Mahnmal zur Erinnerung an "Völkerschlacht" von Leipzig wird 100 Jahre alt

In Leipzig wurde im Oktober 1913 das größte Denkmal Europas eingeweiht. Es sollte an die Ereignisse des Jahres 1813 erinnern, als die Armeen der im Bündnis gegen Napoleon vereinten Völker in einer mehrtägigen Schlacht die französische Streitmacht besiegten und den französischen Kaiser in die Flucht schlugen.

Als Kaiser Wilhelm II. am 17. Juni 1911 die Stadt Celle besuchte, galt seine besondere Aufmerksamkeit dem von ihm gestifteten und von Carl Röching aus Charlottenburg geschaffenen Monumentalgemälde in der Ehrenhalle des Vaterländischen Museums, das 1923 nach seinem Hauptinitiator in „Bomann-Museum“ umbenannt wurde.1

Mit diesem Bild sollte an die Befreiungskriege der europäischen Völker gegen die napoleonische Vorherrschaft auf dem Festland zu Beginn des 19.Jahrhunderts erinnert werden, durch deren Widerstand der französische Imperator im Jahre 1813 in immer größere Bedrängnis geraten war.

Das „Gefecht
an der Göhrde“

Zu den damit verbundenen Ereignissen zählte auch das „Gefecht an der Göhrde“ östlich von Lüneburg vom 16. September 1813, in dessen Verlauf die verbündeten Hannoveraner, Russen, Briten, Preußen, Hanseaten sowie Einheiten der „King‘s German Legion“ französische Truppen besiegten, denen dadurch der Zugang zum Elbufer versperrt wurde, sodass die Verbindung des von Marschall Davout befehligten Korps mit der französischen Hauptarmee unter Napoleon unterbrochen war.

Besondere Beachtung auch aus Celler Sicht verdienen in diesem Rahmen die Truppen der „King‘s German Legion“ mit dem Brigadekommandeur Sir Hugh Halkett. Diese militärische Einheit war im Zusammenhang mit dem Vormarsch der französischen Truppen und der Besetzung Hannovers im Jahre 1803 gegründet worden. Damals verließen viele Offiziere und einfache Soldaten der aufgelösten hannoverschen Armee ihre Heimat, um in britische Dienste zu treten. Aus diesen Truppenteilen wurde ab Juli 1803 die „King‘s German Legion“ („Königlich Deutsche Legion“) aufgestellt, die in der Folgezeit auf fast allen Kriegsschauplätzen gegen die Heere Napoleons zum Einsatz kam und durch ständigen Zuzug schließlich eine Stärke von etwa 15.000 Soldaten erreichte.2

Sir Hugh Halkett war zum Zeitpunkt des Gefechts an der Göhrde gerade vom Kriegsschauplatz auf der Iberischen Halbinsel nach Norddeutschland abkommandiert worden, um hier als Befehlshaber der neu aufgestellten hannoverschen Infanterie-Brigade am Befreiungskampf gegen die napoleonische Besetzung mitzuwirken. Den Oberbefehl hatte Generalleutnant Graf Wallmoden-Gimborn.

Zum Inhalt und Aussagewert des in der Ehrenhalle des Celler Museums angebrachten Gemäldes erfahren wir Näheres aus einer Schrift des Bomann-Museums: Das Bild des Schlachten- und Genremalers Carl Röchling (1855-1920) stellt einen Ausschnitt der militärischen Auseinandersetzung an der Göhrde dar. Es erfasst die entscheidenden Momente des Gefechts, als kurz vor Sonnenuntergang die Franzosen von der hannoverschen Brigade Halkett in die Flucht geschlagen werden.

