Wölfe im Visier

Der am 18. Oktober 1851 im Wietzenbruch vom Hofjäger Friedrich Lewecke erlegte Wolf wurde präpariert und wanderte ins Provinzial-Museum. Foto: Wilhelm Pietzsch (1930) / Historisches Archiv der Fotokunde

Wölfe sind im Landkreis Celle wieder ein großes Thema geworden. Sie haben hier wieder ihr Zuhause gefunden und dringen jetzt im Zuge ihrer Wanderungen bis in den Südkreis vor. Jäger wollen Isegrim in Lichtfallen bei Dasselsbruch getappt wissen.

Wölfe kehren allmählich wieder in ihre alte Heimat zurück. Früher traten sie im Raum um Celle recht zahlreich auf, vor allem nach Kriegen, wie dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Damals hatten sie sich in der verwüsteten Lüneburger Heide breit gemacht und waren zur Geißel der Menschen, des Wildes und ganz besonders des im Wald gehüteten Viehes geworden. Im 17. Jahrhundert, der so genannten Wolfzeit, wurden daher zum Schutz der Untertanen Wolfsjagden durchgeführt, zu denen Jagdfolge zu leisten war und die teilweise erhebliche Strecken erbrachten. So wurden 1648/49 allein im Fürstentum Lüneburg noch 182 Wölfe, und zwar 58 alte und 124 junge, getötet. Mit so genannten Wolfsangeln hatte man die Raubtiere zudem außerhalb der Ortschaften zu ködern und aufzuspießen versucht.

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Wölfe in Niedersachsen regelmäßig ausgemacht und als Nahrungskonkurrenten bejagt. Zwar war Norddeutschland seit dieser Zeit weitgehend wolfsfrei; dennoch wurden laut dem Sachbuchautor Erich Hobusch beispielsweise im Jahre 1885 insbesondere in den östlichen Landesteilen noch 79 Tiere zur Strecke gebracht (davon 22 lebend gefangen). (1) Da waren Wölfe in Niedersachsen längst Geschichte. Der letzte Wolf im Wietzenbruch wurde 1851 bei Fuhrberg, der letzte Wolf in Niedersachsen 1872 bei Wardböhmen erlegt. Der vorerst letzte frei lebende Wolf in Deutschland kam im Jahre 1904 in der Lausitz zur Strecke.

Das Jahrbuch des Provinzial-Museums (heute: Niedersächsisches Landesmuseum) Hannover berichtete bereits 1906 über die letzten „verirrten“ und erlegten Wölfe in unserer Heimat: (2)

Im Harz wurde letzter Wolf 1797 geschossen

„Der Wolf. Canis Lupus L. Nachrichten über das Vorkommen des Wolfes liegen in Menge vor. Die vorletzten Harzwölfe wurden 1753, der letzte Wolf im Harz 1797 geschossen. Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts traten Wölfe gar nicht so selten im ebenen Hannover auf; 1824 wurde bei Ehra, 1839 (sic! 1838) bei Schönewörde, 1840 bei Walsrode, 1842 bei Nienburg, 1843 bei Rethem, 1851 im Wietzenbruche bei Fuhrberg, 1852 in der Goehrde je ein Wolf geschossen; letzterer steht gestopft im Jagdschloß, der Schönewörder und der Wietzenbrucher Wolf sind im Provinzial-Museum, der Ehraer ist im Besitz des Grafen Schulenburg-Wolfsburg. Noch viel später verirrten sich einzelne Stücke zu uns; ein 1870 bei Erpensen bei Wittingen geschossenes Stück besitzt Tierarzt Oelkers-Wittingen; in demselben Winter wurde bei Kakau bei Schnega noch einer geschossen. Der letzte nordwestdeutsche Wolf, ein sehr starker, silbergrauer Rüde, riß 1872 in der Raubkammer viel Schafe und wurde in demselben Jahre vom Förster Grünewald im Becklinger Holze bei Wardböhmen, Kreis Celle, erlegt. Sein Balg wurde zu einem Fußteppich verarbeitet, anstatt dem Museum zugewiesen zu werden. In Nordost- und Südwestdeutschland erscheint der Wolf als nicht sehr seltener Irrgast.“

Im Provinzial-Museum wurden die beiden Präparate von 1838 (dort erst 1881 erworben) und 1851 mit den Nummern 237 und 238 inventarisiert, sie sind dort heute nicht mehr vorhanden.

