forschungsstand vorbei geschrieben, gängige Vorurteile umgewälzt und damit eine Debatte ausgelöst, die wenig geklärt und viel Unheil angerichtet hat. Das habe ich in meinem letzten Buch ‚Kritik und Gewalt‘ gezeigt.

Friederike Plesse Autor: Friederike Plesse, am 16.08.2013 um 16:45 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Nachhaltige Pflege spart Kosten

Früh am Morgen blockiert der mobile Kran die schmale Prinzengasse mitten in der Altstadt. Sein Ausleger ragt starr in den bewölkten Himmel. Am stabilen Haken hängt ein sechs Meter langes Brettschichtholz, 16 Zentimeter breit, 32 Zentimeter hoch. „Der Balken wiegt rund dreieinhalb Zentner“, schätzt… ...mehr

Mehr als acht Millionen zog es in die «Charité»

Berlin (dpa) - Bravouröser Start für die sechsteilige ARD-Serie «Charité»: Im Schnitt 8,32 Millionen Zuschauer verfolgten am Dienstagabend von 20.15 bis 21.50 Uhr die ersten beiden Folgen der historischen Geschichte über die Berliner Traditionsklinik. Der Marktanteil betrug 25,9 Prozent. Die… ...mehr

VfL Westercelle droht zweiter Abstieg in Folge

Tischtennis-Oberligist VfL Westercelle steht vor seinem zweiten Abstieg in Folge. Die letzten beiden Heimspiele gegen Spitzenreiter SF Oesede (2:9) und den Tabellenvierten Torpedo Göttingen (3:9) verlor der VfL deutlich und rutschte somit auf den ersten direkten Abstiegsrang ab. „Es lief leider nichts… ...mehr

Sönke Wortmann über seinen Sechsteiler «Charité»

Berlin (dpa) - Mit der historischen Krankenhaus-Serie «Charité» betritt Filmregisseur Sönke Wortmann (57) Neuland. Erstmals inszeniert er mit dem ARD-Sechsteiler vollständig eine Serie für das Fernsehen. ...mehr

Modeste schießt Köln Richtung Europa

Köln (dpa) - Anthony Modeste schnappte sich nach seiner erneuten Gala den Spielball und ließ ihn keine Sekunde mehr aus den Augen. Doch neben der persönlichen Trophäe dachte der Franzose in der Stunde seines Triumphes auch an die Kollegen. ...mehr

FIFF Wietze vereint Unterricht und Kinderbetreuung

In den vergangenen Wochen wurde mit vereinten Kräften organisiert, telefoniert, gemalert, geputzt und geräumt. Samstag eröffnete dann die "FIFF Wietze", die "FamilienInitiative für ein Farbenfrohes Wietze" Tür und Tor in den Räumen der ehemaligen Haupt- und Realschule in der Schulstraße 2. Das… ...mehr

Der Kesselhaken war einst mehr als nur ein Küchenhilfsgerät

Die Cellesche Zeitung startet heute eine Serie zum 125. Geburtstag des Bomann-Museums. In den nächsten Wochen werden einige Gegenstände aus dem Bestand vorgestellt, die beim Museumsbesuch vielleicht nicht sofort ins Auge fallen. ...mehr

Joko und Klaas und der falsche Ryan Gosling

Berlin (dpa) - Eine falsche PR-Agentur, ein falscher Ryan Gosling, die echte Goldene Kamera: Die Fernsehkomiker Joko Winterscheidt (38) und Klaas Heufer-Umlauf (33) haben ihren Doppelgänger-Streich bei der Goldenen Kamera wochenlang akribisch vorbereitet.  ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
28.03.2017

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Heimserie der U21 reißt - 0:1 gegen Portugal

Stuttgart (dpa) - Im letzten Test vor der Fußball-Europameisterschaft ist die Rekordserie der U21-Nationalmannschaft…   ...mehr

Keine Spur von 100-Kilo-Goldmünze

Berlin (dpa) - Bei der Fahndung nach den Goldmünzen-Dieben von Berlin sucht die Polizei auch nach möglichen…   ...mehr

Argentinien geschockt: FIFA sperrt Messi für vier Spiele

Buenos Aires (dpa) - Schock für Argentiniens Nationalmannschaft: Ohne Kapitän Lionel Messi muss der…   ...mehr

Eis-Kartell in Tübingen? - Kugeln kosten plötzlich mehr

Tübingen (dpa) - In der Auslage von Enzo Gorzas Eisdiele in Tübingen sind Berge von Eis in allen Farben…   ...mehr

Bar Refaeli erwartet ihr zweites Baby

Tel Aviv (dpa) - Das israelische Supermodel Bar Refaeli erwartet sein zweites Kind. Das israelische…   ...mehr

Trump will Obamas Klima-Politik zurückdrehen

Washington (dpa) - US-Präsident Donald Trump macht mit seinem Versprechen ernst und legt die Axt an…   ...mehr

Rummenigge glaubt nicht an Superliga

Athen (dpa) - Karl-Heinz Rummenigge setzt auf Kontinuität im europäischen Vereinsfußball. Der Vorsitzende…   ...mehr

Berlin geht Spionageverdacht gegen türkischen Dienst nach

Berlin (dpa) - Die Verfassungsschutzbehörden gehen dem Verdacht nach, dass der türkische Geheimdienst…   ...mehr

«Carlos» für Anschlag in Paris verurteilt

Paris (dpa) - Der einstige Top-Terrorist «Carlos» ist wegen eines Anschlags in Paris vor mehr als…   ...mehr

Regierung beschließt Burka-Verbot in Österreich

Wien (dpa) - Österreich verbietet die Vollverschleierung von Frauen im öffentlichen Raum. Das von…   ...mehr
SPOT(T) »

Anruf folgt

Mit großer Faszination beobachte ich jede Trainerentlassung in der Bundesliga.… ...mehr

Wahre Worte

Ein Wort sagt so viel aus: Konspirative Wohnung war das Wort des Jahres 1978.… ...mehr

Verlässlich

Verlässlichkeit ist die Basis einer jeden guten Beziehung. Und Liebe, also… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG