Aus der Frühzeit des Automobils und vom ersten Verkehrstoten bei Celle

Dieses Denkmal in Altenhagen erinnert an den ersten Verkehrstoten in Niedersachsen. Foto: Adolf Meyer

Vor 100 Jahren war das Automobil noch – zumal auf dem Lande – eine Besonderheit. Auch in der Folgezeit konnte sich zunächst noch längst nicht jeder ein solches Gefährt erlauben. Bis zum Ersten Weltkrieg war offenbar vielen Zeitgenossen durchaus nicht bekannt, wie so ein Fahrzeug überhaupt funktionierte.

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Vor 100 Jahren war das Automobil noch – zumal auf dem Lande – eine Besonderheit. Auch in der Folgezeit konnte sich zunächst noch längst nicht jeder ein solches Gefährt erlauben. Bis zum Ersten Weltkrieg war offenbar vielen Zeitgenossen durchaus nicht bekannt, wie so ein Fahrzeug überhaupt funktionierte.

Viele Millionen Autos rollen Tag für Tag über unsere Straßen. Kaum eine Erfindung hat in den letzten 100 Jahren unsere Welt so nachhaltig verändert wie das Automobil. Es wurde zu unserem ständigen Begleiter im beruflichen wie privaten Leben. Vor 100 Jahren war es noch eine Besonderheit. Auch in der Folgezeit konnte sich zunächst noch längst nicht jeder ein solches Gefährt erlauben. Bis zum Ersten Weltkrieg war offenbar vielen Zeitgenossen durchaus nicht bekannt, wie so ein Fahrzeug überhaupt funktionierte.

So brachte zum Beispiel die Cellesche Zeitung am 18. Januar 19082 einen Bericht über das Gefährt, das mehr und mehr das Straßenbild beherrschte, um dem Leser die „komplizierte Maschinerie des Benzin-Automobils“ etwas vertrauter zu machen: Bekannt sei, dass man zum Betrieb des Fahrzeugs das leicht explosive Benzin benötige. Es werde in einem großen Blechbehälter ganz hinten am Wagen mitgeführt. Von dort werde es „in die vorn im Wagen vor dem Sitz des Chauffeurs befindliche Maschine geleitet.“ Darin befänden sich meist vier senkrecht stehende, unten offene Zylinder. In ihnen ginge ein luftdicht schließender Kolben wie bei Dampfmaschinen auf und ab. Diese Kolben setzten eine unter dem Wagen laufende Welle in Bewegung, durch die die Kraft auf die Achse der Hinterräder übertragen werde.

Vor der Fahrt
Kurbel bedienen

Der Motor konnte damals noch nicht mit einem einfachen Knopfdruck gestartet werden. Um ihn in Gang zu setzen, musste eine Kurbel am Kopf des Fahrzeuges mehrmals kräftig gedreht werden. Um die Geschwindigkeiten während der Fahrt zu regeln, brauchte man verschieden große Zahnräder. Für den Bremsvorgang hatte man 1908 schon zwei Bremsen: eine Fußbremse für die Vorderräder und eine Handbremse für die Hinterräder. Um ein Glühendlaufen der Räder beim Bremsen zu verhindern, ließ man Wasser darüber laufen. Der Verfasser dieses Zeitungsberichts von 1908 schließt seine Betrachtung mit dem Hinweis, beim Automobil handele es sich in der Tat um ein technisches Wunderwerk

In einem Lexikon4 jener Jahre wird das Automobil folgendermaßen beschrieben: „Automobil. Kraftwagen, Selbstfahrer, ein durch einen Benzin- (seltener Spiritus-) oder Elektromotor betriebener Wagen. Der Benzinmotor hat 4 oder 6 Zylinder, läuft mit hoher Umdrehzahl und ist aus bestem Material gebaut, kann daher zur Verminderung des Wagengewichtes sehr leicht gehalten werden. Zu gleichem Zwecke ist für den Motorrahmen das leichte Aluminium verwendet. Der elektrische Motor wird aus einer Akkumulatorenbatterie von sehr gedrängter Bauart gespeist. Automobile finden viel Verwendung als Personen- und Lastfuhrwerke bei Privaten und Behörden (Post, Militär). Die Betriebskosten sind zwar größer als bei Pferdewagen, doch wird an Unterkunftsraum gespart, die Automobile sind auch obendrein leistungsfähiger und schneller (erreicht sind bis 160 km Geschwindigkeit in der Stunde). Bei Unachtsamkeit des Lenkers (Chauffeurs) wie des Publikums kann die hohe Fahrgeschwindigkeit zu Unfällen führen. Daher ist der Verkehr mit Kraftfahrzeugen durch ein Gesetz vom Mai 1909 und durch Polizeiverordnungen geregelt, welche die Prüfung des Fahrers und der Sicherheitsvorrichtungen des Automobils und die höchst erlaubte Geschwindigkeit vorschreiben. Die Automobil-Industrie ist in Deutschland sehr umfangreich und beschäftigt Tausende von Arbeitern.“

Am Beispiel der Firma Opel1, die seit gut 150 Jahren in Rüsselsheim bei Frankfurt besteht, soll hier kurz aufgezeigt werden, wie sich die Entwicklung in den frühen Jahren des Automobils vollzog. Als sich Adam Opel 1862 nach fünfjähriger Wanderschaft in dem damals noch dörflichen Rüsselsheim, seinem Geburtsort, als Schlossermeister niederließ, war das Auto noch gar nicht erfunden. Als er sich nun selbstständig machte, produzierte er aber zunächst das, was er in Paris kennengelernt hatte: nämlich Nähmaschinen.

Die Anregung, sich mit der Herstellung von Fahrzeugen zu befassen, kam von seinen fünf Söhnen. Sie zeigten einen gewissen sportlichen Ehrgeiz mit dem Fahren auf den damals aufgekommenen Hochrädern. Da das angesichts der Höhe nicht ganz ungefährlich war, konstruierte er nach englischem Vorbild sogenannte Niederräder. Er propagierte sie als sogenannte „Sicherheitsfahrräder“, und als sie ab etwa 1890 mit dem von Dunlop erfundenen Pneumatikreifen ausgestattet werden konnten, wurden Opel-Fahrräder zu einem Welterfolg. Als Adam Opel 1895 starb, hinterließ er seiner Familie die damals größte Fahrradfabrik der Welt.

Opel-Fahrräder
sind gefragt

Das einst schwerfällige „Velociped“ war inzwischen leichter und handlicher geworden. Durch die Serienherstellung konnte es immer preiswerter angeboten werden und kam mehr und mehr „unter das Volk“. Die im Jahre 1890 gebauten 2000 Fahrräder kosteten noch rund 400 Mark, die 1900 angefertigten 15.000 nur noch knapp 150 Mark. Eine Generation später produzierte Opel jährlich 300.000 Fahrräder.

1897 wollte der Dessauer Mechaniker Lutzmann der Familie Opel seinen neuen Motorwagen vorführen und landete dabei mit donnerndem Krachen fast in der Opelschen Waschküche. Sophie Opel sah in dem Gefährt daraufhin nur „einen Haufen altes Blech“. Ihre Söhne erkannten aber blitzschnell: Hier bot sich eine neue Möglichkeit der Produktion. Noch im gleichen Jahr rollte der erste „Opel-Patent-Motorwagen, System Lutzmann“ vom Fabrikhof in Rüsselsheim. Opel baute nun Autos. Hatte Lutzmann sich bei seiner Konstruktion noch auf einen Zylinder beschränkt, ging man bald zum Zweizylinder über, damit der Motor stärker wurde und man mehr als nur zwei Personen befördern konnte. Dann erhielt der anfangs offene Kraftwagen zum Schutz der Insassen einen geschlossenen Kastenaufbau. Der Wagen besaß außer zwei Vorwärtsgängen schon einen Rückwärtsgang; auch Leerlauf war bereits möglich. 1898 kostete das Auto mit Vollgummireifen 2630 Mark, mit luftgefüllten „Pneumatics“ 2900 Mark.

Das neue Jahrhundert machte dann das neue Motorfahrzeug eigentlich erst zu dem, war wir heute unter einem Automobil verstehen: Der Motor wurde vorn angebracht, echte Karosserien entstanden, das Lenkrad ersetzte die Lenkkurbel, die Federung wurde verbessert. Natürlich wurde auch der Motor selbst weiterentwickelt. Das Gesicht konnte von 100 Kilogramm je PS auf 10 Kilogramm je PS verringert werden. Wasserkühlung und Magnetzündung erleichterten die Handhabung, die ledernen Treibriemen wurden durch Ketten, Zahnräder, Kupplung und Kardanwelle ersetzt. Aus der Motorkutsche war ein Automobil geworden.

Die Lutzmann-Konstruktion, mit der man angefangen hatte, war bald überholt. Man nahm Kontakt zu Renault und vor allem zu dem französischen Wagenbauer Darracq auf und konnte 1902 wieder ein eigenes Modell auf den Mark bringen, diesmal mit einer Kardanwelle. Mit diesem Fahrzeug war der Durchbruch erneut gewonnen.

1000. Fahrzeug ist
ein Opel Phaeton

Das 1000. Fahrzeug aus Rüsselsheim war 1906 ein Phaeton, das mit 60 Stundenkilometern durch das Land „raste“. Die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge aus Rüsselsheim machte das Automobil allgemein beliebt.

Dennoch gab es auch noch mancherlei Ablehnung. Im Reichstag erklärte ein Abgeordneter Autos für einen „Schrecken der Menschheit“, und ein Minister lehnte einem Landrat, der ein Auto als Dienstwagen anschaffen wollte, als „nicht angemessen“ ab. Aber der Siegeszug des Automobils war nicht aufzuhalten.

1911 brannte fast de gesamte Opel-Fabrik brannte ab. Man entschied sich beim Wiederaufbau, auf die Fabrikation von Nähmaschinen nun zu verzichten. Dann kam der viertürige Opel-Torpedo mit 6/16 PSW heraus. Er fuhr 65 Stundenkilometer und kostete 5750 Mark. Für 4200 Mark gab es auch einen Zweisitzer mit rückwärtigem Notsitz. Wegen seines „schnuckeligen“ Äußeren wurde dieses Auto auch „Puppchen“ genannt. Inzwischen hatte man in Rüsselsheim das 10.000. Auto gebaut.

Opel machte sich auch durch seine Rennwagen und nach dem Ersten Weltkrieg mit dem ersten Raketenfahrzeug einen Namen. Einige Versuchsfahrten fanden in unserer nächsten Heimat statt: auf der „Hasenbahn“ bei Großburgwedel.

Schon bei den ersten Rennen hatten die Erbauer auf die Gefahren hingewiesen, die die jetzt zu erzielenden Geschwindigkeiten im Straßenverkehr mit sich brachten. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann es zu einem tödlichen Unfall kommen würde. Für Niedersachsen ist dieses Ereignis dokumentiert durch einen Gedenkstein in der Nähe von Celle an der B 191.

Hier kam es am Vormittag des 21. April 1908 zu einem Unfall3. Zunächst hieß es nur, bei Altenhagen sei der Landeshauptmann Dr. Lichtenberg mit seinem Auto verunglückt. Er sei aus dem Wagen geschleudert und habe sich ein Bein gebrochen. Tags darauf wusste man ergänzend zu berichten, dass Lichtenbergs Chauffeur keine Schuld treffe. Er habe einem Heuwagen auszuweichen versucht. Dabei habe die Steuerung des Wagens versagt und das Auto sei gegen einen Baum geprallt. Lichtenberg sei mit dem Kopf in die Frontscheibe des offenen Fahrzeugs geschleudert, die Beine gegen den Vordersitz. Ein Tierarzt, der zufällig des Weges kam, leistete Erste Hilfe und sorgte für den Transport ins Celler Krankenhaus.

Am folgenden Tag wurde Lichtenberg ins Clementinenhaus in Hannover gebracht. Zunächst schien alles auf eine Besserung hinzudeuten. Dann traten aber Entzündungen am Bein auf. Bei der erforderlichen Operation starb Lichtenberg an Herz- und Lungenversagen. Nach einer Trauerfeier im Ständehaus in Hannover wurde er am 25. Mai 1908 unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit auf dem Engesohder Friedhof beigesetzt.

Da es sich bei Lichtenberg um ein prominentes Mitglied der Landesverwaltung handelte, erregte dieser erste Todesfall mit einem Auto die Öffentlichkeit besonders. Er wurde in der Presse ausführlich kommentiert. Am Ort des Unglücks wurde ein Denkstein gesetzt mit der Inschrift: „Hier verunglückte auf einer Dienstreise am 21. April 1908 der hochverehrte Landeshauptmann der Provinz Hannover Georg Lichtenberg. Dr. theol. Geboren am 26. März 1852. Gestorben am 21. Mai 1908. Ehre seinem Andenken.“ Die kleine Anlage um den Denkstein wird noch heute von der Niedersächsischen Landesstraßenbauverwaltung betreut und gepflegt.

Adolf Meyer

Quellen:

1. Kleine Parade berühmter Veteranen – 100 Jahre Opel, Rüsselsheim 1962

2. Cellesche Zeitung vom 18. Januar 1908

3. ebenda 21. und 22. April 1908; 23. und 26. Mai 1908.

4. Dennerts Konversations-Lexikon, 3. Auflage. Hannover 1910.

Adolf Meyer Autor: Adolf Meyer, am 26.12.2013 um 20:19 Uhr
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