Zu den hier abgebildeten Truppenteilen gehören auch schwarz uniformierte Lützower Jäger (ganz rechts im Bild), die jedoch an dieser Attacke gar nicht beteiligt waren. Damit sollte auf besondere Weise die hannoversch-preußische Waffenbrüderschaft betont werden. „Daneben ist das hannoversche Feldbataillon von Bennigsen mit den roten Röcken und weißen Tschakos zu sehen. Hoch zu Roß ist der Brigadekommandeur Sir Hugh Halkett in der grünen Uniform des 2. Leichten Bataillons der Legion dargestellt, hinter ihm Oberstleutnant von Bennigsen, links fliehende Franzosen in ihren hellbraunen Kapotmänteln, am Boden – schwer verwundet – Rittmeister von Hugo vom 3. Husarenregiment der King`s German Legion, das von der Flanke her einen zweiten Angriff reitet.“3

Dieses Gefecht fand einen Monat vor der entscheidenden Schlacht bei Leipzig statt, in der das Heer Napoleons dann auf die verbündeten Armeen von Preußen, Russland, Österreich und Schweden traf.

1813 als Jahr
der Entscheidung

Mit dem katastrophalen Ende der Grande Armée in Russland im Jahre 1812 hatte der Kaiser der Franzosen den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren.Zugleich war aufseiten der unterworfenen Staaten und Völker die Hoffnung auf eine Befreiung vom Joch der Besatzungsmacht geweckt worden. Sie ging einher mit einer zunehmenden Bereitschaft der Bürger zum Widerstand gegen die Eroberer und führte in Preußen und anderen deutschen Staaten zu einer nationalen Begeisterung, als der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) in seinem „Aufruf an Mein Volk“ vom 17.März 1813 „Preußen und Deutsche“ zum Befreiungskampf aufforderte. Freiwillige aus allen Landesteilen folgten bereitwillig diesem Appell und ließen sich bei den Meldestellen registrieren.

Grosse Verluste
bei Leipzig

Anfang Oktober 1813 konnte dann eine Koalition von Russland, Preußen, Großbritannien, Österreich und Schweden mit drei Armeen die napoleonischen Truppen bei Leipzig einkreisen und dort einen Einschließungsring bilden. Diese Streitmacht der Alliierten umfasste rund 340.000 Mann, während Napoleon über eine Armee von etwa 200.000 Mann verfügte. Einen solchen Truppenaufmarsch mit Angehörigen aus allen Teilen Europas hatte es bis dahin in der europäischen Geschichte noch nicht gegeben. Deshalb sprach man auch von einer „Völkerschlacht“.

Nach einem dreitägigen erbitterten Kampf vom 16. bis 19. Oktober 1813 musste sich Napoleon geschlagen geben und den Rückzug nach Westen antreten. Beide Seiten hatten große Verluste zu beklagen. Mehr als 100.000 Menschen verloren ihr Leben. Weitere Zehntausende starben noch danach in den Lazaretten in und um Leipzig.

Napoleon konnte sich zwar mit den Resten seiner Truppen über den Rhein retten, seine Herrschaft war jedoch nur noch von kurzer Dauer. Am 31. März 1814 erfolgte der Einzug der Verbündeten in Paris. Der französische Kaiser musste abdanken; ihm wurde die Insel Elba als selbstständiges Fürstentum zugewiesen.

Die Neuordnung der Verhältnisse in Europa wollten die Siegermächte einem „allgemeinen Kongress“ überlassen.Im Verlauf dieser seit September 1814 tagenden Konferenz erschien Napoleon überraschend erneut in Frankreich, um die verloren gegangene Macht zurückzugewinnen. Napoleon musste sich aber trotz anfänglicher Erfolge am 18. Juni 1815 schließlich der Übermacht der Alliierten bei Waterloo, 15 Kilometer südlich von Brüssel, beugen.

Enttäuschung über weitere Entwicklung

Im Vorfeld dieser Befreiungskriege waren viele Bürger in Deutschland angesichts der bedrückenden Lage in den von den napoleonischen Armeen eroberten und besetzten Gebieten in dem Wunsch nach einer Überwindung der Zersplitterung des „Vaterlandes“ bestärkt worden. Die Vielzahl der souveränen Einzelstaaten hatte sich in den zurückliegenden Jahren als erhebliche Schwäche im Kampf gegen die Eindringliche von jenseits des Rheins erwiesen.

