Celler diskutieren über Wolf in der Heide

Ernst Ahrens aus Roxhüllen fragte, wann denn der Braunbär wieder in unseren Wäldern auftaucht. Damit erzeugte er zahlreiche Lacher. CZ-Redakteur Andreas Babel fing Stimmen im voll besetzten Berger Stadthaus ein. Dabei ging es bisweilen hoch her. Foto: Benjamin Westhoff

Nein, sonderlich willkommen ist der Wolf im Landkreis Celle nicht. Das wurde am Dienstagabend bei der Podiumsdiskussion der Celleschen Zeitung im Berger Stadthaus deutlich. Viele haben Angst: Gastgeber vor Einbrüchen im Tourismus-Geschäft, Schafhalter, dass sie alleine gelassen werden mit dem Problem, ihre Herden zu schützen, und Reiter und Hundehalter ganz direkt vor dem Raubtier.

BILDER »
Weitere Bilder finden Sie in der Bildergalerie
VIDEOS »

BERGEN. Der Wolf ist heute mit etwa zehn Tieren im Landkreis Celle vertreten. Das hätten selbst Experten vor sieben Jahren nicht gedacht. Und die Rückkehr des Raubtieres wirft Fragen auf. Unglaubliche Gerüchte ranken sich um den Wolf. Die Podiumsdiskussion der CZ im Berger Stadthaus sollte zur Versachlichung des Themas beitragen. Eines ist nach Dienstagabend klar: Nur knapp ein Fünftel der anwesenden 490 Besucher betrachten den Wolf als ganz normales Tier in unseren Wäldern. Der Andrang zu diesem Infoabend war so gewaltig, dass der restlos gefüllte große Saal niemanden mehr aufnehmen konnte. Einige Interessierte mussten draußen bleiben.

Sehr kompetent versuchte Wolfsbeauftragte Britta Habbe die direkten Ängste einiger Besucher vor dem Raubtier zu nehmen. Einer besorgten Reiterin und Hundehalterin sagte die Chefin von 46 niedersächsischen Wolfsberatern, dass selbst vom Pferd gestürzte und verletzte Menschen „nicht zum Beuteschema des Wolfs passen“. Ein Hund, der in Wald und Heide nah bei seinem Herrchen bleibt, habe ebenfalls nichts von Wölfen zu befürchten. Es habe bislang einen einzigen Fall in Deutschland gegeben, bei dem ein Jagdhund sich vor einem Wolf aufgebaut hat. Die folgende Auseinandersetzung überlebte der kleine schwer verletzte Terrier nicht. „Über 96 Prozent des Beutetierbereichs des Wolfs sind die großen Huftierarten“, sagte Habbe. Und: „Wölfe sehen Menschen nicht als Beute an. Das war vielleicht in anderen Ländern zu anderen Zeiten einmal anders.“

Keinen leichten Stand hatte der Vertreter des Niedersächsischen Umweltministeriums: Norbert Burget hatte rhetorische Probleme, seine Position zu verdeutlichen. Eines wurde aber klar: Das Publikum hatte wenig Verständnis für das nur äußerst schleppend vonstatten gehende Verfahren, in dem Entschädigungen für durch Wolfsbisse Betroffene geregelt werden sollen. Wie lange es noch dauert, bis aus dem von ihm mit ausgearbeiteten Entwurf eine verbindliche Regelung wird, vermochte er nicht zu sagen. Eines wusste er aber schon jetzt: „Es funktioniert nicht, dass das Land allen Tierhaltern alle Schutzzäune bezahlt.“

Die Schafzüchter fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen. Das betonte Mathias Brockob vom Landesschafzuchtverband. Er berichtete davon, dass einzelne Herdenbesitzer schon die Zucht eingestellt hätten und prognostizierte, dass seltene Schafrassen aussterben werden. „Das angestrebte Verfahren beinhaltet einen bürokratischen Aufwand für den Züchter. Zudem kann nur der, der 2000 Euro für Schutzzäune investiert, 200 Euro an Zuschuss erhalten“, wies Brockob darauf hin, dass ein Mindestbetrag bei den Investitionen vorgesehen sei. „Bis heute ist vom Umweltministerium nicht umgesetzt, uns ein bisschen zu zahlen, obwohl man sich seit sieben Jahren damit beschäftigt. Die Schafzüchter haben in diesem Jahr 100.000 bis 150.000 Euro für zusätzlichen Schutz vorm Wolf aufgewandt“, sagte Brockob.

