bewölkt CELLE  
-1°
MI 0° / -2°
DO -1° / -3°

"Kühe chillen in der Sonne"

Gerd Kempken kümmert sich auf seinem Hof um 60 Kühe. Zusätzlich veranstaltet er Workshops für einen Werkzeughersteller (oben). Tochter Ellen hat sich in Sachen Design fortgebildet und einen Transportwagen umgestaltet. Foto: Gert Neumann, Lothar H. Bluhm (3)

Von Celle aus die letzte Straße links auf der alten Bundesstraße 3 in Adelheidsdorf ist der Kükenkamp. Hier bewirtschaftet die Familie Kempken seit 1990 die ehemalige Hofstelle von Heinrich Krüger, die 1965 hierher ausgesiedelt wurde. Mit Milchvieh, Ackerbau und Sonnenenergie erzielen Gerd und Marita Kempken ihre Einkünfte – seit 2001 ohne jeglichen Urlaub.

BILDER »
Weitere Bilder finden Sie in der Bildergalerie

ADELHEIDSDORF. Eigentlich haben die Kempkens schon zweimal dasselbe erlebt: Zweimal wurden die Betriebsflächen durch den Bau einer Umgehungsstraße zerschnitten. Einmal in Alpen am Niederrhein. Hier wurde die Bundesstraße 58 gebaut. Und einmal in Adelheidsdorf im Kreis Celle. Hier ist es die B 3. „Jedes Mal ist unser Betrieb stark beeinträchtigt worden“, stellt Gerd Kempken fest und bedauert, dass der Bau der neuen B 3 an der Braunschweiger Straße ins Stocken geraten ist: „Eine Straße, die nicht zu Ende gebaut wird und in einem Stumpf endet, ist eine Katastrophe.“ Insofern wundert es Kempken nicht, dass viele Proteste von betroffenen Anliegern laut werden. „Wenn die Umgehungsstraße nicht zu Ende gebaut wird, will ich auch mein Land zurück.“ Immerhin zerschneidet die neue Bundesstraße im Bereich Adelheidsdorf die rund 77,5 Hektar Acker- und Grünlandflächen von Gerd Kempken. „Da müssen wir über die ‚Fahrradbrücke‘, um an unsere Flächen zu gelangen, und die ist viel zu schmal“, so Kempken. Gemeinsam mit seinem Nachbarn Thomas Meldau hat er protestiert. „Wenn sich da zwei Landmaschinen begegnen, ist Feierabend.“ Die Fahrspur ist 3,50 Meter breit. Zu schmal für die modernen Landmaschinen mit einer Spurbreite von 3,30 Metern. Zwei Ausweichbuchten sollen beim Begegnungsverkehr helfen.

Damals hätten seine Eltern Hofangebote von der Eifel bis nach Fehmarn gehabt und sich schließlich für die Hofstelle in Adelheidsdorf entschieden. Mit Milchvieh, Bullenmast und Ackerbau hätten Gerhard und Waltraud Kempken den Betrieb bewirtschaftet.

Dabei sind Marita und Gerd Kempken durchaus mit ihrer jetzigen betrieblichen Situation zufrieden, denn aus der einstigen Anbindehaltung in Alpen haben sie hier einen Boxenlaufstall für die 60 Kühe geschaffen. Mit viel Licht, Luft und Sonne für die Tiere. „Der Tierschutz hat für uns schon immer Priorität gehabt“, sagt Kempken. Er ist sich sicher, dass sich viele Haltungsformen bei Tieren ändern werden. „Das Tierwohl muss eindeutig Vorrang haben.“ Entsprechend ruhig und entspannt geht es auf dem Hof zu. „Die Kühe chillen in der Sonne“, zeigt Kempken auf die Schwarzbunten in dem offenen Stall. „Schöner kann es nicht sein.“

Die Milch geht direkt an die Frischli-Werke in Rehburg-Loccum, und die männliche Nachzucht wird im Alter von rund zwei Wochen zur Bullenmast verkauft. „Wir füttern nur unseren eigenen Mais“, sagt Kempken. Darüber hinaus werden zwei Biogasanlagen im engeren Umkreis mit Energiemais und dem zweiten und dritten Grasschnitt versorgt.

Gerd und Marita Kempken zucken leicht mit der Schulter: „Was sollen wir machen?“. Offenbar sind sie die letzte Generation, die von der Landwirtschaft auf ihrem Hof in Adelheidsdorf leben kann. Die Töchter Ellen und Ilona haben sich anders orientiert, die Eltern leben in ihrem Altenteil und Gerd (52) und Marita Kempken (47) tragen die Alleinverantwortung. Sie stehen morgens um halb Sechs auf, um die 60 Kühe zu melken. Sie melken morgens und abends.

Wenn sie es zeitlich können, helfen die Töchter Ellen und Ilona gern mit im Betrieb. Aber Ellen (24) hat nach der Fachoberschule Gestaltung in Celle Zahntechnikerin gelernt und ist ihrer künstlerischen Ader gefolgt. Sie hat sich in Sachen Design fortgebildet und betreibt nebenberuflich ein Nagel-Design-Studio. Schon beim Girls Day 2004 hat sie auf dem elterlichen Hof die Transportkarre für die gelben Müllsäcke mit einer lilafarbenen schwarzbunten Kuh künstlerisch gestylt.

Ihre Schwester Ilona ist zurzeit Industriekauffrau-Auszubildende bei der Celle-Uelzen-Netz GmbH in Celle. „Ich denke, dass ich nach meiner Ausbildung ein Auslandsjahr in England einlegen werde“, überlegt die 21-Jährige.

Marita Kempken fährt nach dem täglichen Melken nach Burgdorf, denn dort hat sie als staatlich geprüfte Ökotrophologin eine Halbtagsstelle als Hauswirtschafterin beim Bistum Hildesheim angenommen. „Das gefällt mir sehr gut dort“, sagt die Bäuerin, die selbst auch von einem landwirtschaftlichen Betrieb kommt. „Den Hof müssen wir zwei bewältigen“, sagt Marita Kempken zu ihrem Mann und ergänzt, dass es so sein wird, dass sie voraussichtlich die letzte Generation sein werden, die den Hof bewirtschaftet. „Dass wir gesund bleiben und finanziell über die Runden kommen“, ist der Zukunftswunsch der Landwirtin. „Die Gesundheit ist ganz wichtig.“

Als Spagat zwischen Arbeitsfalle und Lebensqualität bezeichnet Gerd Kempken die Notwendigkeiten des Betriebes. Ständig müsse entschieden werden, ständig nähme die Elektronik der Landmaschinen immer größeren Raum ein, sagt er. Da sei ihm ganz angenehm, dass er mit dem Werkzeughersteller Würth seit fünf Jahren Workshops veranstalten kann. „Was für die Frauen Tupperabende, sind für uns Männer die Werkzeugtage“, sagt der gelernte Landmaschinenmechaniker. „Die Werkzeugtage sind für Berufskollegen aus dem Kreis Celle auf unserem Hof. Demnächst treffen wir uns bereits zum zehnten Mal.“ Alle halbe Jahre kommen bis zu 30 Landwirte in der großen Maschinenhalle mit den sauberen grünleuchtenden Traktoren zusammen, um sich über Bewährtes und Neues auszutauschen. Von A, wie Anhängerkupplung bis Z, wie Zündkerzen hat Kempken sowieso fast alles in seinem eigenen kleinen Lager. Das wissen die Kollegen aus dem Umkreis und freuen sich schon auf das nächste Treffen.

Lothar H. Bluhm

Lothar H. Bluhm Autor: Lothar H. Bluhm, am 01.11.2013 um 16:15 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Tenor Jonas Kaufmann feiert Comeback in Paris

Paris (dpa) - Startenor Jonas Kaufmann (47) feiert in Paris nach mehrmonatiger Pause sein Comeback. Der gebürtige Münchner wird am Mittwochabend in der Opéra Paris die Titelrolle in «Lohengrin» von Richard Wagner singen. ...mehr

Von Berlin nach Brooklyn: «Homeland» kehrt zurück

Washington (dpa) - Terror, Geheimdienste, Verschwörungen und persönliche Dramen: Die preisgekrönte US-Serie «Homeland» geht an diesem Sonntag zum sechsten Mal an den Start. Statt des internationalen Terrorismus stehen dieses Mal die Folgen des Anti-Terror-Kampfs in den USA selbst im Fokus. ...mehr

Engpass bei Antibiotika in Celle

In China explodiert eine Fabrik und deshalb gehen in Deutschland die Antibiotika aus: Ein Szenario, wie aus einem Hollywoodfilm, das sich zurzeit in deutschen Krankenhäusern und Apotheken abspielt. Auch das Allgemeine Krankenhaus in Celle (AKH) war davon betroffen. ...mehr

Trends 2017: Was angesagt sein könnte

Berlin (dpa) - Von den Trends 2016 - etwa 80er-Jahre-Mode, Craft Beer oder Einhörnern - bleibt vieles auch in diesem Jahr vorerst «in». Was darüber hinaus 2017 angesagt sein könnte: Phänomene, Begriffe, Orte, Trends und Leute - alphabetisch geordnet: ...mehr

Leichtathletik-WM und Confed Cup 2017 im Fokus

Frankfurt/Main (dpa) - Der heiße Sportsommer 2016 ist vorbei, im kommenden Jahr warten große Generalproben auf die Sportler. ...mehr

Celler Gastronomie stellt Berufe vor

„Wir treiben`s bunt“ – unter diesem Motto stellen sich am 20. Februar namhafte Hotels und Gastronomiebetriebe aus der Region und darüber hinaus in der Congress Union vor. 17 Unternehmen bieten bei der Veranstaltung auch Bewerbungsgespräche für Ausbildungsstellen an. ...mehr

DSV-Adler hoffen auf Tournee-Überraschung

Oberstdorf (dpa) - Bei Ente mit Maronenpüree stärkte sich Severin Freund an den Weihnachtstagen für die erste sportliche Herkulesaufgabe im WM-Winter. ...mehr

Wie Wissenschaftler Silvester feiern

Berlin (dpa) - Experimente und Tabellen statt Bleigießen und Fondue: Viele Forscher verbringen den Jahreswechsel an ihrem Arbeitsplatz - in 400 Kilometern Höhe zum Beispiel oder bei garantiert strahlendem Sonnenschein in der Antarktis. Drei Beispiele: ...mehr

Anzeige
11.01.2017

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anm. und E-Paper lesen
» Jetzt neu registrieren

Sie können aber vorab auch gern einmal kostenlos unsere Probe-Ausgabe durchblättern.

» Probe-Ausgabe ansehen
THEMENWELT »
AKTUELLES »

Ära Ecclestone beendet - F1-Geschäftsführer entmachtet

London (dpa) - Die Ära Bernie Ecclestone ist nach mehr als 40 Jahren in der Formel 1 beendet. Der neue…   ...mehr

Trotz WM-Alptraum: DHB hält an Gold-Projekt fest

Paris (dpa) - Schon im Morgengrauen verließen die frustrierten Bad Boys die Stätte ihres WM-Alptraums.…   ...mehr

Indirekte Syrienverhandlungen zur Stärkung der Waffenruhe

Astana (dpa) - Mit harten Worten haben die Vertreter der Regierung und der Rebellen die Syriengespräche…   ...mehr

Streit um Unterhaltsvorschuss beigelegt

Berlin (dpa) - Bund, Länder und Kommunen haben sich nach langem Hin und Her auf die Finanzierung des…   ...mehr

Erneuter Transfercoup: BVB holt «Wunderknabe» Isak

Dortmund (dpa) - Borussia Dortmund ist erneut ein Transfercoup gelungen. Im Poker um Alexander Isak…   ...mehr

Nach Terrorfestnahmen: Keine Indizien für baldigen Anschlag

Neuss/Wien (dpa) - Nach der Festnahme von zwei Terrorverdächtigen in Deutschland und Österreich haben…   ...mehr

EU-Experten: Merkel Zielscheibe aggressiver Propaganda

Brüssel (dpa) - Bundeskanzlerin Merkel steht nach Ansicht von EU-Experten im Visier gezielter Desinformationskampagnen.…   ...mehr

SPD-Spitzentreffen zur K-Frage - was will Gabriel?

Berlin (dpa) - Der Druck auf Sigmar Gabriel wächst: Die engere Parteiführung der SPD will an diesem…   ...mehr

Rod Stewart amüsiert schottische Fußball-Fans

Airdrie (dpa) - Rocksänger Rod Stewart hat mit einem unterhaltsamen TV-Auftritt bei der Auslosung zum…   ...mehr

Gambias Ex-Präsident hat keine Amnestie bekommen

Banjul (dpa) - Gambias entmachteter Präsident Yahya Jammeh hat vor seiner Flucht ins Exil keine Zusicherung…   ...mehr
SPOT(T) »

Mahlzeit

Wenn ich fliege, freue ich mich häufig über den kleinen Snack, den es bei… ...mehr

Chefsache

Wenn sich einer auf den anderen verlässt, geht es meistens schief. Beim Fußball… ...mehr

Feingefühl

Eine beheizbare Tastatur wäre toll. Morgens flitzen meine Finger nämlich… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG