Mit der Herrschaft der Franzosen wurde auch in Deutschland die Guillotine eingeführt

Als die Truppen Napoleons große Teile Deutschlands besetzten, wurde dort nicht nur französisches Recht eingeführt. Auch eine neue „Erfindung“ aus dem Nachbarland, die Guillotine, wurde recht häufig angewandt – und verschwand zumeist wieder mit dem Rückzug der französischen Truppen.

Die Jahre 1803 bis 1813 waren für Deutschland die Jahre der französischen Fremdherrschaft. In diesen Jahren hat das Land schwerste Last ertragen und harte Abgaben an Geld, Vieh und Lebensmitteln leisten müssen.

Eine Neuerung in der Zeit um 1800 war die Einführung der Guillotine. Der erste, mit dem neu konstruierten Fallbeil am 25. April 1792 hingerichtete Verbrecher hieß Nicolas Jacques Pelletier (36). Er war ein einfacher Dieb, der auf offener Heerstraße einen Diebstahl verübt hatte.

Eine alte Tradition hatte die Guillotine zu der Zeit noch nicht. Erst in den Jahren zuvor hatte man den Gedanken einer Gleichbehandlung bei Hinrichtungen in Paris thematisiert. Der französische Arzt und Politiker Dr. Joseph Ignace Guillotin (1738-1814) hatte als Deputierter in der französischen Nationalversammlung am 1. Dezember 1789 den Antrag gestellt, die Todesstrafe auf humane Weise mit einer „Maschine“, bei der der „Verurteilte vermeinen würde, eine leichte Frische am Hals verspürt zu haben“, zu vollziehen (in deutsche Übersetzung): „Alle Menschen sollen bei einer Hinrichtung gleich behandelt werden, kein Hängen für die Armen, kein Enthaupten für die Reichen und Adligen und vor allem keine Folter und andere Hinrichtungsarten mehr wie etwa Rädern. Es soll nur noch eine Strafe geben. Das Enthaupten!“1

Der Vorschlag Guillotins wurde bei seiner ersten Präsentation von den Abgeordneten der Nationalversammlung belächelt. Am 3. Mai 1791 wurde sein Gesetzentwurf offiziell angenommen.2 Anfang 1792 beauftragte man für den Bau der ersten Guillotine den in Paris lebenden deutschen Klavierbauer Tobias Schmidt, einen engen Freund von Scharfrichter Charles-Henri Sanson (1739-1806). Er hatte den Zuschlag erhalten, da er nur 824 Livres forderte.3

Bei ersten Versuchen mit lebendigen Tieren funktionierte die Maschine einwandfrei. Bei der Erprobung mit Leichen blieb das Fallbeil aber bei manchem starken Nacken immer wieder stecken. Auf Anraten Sansons wurde das Fallbeil nun abgeschrägt und mit einem zusätzlichen Gewicht versehen. 4

Erstmals am 25. April 1792 angewandt

Am 25. April 1792 war es dann soweit. Die Bevölkerung von Paris war schon Stunden vorher auf der Place de l’Hôtel-de-Ville versammelt. Der zum Tode verurteilte Räuber Pelletier bestieg das Schafott. Doch alle Zuschauer, die auf ein blutrünstiges Spektakel gehofft hatten, wurden wegen der Kürze des Aktes enttäuscht.5

Der große Einsatz der neuen Tötungsmaschine stand erst noch bevor. Im September 1792 wurde Frankreichs Erste Republik ausgerufen. Zu Beginn des Jahres 1793 wurde die Guillotine auf der Place de la Concorde (ab 1792 „Place de la Revolution“) aufgestellt. Ludwig XVI. (1754-1793), damals schlicht „Bürger Louis Capet“ genannt, verlor dort wegen Hochverrats an seinem eigenen Land am 21. Januar, vormittags gegen elf Uhr, sein Leben. Als ein Gehilfe des Scharfrichters den Kopf des Königs den Massen entgegenhielt, antworteten diese mit Jubel. Die Karren mit den Todgeweihten fuhren täglich dorthin. Innerhalb von zweieinhalb Jahren wurden dort 1119 Personen enthauptet.

Noch war der Einsatz der Guillotine auf das französische Territorium beschränkt. Noch 1779 wurde in den damals zur dänischen Monarchie gehörenden Herzogtümern Schleswig und Holstein erstmalig in Deutschland das Richtbeil als alleiniges Enthauptungswerkzeug eingeführt. Diskutiert hatte man dort allerdings damals bereits das Einführen eines Fallbeils. 6

Änderungen in
preussischen Ländern

Eine Anordnung des preußischen Königs aus dem Jahre 1811 bestimmte, dass überall dort in den preußischen Ländern, wo das Schwert zur Enthauptung verwendet wurde, nunmehr das Handbeil benutzt werden sollte. 7 Diese Bestimmung hatte Gültigkeit für alle rechtsrheinischen Gebiete, also die Provinzen Brandenburg, Pommern, Posen, Ost- und Westpreußen, Sachsen, Schlesien und Westfalen, zu denen später noch Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau kamen. In der Rheinprovinz dagegen hatte die französische Besatzungsmacht schon 1798 die Guillotine eingeführt. Ähnliches galt für das Großherzogtum Hessen. 8

In den folgenden Jahren trat die Anwendung des Richtschwerts bei Hinrichtungen immer mehr zurück. Einige Länder wählten das Handbeil, andere das Fallbeil (Guillotine). Auch in den nordwestdeutschen Gebieten, die 1810 in das französische Kaiserreich inkorporiert wurden, benutzte man vorübergehend die Guillotine. So stellte es sich auch in Hamburg dar, das seit 1806 französisch besetzt war. Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre, einer Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln, hatte Napoléon I. (1769-1821) die Freie und Hansestadt Hamburg während des Vierten Koalitionskrieges am 19. November 1806 besetzen lassen.

Mit dem Tag der Installation des kaiserlichen Gerichtshofs (Cour impériale) in Hamburg am 20. August 1811 trat die französische Gesetzgebung für die Hanseatischen Departements, die aus den 1810/1811 mit dem Empire vereinigten Mündungsgebieten von Maas, Schelde, Rhein, Ems, Weser und Elbe und weiteren Teilen Nordwestdeutschlands gebildet worden waren, in Kraft.9

1809 erfolgte in Hamburg vorerst letztmalig eine Hinrichtung durch das Schwert. 10 Die französische Verwaltung führte nun die Guillotine ein, die neben der Wache auf dem Pferdemarkt aufgebaut wurde. Auf ihr fielen durch Urteil der Geschworenengerichte zunächst die Häupter einer Bordellwirtin und ihres Bruders. Die Delinquenten hießen Marie Sophie Dahler und Gottlieb Homann. Der Oberauditeur Friedrich Georg Buek (1795-1860) schreibt dazu: „Homann schrie bis zum letzten Augenblicke, er sei unschuldig.“11

Der Generaldirektor der französischen Polizei in Norddeutschland, Louis-Philippe Brun d’Aubignosc (1774-1834), berichtete nach Paris, dass eine gewaltige Menschenmenge der Hinrichtung beigewohnt und Beifall geklatscht habe. Der Scharfrichter habe die Köpfe der Toten nach allen Seiten hin präsentiert, woraufhin der kaiserliche Gerichtshof diese Praxis für die Zukunft untersagte. 12

Die Hingerichteten waren offensichtlich tatsächlich unschuldig, wie Senator Martin Hieronymus Hudtwalcker (1787-1865) 1848 berichtet: „Das Gerücht fügte hinzu, daß einige Jahre später der wahre Mörder entdeckt worden sey.“13

Der Politiker und Offizier Johann Ludwig von Heß (1756-1823) berichtet 1816 von der Willkür der Besatzer: „Empörender noch war das Todesurtheil, welches über ein Paar Hannöversche Bauernknechte (...) ausgesprochen wurde. Sie hatten eine Schiebkarre mit Tobacksblättern von der Westphälischen Grenze herübergebracht, und waren damit von den Douanen ertappt worden. (...) Sie (...) mußten mit Gewalt unter das Messer der Guillotine gelegt werden.“ 14

Am 2. März 1813 wurde ein Mann namens Kupfer als russischer Spion vor ein Kriegsgericht gestellt und vor dem Steintor erschossen. Am folgenden Tag traf dieses Los sechs andere Einwohner. 15

Eine Erschießung aus Celle überliefert

Auch aus Celle ist ein Fall einer Erschießung überliefert. Im „Verzeichniß der Gebohrnen, Confirmirten, Copulirten und Gestorbenen, im Kirchspiel der Stadt Celle vom ersten Januar 1813. bis dahin 1814.“ finden wir den Hinweis: „17.) einer ist vom französischen Militair erschossen“. 16

Der vermeintliche Mordbrenner Henri le Maitre (auch: Hermann le Maitre) büßte für seine Tat am 30. Juni 1813. Bezeichnet wird er in zeitgenössischen Überlieferungen als Raubmörder und „Mordbrenner“ (boshafter Brenner); was er konkret verbrochen hatte, ist nicht ersichtlich. Ein Zusammenhang zum Brand der Schlosskirche und eines Teils des Schlosses zu Harburg am 30. Mai 1813 ist nicht ersichtlich. Das Feuer war durch Nachlässigkeit der französischen Soldaten entstanden. 17

Als le Maitre am 30. Juni 1813 in Hamburg auf dem Berg (Büttelei) guillotiniert wurde, schlug das Fallmesser einem Scharfrichtergehilfen zwei oder drei Finger ab. 18 Die „Allgemeine Zeitung“ in Augsburg berichtete erst in ihrer Ausgabe vom 31. Juli: „Sein Todesurtheil war schon vor dem Abzuge der Franzosen ausgesprochen, und die Hinrichtung nur durch die politischen Verhältnisse aufgehalten worden.“ Die seit 1805 gebrauchte Hamburger Richtstätte befand sich etwa dort, wo heute die Lübecker Straße auf die Alfredstraße trifft. Sie wurde 1856 abgetragen. 19

Nach der Befreiung Hamburgs wurde das Schwert wieder angewendet, dem 1816 eine Mörderin sowie 1818 und 1822 zwei Mörder zum Opfer fielen. 20 Matthias Blazek

Fußnoten:

1 Cherau, Achille, Guillotin et la Guillotine, Aux Bureaux de l’Union médicale, Paris 1870, S. 6.

2 Wie Anm. 1, S. 5 ff.

3 Winckler, Lutz, Unter der Coupole: Die Paris-Feuilletons Hermann Wendels 1933-1936, S. 126. Die Livre war eine Vorläuferin des Francs (bis 1795 gebräuchlich). Eine Livre war der Durchschnittspreis für ein Mittagsmenü. Das Pferd für einen Handlungsreisenden kostete etwa 100 Livres.

4 Sanson, Henri, Die Tagebücher der Henker von Paris 1685-1847, Nikol, Hamburg 2004, S. 350.

5 Todesstrafe, Vortrag von Patrick Gerdsmeier und Ulrike Haußer, www.gerdsmeier.net/upload/Vortraege/Todesstrafe.pdf.

6 Verordnung vom 24. März 1779, Falck, Niels Nicolaus, Handbuch des Schleswig-Holsteinischen Privatrechts, Bd. 3, Altona 1835, S. 770.

7 Kabinettsorder vom 19. Juni 1811, Preußische Gesetzsammlung 1811, S. 199, und Mathis juristische Monatsschrift, Bd. 10, Berlin 1811, S. 491.

8 Max Ramlau, Wie wird im Deutschen Reich die Enthauptung vollstreckt?, Inaugural-Dissertation, Universität Rostock 1899.

9 Jahrbuch für die Hanseatischen Departements, insbesondere für das Departement der Elbmündungen, hrsg. von Anton Christian Wedekind, Hamburg 1812, S. 148 ff.

10 Breloer, Heinrich; Königstein, Horst, Blutgeld – Materialien zu einer deutschen Geschichte, Prometh, Köln 1982, S. 72.

11 Buek, Friedrich Georg, Hamburgische Alterthümer, Perthes-Besser & Mauke, Hamburg 1859, S. 182.

12 Schmidt, Burghart, Hamburg im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons (1789-1813), Teil 1: Darstellung, Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1998, S. 729; Bulletin particulier du 2 octobre 1812.

13 Hudtwalcker, Martin Hieronymus, Gedanken über die Einführung von Geschwornengerichten in Criminalsachen in Hamburg, Agentur des Rauhen Hauses in Horn, Hamburg 1848, S. 6.

14 Heß, Jonas Ludwig von, Agonieen der Republik Hamburg im Frühjahr 1813, 2. Aufl., Hamburg 1816, S. 9.

15 Vgl. Schmidt, wie oben, S. 729. Der vierländische Bauer Joh. Gerbers wurde das Opfer „seiner unbesonnenen Prahlerei“, dass auch er am 24. Februar an einem Auflauf teilgenommen habe (Zander, Christian Ludwig Enoch, Geschichte des Kriegs an der Nieder-Elbe im Jahre 1813, Herold u. Wahlstab, Lüneburg 1839, S. 15). Siehe auch Hamburgischer Correspondent vom 27. Februar und 5. März 1813.

16 Stadtarchiv Celle 16A 69.

17 Lange, Ludwig und Julius (Hrsg.), Original-Ansichten der historisch merkwürdigsten Städte in Deutschland, Bd. 8, Darmstadt 1850, o. S.

18 Schiff, Hermann, Israelitische Novellen, Bd. 1: Das verkaufte Skelett, Jean Paul Friedrich Eugen Richter, Hamburg 1866, S. 36. Der Aufstellungsort der Guillotine ist eingezeichnet auf der Karte „Hamburg während der Belagerung von 1813 bis 1814“ von Franz Heinrich Neddermeyer, Hamburg 1832, Objekt Nr. 16.

19 Christensen, Heinrich (Hrsg.), Ein Tagebuch aus dem Belagerungsjahr 1813/14, Lütcke & Wulff, Hamburg 1908, S. 48.

20 Buek, Friedrich Georg, Hamburgische Alterthümer, Perthes-Besser & Mauke, Hamburg 1859, S. 182.

Matthias Blazek Autor: Matthias Blazek, am 18.10.2013 um 15:45 Uhr
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