Kreisjägermeister Hans Knoop ist ein Mann klarer Worte. „Wir sollten die Füße still halten und das beobachten. Wenn Dinge entstehen, die an Grenzen gehen, dann muss man tätig werden.“ Andererseits sagte er aber der Zuhörerschaft im Hinblick darauf, ob man die Jagd auf den Wolf bisweilen freigeben solle: „Wenn Sie es wünschen, dann müssen Sie an die Politik gehen und Druck ausüben!“

Zahlen und Fakten gab es von Britta Habbe zur Genüge: Die Wölfe fräßen in unserer Region bei weitem nicht so viel Wild, dass für die Jagd nichts übrig bleibe. Pro Jahr fresse ein Rudel Wölfe zwei Stück Wild pro 100 Hektar. Da ein Rudel ein bestimmtes Territorium (in der Größe von 20.000 bis 30.000 Hektar) bejage, kommt man auf 400 bis 600 durch ein Wolfsrudel getötete Huftiere im Jahr.

Elisabeth Meyer aus Lutterloh, Dieter Heine (Seniorchef des „Celler Tors“ in Groß Hehlen) und Hans-Heinrich Brammer (Seniorchef des Hofs Severloh) machen sich Sorgen, dass die Berichte über Wolfsrisse Touristen und Reitsportler abschrecken könnten. Bislang sei davon aber noch nichts zu spüren, sagten sie übereinstimmend. Sie wiesen darauf hin, dass ihnen erhebliche Umsatzeinbußen beschert werden könnten: Der Wolf ist eben kein Sympathieträger und kein Aushängeschild.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 11.12.2013 um 19:15 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Alter Hof Groß Ottenhaus bei Celle wird Raub der Flammen (mit Kurzvideo)

Der uralte Hof Groß Ottenhaus hat Katastrophen wie den Dreißigjährigen Krieg überstanden, durch Jahrhunderte Wind und Wetter getrotzt, Generationen von Menschen eine Heimat gegeben, zuletzt abseits befahrener Wege im Dornröschenschlaf geschlummert – im Morgengrauen wurde er am Mittwoch zum Großteil… ...mehr

Meerforellenjäger made in Celle

Auf der schwedischen Ostsee-Insel Öland gibt es jede Menge zu entdecken. Sie ist ein Traumziel für Badetouristen, Naturliebhaber, Gourmets und Angler. Und manchmal wartet Öland mit Entdeckungen auf, die verbüffen. Zum Beispiel mit schwedischen Cellern, die nicht wissen, dass sie Celler Wurzeln haben… ...mehr

Buchmesse: Innovatives und Politisches zum Auftakt

Frankfurt/Main (dpa) - Digitale Branchen-Neuheiten sowie politische Reizthemen: Das war der erste Tag der Frankfurter Buchmesse. Die weltgrößte Bücherschau hat am Mittwoch unter strengen Sicherheitsvorkehrungen begonnen. ...mehr

Zehn Jahre nach Hambüchen: Schäfer nach Triumph überwältigt

Montreal (dpa) - In der Hotellobby wurde erst einmal mit Orangensaft angestoßen, aber auch Stunden später in der Diskothek im Alten Hafen von Montreal hatte Pauline Schäfer ihren Sensationserfolg am Schwebebalken noch nicht verarbeitet. ...mehr

Schäfer holt überraschend WM-Gold - Tabea Alt gewinnt Bronze

Montreal (dpa) - Pauline Schäfer hatte schon kurz nach ihrem grandiosen Auftritt Tränen in den Augen. ...mehr

Eli Seitz nach Platz fünf am Stufenbarren glücklich

Montreal (dpa) - Am Ende eines «verrückten Jahres» verriet Elisabeth Seitz nach dem besten WM-Ergebnis ihrer Karriere erstmals ihr heimliches Ziel. ...mehr

Celler bei Hamburger Ruderregatta erfolgreich

Ein erfolgreiches Wochenende liegt hinter den Ruderern des Celler Rudervereins, des Vereins Hermann Billung Celle und des Ruderclubs Ernestinum-Hölty. Bei der 540. Hamburger Ruderregatta mit Jungen- und Mädchenregatta und den Norddeutschen Meisterschaften fuhren die drei Celler Vereine auf der 1000-Meter-Strecke… ...mehr

Tabea Alt und Elisabeth Seitz tragen WM-Hoffnungen

Montreal (dpa) - Bei Olympia erkämpften sie mit Rang sechs die beste Team-Platzierung deutscher Turnerinnen seit 28 Jahren, nun will das Quartett in Montreal auch bei der WM seine Fortschritte unter Beweis stellen. ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
18.10.2017

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Erste Schritte auf dem Weg nach Jamaika mit «gutem Gefühl»

Berlin (dpa) - Dreieinhalb Wochen nach der Bundestagswahl haben in Berlin die Gespräche zur Bildung…   ...mehr

Sachsens Regierungschef Tillich wirft nach Wahlschlappe hin

Dresden (dpa) - Sachsens Ministerpräsident und CDU-Chef Stanislaw Tillich schmeißt hin: Dreieinhalb…   ...mehr

Kapitulation nach Bürki-Patzer: BVB schreibt K.o.-Runde ab

Nikosia (dpa) - Die Körpersprache von Roman Bürki verriet mehr als tausend Worte. Mit gesenktem Kopf…   ...mehr

Jérôme Boateng muss 300 000 Euro an Makler zahlen

München (dpa) - Der Fußball-Weltmeister Jérôme Boateng muss einer Immobilienfirma 300 000 Euro…   ...mehr

Xi Jinping träumt von China als Weltmacht

Peking (dpa) - Mit dem Aufbau eines starken Chinas will Staats- und Parteichef Xi Jinping den «chinesischen…   ...mehr

Trumps Einreisestopp wieder blockiert

Washington (dpa) - Zum dritten Mal hat ein US-Gericht die Pläne von Präsident Donald Trump durchkreuzt,…   ...mehr

Christie's versteigert Objekte aus Joop-Sammlung

London (dpa) - Eine Versteigerung von Designobjekten und Kunstwerken aus der Sammlung des Modemachers…   ...mehr

Ankara verlangt von Ukraine Auslieferung eines Deutschtürken

Berlin (dpa) - Ein weiterer Deutschtürke ist auf Veranlassung der Türkei im Ausland festgenommen worden.…   ...mehr

Referee-Streit Fall für die Ethik-Kommission

Frankfurt/Main (dpa) - Nach dem Krisengespräch über den Streit zwischen Manuel Gräfe und der Schiedsrichter-Chefetage…   ...mehr

Von der Leyen verteidigt Waffenhilfe für Kurden im Nordirak

Berlin/Bagdad (dpa) - Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat die umfassende militärische…   ...mehr
SPOT(T) »

Rekordjagd

Manch einer schafft es mit den längsten Wimpern der Welt, ein anderer mit… ...mehr

Retro-Look

Jetzt müssen wir mal Klartext reden, meine Herren. Ich bin mir sicher, Sie… ...mehr

Pumpenwürger

Um die Ausscheidungsorgane nach dem Stuhlgang zu reinigen, gibt es Toilettenpapier.… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG