Nationalismus prägt im Jahr 1913 Gedenkfeier zur Völkerschlacht

Die Feiern zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig sind in den zurückliegenden Jahrhunderten in Deutschland unterschiedlich gestaltet worden. Bei der Erinnerungsfeier im Jahr 1913 standen Größe und Macht des deutschen Kaiserreichs im Mittelpunkt

Die Feiern zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig sind in den zurückliegenden Jahrhunderten in Deutschland unterschiedlich gestaltet worden. Bei der Erinnerungsfeier im Jahr 1913 standen Größe und Macht des deutschen Kaiserreichs im Mittelpunkt.

Im Zusammenhang mit der 50. Wiederkehr der Völkerschlacht von Leipzig war im Jahr 1863 in Celle ein Fest gefeiert worden, wie es die Stadt bisher noch nicht erlebt hatte (siehe Sachsenspiegel vom 5. Oktober 2013). Es war der Gedanke der nationalen Einheit, der das gemeinsame Band bei diesen Veranstaltungen darstellte.

In einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs, wie sie die Menschen in der industriellen Revolution erlebten, konnte mit der Rückbesinnung auf die Freiheitskriege auch das Gefühl eines neuen Gemeinschaftserlebnisses vermittelt werden. Dennoch ließ sich nicht übersehen, dass die erlebte politische und gesellschaftliche Wirklichkeit mit einer Vielzahl deutscher Staaten den Vorstellungen von einem vereinten Volk (noch) nicht entsprach.

neue Situation durch Reichsgründung 1871

Erst ein erneuter Krieg mit Frankreich führte 1871 zu einer weitreichenden Änderung der politischen Verhältnisse in Deutschland. Nun war der Weg frei für die Vereinigung der Deutschen zu einer Nation. Mit der im Januar 1871, also noch vor Beendigung des Krieges, durch die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles vollzogenen Gründung des Deutschen Reiches erhielt auch die Erinnerung an das Geschehen von Leipzig einen neuen Bezugsrahmen. Der Wunsch vieler Bürger nach Zusammenfügung der deutschen Staaten zu einer Nation war nun Wirklichkeit geworden und das Vermächtnis von Leipzig durch die Vollendung des Einigungsprozesses erfüllt, auch wenn mancher mit Bedauern feststellen musste, dass Österreich diesem neuen Fürstenbund nicht angehörte.

Denkmal soll
Erinnerung wachhalten

Es sollten jedoch noch mehr als vier Jahrzehnte vergehen, bevor in Erinnerung an die Befreiungskriege in Leipzig eine würdige Gedenkstätte errichtet und eingeweiht werden konnte. Schon kurz nach der „Völkerschlacht“ im Oktober 1813 gab es verschiedene Initiativen für die Verwirklichung dieses Vorhabens, auch Ernst Moritz Arndt hatte im Jahre 1814 eine solche Gedenkstätte gefordert und dabei entsprechende Pläne erläutert.1 Zur Umsetzung dieser und weiterer Vorschläge kam es aber vorerst nicht. Es fehlten die finanziellen Mittel.

Dennoch wollte man in Leipzig auch in den nachfolgenden Jahrzehnten an diesem Vorhaben festhalten. So wurde insbesondere durch alljährliche Gedächtnisfeiern und das Aufstellen von Gedenksteinen an den wichtigsten Stellen des ehemaligen Schlachtfeldes die Erinnerung an das damalige Geschehen wachgehalten. Diese Aktivitäten, die häufig auf die Initiative einzelner Bürger zurückzuführen waren, konnten jedoch das Projekt eines besonderen Denkmalsbaus nicht entscheidend voranbringen. Auch als am 19. Oktober 1863 im Zusammenhang mit der 50. Wiederkehr jenes Ereignisses Vertreter von mehr als 200 deutschen Kommunen in Leipzig den Grundstein für ein solches Mahnmal legten, waren damit in der Folgezeit zunächst noch keine konkreten baulichen Maßnahmen verbunden.

Erst als 1888 eine Sammlung 19.000 Mark erbrachte, wurde der Gedanke entschlossener verfolgt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der 1894 vom Leipziger Architekten Clemens Thieme gegründete Deutsche patriotische Bund, der die notwendigen finanziellen Mittel beschaffen wollte und der sich mit Hilfe von Preisausschreiben unter deutschen Architekten um geeignete Entwürfe bemühte. Erhebliche Schwierigkeiten gab es jedoch, die für die Baukosten insgesamt benötigte Summe von 6 Millionen Mark aufzubringen. Obwohl dieses Geld auch im Jahre 1913 noch nicht vollständig zur Verfügung stand, konnte das Denkmal bis zur „Hundertjahrfeier“ fertiggestellt werden.

Gewaltige
Ausmasse

Die Ausmaße dieses Monuments sind gewaltig. Es stellt eine Nachbildung des altsächsischen Heiligtums, der Irminsäule, dar und erreicht eine Höhe von 91 Metern. Zwischen den beiden seitlichen Stützmauern ist ein 19 Meter hohes und 60 Meter breites Relief angebracht, das eine Schlachtszene abbildet. An den seitlichen Treppenaufgängen befinden sich zwei Barbarossaköpfe, die in Erinnerung an die Sage vom schlafenden Kaiser Rotbart einen hoffnungsvollen Ausblick auf bevorstehende bessere Zeiten vermitteln sollen. In der Krypta des Monuments sind die Figuren von 16 Kriegern aufgestellt, die die Totenwache halten. Die vier Ecken der Ruhmeshalle zieren in sinnbildlicher Darstellung verschiedene Tugenden, die dem deutschen Volk in Verbindung mit den Befreiungskriegen zugeschrieben werden: Die vier fast zehn Meter hohen und je 400 Tonnen schweren Gestalten verkörpern Tapferkeit, Glaubensstärke, Volkskraft und Opferfreudigkeit. Die an den Hauptpfeilern der bleigefassten Fenster zu sehenden Figuren sollen die trauernden Hinterbliebenen der Gefallenen darstellen.

Die außen im Bereich der Denkmalskrone angebrachten, auf ihr Schwert gestützten zwölf Krieger verweisen auf die Entschlossenheit des Volkes, die durch die Befreiungskriege gewonnene Freiheit verteidigen zu wollen.

Zum Gesamteindruck des Völkerschlachtdenkmals bemerkte die „Cellesche Zeitung“ damals: „So steht das Monument da und schaut weit ins Land hinein, jeden gemahnend an die große Zeit, an den Tag der Völkerschlacht, in der die Macht des Korsen zusammenbrach.“ 2

Einstimmung auf
Gedenktag in Celle

Zur Einweihung des größten Denkmalsbaus Europas in Leipzig sollte auch in Celle am 18. Oktober 1913 eine große Feier auf dem Wildgarten stattfinden.

Bereits im Vorfeld dieses Ereignisses wurde ausführlich in der lokalen Presse die Bedeutung der „Völkerschlacht“ von Leipzig dargestellt und in Verbindung damit auch ein Vergleich mit der politischen Entwicklung Deutschlands seit der Reichsgründung im Jahre 1871 sowie der Rolle des Kaiserreichs im Jahre 1913 vorgenommen. Im Hinblick darauf wurde unter anderem betont: Der Gedenktag zu dem Geschehen von Leipzig „ist ein Nationalfeiertag im besten Sinne des Wortes, der sich am besten mit dem Sedantage vergleichen lässt. Wie hier das zweite Kaiserreich, so brach bei Leipzig die Macht Napoleons I. zusammen. Denn wenn sich Napoleon selbst auch noch aus der Katastrophe von Leipzig retten konnte, von dem Schlage, der ihm hier versetzt wurde, konnte er sich nie wieder erholen.

Vom militärischen Standpunkte aus lassen sich allerdings die beiden Schlachten nur schwer miteinander vergleichen. Sedan erscheint noch heute als das weder vor noch nachher vollkommen erreichte strategische Meisterwerk Moltkes. Die Schlacht bei Leipzig erscheint dagegen als eine Stümperarbeit, die ihre Erklärung findet in den politischen und militärischen Verhältnissen aufseiten der Verbündeten. Wären diese damals von demselben einheitlichen Willen geleitet worden, der 1870 die deutschen Heere lenkte, so hätte Napoleon überhaupt nicht mit den Resten seines Heeres aus Leipzig entkommen können“. 3

Deshalb solle im Jahre 1913 der Blick weniger auf den militärischen Erfolg gerichtet werden, sondern vorrangig auf die damals mit diesem Geschehen verbundenen, später aber nur zu einem geringen Teil erfüllten Hoffnungen und Wünsche der Menschen. Denn „erst der Tag von Sedan sollte vollenden, was man schon bei Leipzig erreicht wähnte; ein starkes, einiges Deutsches Reich“.4

Zudem gelte es die in den vergangenen 100 Jahren vollzogenen politischen Veränderungen in Europa zu bedenken, die dazu geführt hätten, dass das Geschehen von Leipzig „für die außerdeutschen Teilnehmer an der Schlacht nicht die gleiche Bedeutung hat, wie für uns Reichsdeutsche“. Dies treffe insbesondere für Russland zu, das „heute der Bundesgenosse desselben Frankreichs [ist], das es vor 100 Jahren bekämpfte“. 5

Demonstration
nationaler Einheit

Noch deutlicher als in dieser Darstellung wurde dann im Verlauf der großen Völkerschlachtfeier am 18. Oktober in Celle der Bezug zur aktuellen Situation des deutschen Kaiserreichs betont. Von einer gewaltigen Kundgebung, „wie sie unsere Stadt lange nicht gesehen hat“, war da die Rede. „Ganz Celle nahm daran teil. […] In den Straßen, die der [Fackelzug] passierte, wurde er von einer riesigen Menschenmenge erwartet, welche ihre Freude und Anteilnahme an der patriotischen Veranstaltung bekundete.“ 6

Im Mittelpunkt dieser Feier stand die Ansprache des Gymnasialdirektors Niemann, der nach einem Rückblick auf die Befreiungskämpfe gegen Napoleon den Schwerpunkt auf die Bedeutung dieser Ereignisse für die Gegenwart legte. Als wichtiges „Erbe der Väter“ gelte es „an den vier Kerntugenden des deutschen Volkes, an Tapferkeit und Gottesfurcht, an deutscher Treue und opferfreudiger Vaterlandsliebe“ festzuhalten. „Jede Untreue gegen dieselben bedeutet den Untergang.“ Daraus ergebe sich als wichtige Verpflichtung für die deutsche Jugend, „jenen wilden kriegerischen Geist“ zu pflegen, „der durch die Jahrhunderte der Schrecken unserer Feinde war“. 7

Diese von einem nationalistischen Großmachtdenken geprägten Aussagen spiegeln zugleich den Zeitgeist wider und verweisen auf deutliche Unterschiede zu den Gedenkveranstaltungen in den ersten Jahrzehnten nach der Schlacht von Leipzig, in denen die Befreiung von der Fremdherrschaft stets als gemeinsamer Erfolg der verbündeten Völker Europas über die von Napoleon angeführten französischen Truppen gewürdigt wurde.

Unentwirrbare Interessengegensätze und nationale Leidenschaften prägten hingegen 1913 in zunehmendem Maße die Beziehungen der europäischen Staaten untereinander. Sich zuspitzende Konflikte (wie die hochexplosive Lage auf dem Balkan) bedrohten den Frieden in Europa. Der Kampf um den Besitz von Kolonien und ein allgemeines Wettrüsten verstärkten die Spannungen noch und erhöhten die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen. Es war in Europa eine explosive Lage entstanden, in der es für eine kriegerische Auseinandersetzung nur noch eines Anlasses bedurfte.

Zwei Weltkriege
mahnen zur Besinnung

Es sollte nicht einmal ein Jahr bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs vergehen, der großes Leid und ungeheure Verluste für die Völker Europas mit sich brachte und dessen Ende dann keineswegs eine dauerhafte Friedensordnung einleitete.

Bereits 20 Jahre später wurde Europa durch das nationalsozialistische Deutschland erneut mit einem Krieg überzogen, der viele Millionen Opfer kostete. Und auch in der Zeit nach 1945 blieb Europa ein von hochgerüsteten Militärblöcken bestimmtes Spannungsfeld, von dem Deutschland als geteiltes Land besonders betroffen war. Erst durch den Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft konnten die Hindernisse zwischen West- und Osteuropa abgebaut werden, sodass es auch für die Deutschen möglich wurde, als wiedervereinigtes Volk die politische Zukunft des Landes zu gestalten.

„friedliche
Revolution“ in Leipzig

Dabei hat die Stadt Leipzig erneut eine herausragende Rolle gespielt. Es waren insbesondere die Bewohner dieser Stadt, die durch den beharrlichen Widerstand gegen die kommunistische Diktatur mit den „Montagsdemonstrationen“ ihren Freiheitswillen bekundet haben. Ihr unbeirrtes Eintreten für eine freiheitlich-demokratische Ordnung hat entscheidend zum Erfolg der „friedlichen Revolution“ in der ehemaligen DDR beigetragen. Das Gedenken an das Geschehen von Leipzig im Oktober 1813 erhält so für die deutsche Bevölkerung auch einen besonderen aktuellen Bezug.

Karl-Heinz Buhr

Fußnoten:

1 Vergleiche Cellesche Zeitung vom 17. Oktober 1913.

2 Ebenda.

3 Cellesche Zeitung vom 16. Oktober 1913.

4 Ebenda.

5 Ebenda.

6 Cellesche Zeitung vom 20. Oktober 1913.

7 Ebenda.

Karl-Heinz Buhr Autor: Karl-Heinz Buhr, am 11.10.2013 um 22:56 Uhr
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