Die durch die Befreiungskriege geweckten Hoffnungen blieben auch nach dem Ende der Fremdherrschaft lebendig. Diese Verheißungen überdauerten die Rückschläge und Enttäuschungen, die die Freiheitsbewegungen in der Zeit nach dem Wiener Kongress 1814/1815 erleben mussten.

Die 50. Wiederkehr der „Völkerschlacht“ bei Leipzig bot im Jahr 1863 eine besondere Gelegenheit, diesen Forderungen und Bestrebungen Nachdruck zu verleihen. Auch in Celle waren die Festveranstaltungen vorrangig diesem Anliegen gewidmet. Sie standen ganz im Zeichen jenes an die Veteranen der Völkerschlacht gerichteten Appells des Leipziger Festausschusses, dafür einzutreten, dass die damals von den Freiheitskämpfern gezeigten Tugenden (wie Mut, Treue und Vaterlandsliebe), „die dem theuern deutschen Vaterlande eine glückliche und ruhmvolle Zukunft gewährleisten“, nicht vergessen werden, sondern weiterhin als Auftrag für politisches Handeln zu verstehen seien. In diesem Wunsch nach einem alle Deutschen einschließenden Gesamtstaat konnten sich in Celle die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenfinden.

Der Bericht in den „Celleschen Anzeigen“ zu dieser Feier vermittelt einen Eindruck davon: „Das Großartigste war unstreitig der endlose Festzug, welcher sich mit seinen 55 Fahnen und Bannern Nachmittags durch die Straßen der Stadt nach dem Festplatze auf der Trift bewegte […] Der Zug […] bestand aus 5 Abteilungen, in welchem etwa 64 verschiedene Corporationen, Vereine etc. vertreten waren; ganz besonders hervorgetan hatten sich die Arbeiter der Herren Gebrüder Hugo, welche mit einem eigenen Musikchor versehen waren, und einen Riesenschirm in den deutschen Farben voranführten, die Arbeiter der Herren Schiebler und Sohn folgten einem von drei Mann getragenen geschmackvollen Bouquet; ferner zeichneten sich aus die Arbeiter des Herrn Guizetti, die Bäcker, Schlachter, Klempner, Schmiede, namentlich aber die Gewerke der Maurer und Zimmerleute […]; die Schulze’sche Buchdruckerei war mit einer Presse im Zuge vertreten, welche auf einem Wagen befindlich, von vier Pferden gezogen wurde.“ 4

Mehrere Symbole
Der Einheit

Der Gedanke einer identitätsstiftenden Gemeinschaft fand seinen Ausdruck auch in Symbolen, zu denen neben dem Reichsadler die überall in der Stadt gezeigte Fahne mit den Farben Schwarzrotgold gehörte, die aus den Farben der Uniform des am Freiheitskrieg beteiligten Lützowschen Freikorps entstanden war und als „deutsche Fahne“ bezeichnet wurde. Ebenso bedeutsam waren „vaterländische Lieder“, zu denen auch das von Hoffmann von Fallersleben gedichtete „Lied der Deutschen“ zählte. Karl-Heinz Buhr

Fortsetzung folgt

Fußnoten:

1. Vergleiche Cellesche Zeitung vom 19. Juni 1911.

2. Dieter Brosius, Niedersachsen. Das Land und seine Geschichte in Bildern, Texten und Dokumenten, Hamburg 2006, Seite 134.

3. Bomann-Museum (Herausgeber), Die Ehrenhalle: Ein Museum im Museum, 4., veränderte Auflage, Celle 2001, Seite 6 (Text: Juliane Schmieglitz-Otten).

4. Cellesche Anzeigen vom 20. Oktober 1863.

Karl-Heinz Buhr Autor: Karl-Heinz Buhr, am 04.10.2013 um 14:46 Uhr
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