In den zu Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wieder tobenden Kriegswirren war die Jagd auf den Wolf schwer durchzuführen und wurde deshalb vernachlässigt. 1798 wurde der Wolf an verschiedenen Stellen ausgemacht. Der Königliche Jäger und spätere Oberförster Ernst Ludewig Schröter in Fuhrberg meldete dem Amt Neustadt, dass der Wolf wieder in das Amt Neustadt eingewechselt sei, und beantragte, sofort eine Jagd anzusetzen. Diese wurde von dem Amt auf den 5. Juli anberaumt. Von 1790 bis 1800 erlegte man noch im Ganzen drei durchstreifende Wölfe, und zwar bei Celle, dann im Amt Gifhorn und den dritten im Amt Winsen an der Luhe am 1. September 1798. (3)

Die „Zeitschrift für alle Freunde der Natur“ „Kosmos“ weiß zu berichten, dass im Jahr nach der Völkerschlacht bei Leipzig, 1814, ein Wolf bei Bleckmar (bei Bergen) ein Wolf erlegt worden sei. Offensichtlich war dies der erste der insgesamt 15 Einzelwölfe, die im 19. Jahrhundert in der Lüneburger Heide erlegt worden sind. (4)

Der von dem Heimatdichter und Jäger Hermann Löns (1866-1914) im Jahrbuch des Provinzial-Museums in Hannover für 1905/06 angegebene Abschuss eines Wolfes bei Ehra im Amt Knesebeck im Jahre 1824 erfolgte genau genommen durch den Revierförster Wilhelm Schrader, der für den Grafen von der Schulenburg arbeitete, am Morgen des 13. Dezember 1824 auf der Höhe 125 im Bockling. Der präparierte Wolf war als Sehenswürdigkeit auf einem Sockel unter einer Akazie im Park des Schlosses Wolfsburg bei Fallersleben zu bewundern. Bei dem Wegzug im Jahr 1942 nach Neumühle (Altmark) nahm Günther Graf von der Schulenburg-Wolfsburg die Trophäe mit, wo sie unter der russischen Besetzung verloren ging. (5)

Unter den Heerden von Lüneburg haust ein Wolf

Die in Stuttgart und Tübingen aufgelegte „Allgemeine Zeitung für das Jahr 1826“ vermeldete in ihrer Beilage Nr. 70: „Deutschland. Hannover, 3 März. (…) In der Amtsvogtei Winsen ward ein Wolf gespürt, und mehrere sollen im Mecklenburg’schen umherstreifen.“ Und in der Beilage Nr. 179: „Hannover, 20 Jun. (…) In den Wäldern, unter den Heerden von Lüneburg, haust jetzt ein Wolf, obgleich die große Jagd auf ihn gemacht worden. Er wird noch ein Abstreifer von der aufgewucherten Wolfsbrut aus den russischen Leichenfeldern seyn.“

Noch im 19. Jahrhundert trieben sich einzelne Wölfe auf dem Gebiet des Königreichs Hannover herum, von denen man annahm, dass sie von Osten herübergewechselt seien. Der letzte heimische Wolf in Norddeutschland wurde laut handschriftlichem Hinweis im Herbst 1820 im Brokenlander Gehölz am Vierkamp bei Neumünster in Holstein getötet. (6)

Im Frühjahr 1838 wurde der Wolf im Amt Meinersen gemeldet; er hatte im Uetzer Bruch ein Schwein gerissen. Im Sommer meldete die Amtsvogtei Eicklingen, dass ein Wolf, der schon im Winter gespürt worden sei, der aber seit vier Wochen seinen dauernden Aufenthalt hier zu haben scheine, großen Schaden angerichtet habe. Auf dem Hahnenmoor bei Müden an der Aller seien sogar bei Tage und in Anwesenheit des Schäfers sechs Schafe, bei Bröckel ein Fohlen des Interimswirtes auf dem Sohnemannschen Hof zu Schepelse im Wert von acht Pistolen und ein Fohlen des Kötners Suerburg zu Bröckel im Wert von sechs Pistolen zerrissen worden.

Nach Äußerung des Forstinspektors Johann Christian Schröter in Dannhorst (bei Wathlingen) würde nur dann zu erwarten sein, das Raubtier zu töten, wenn zwei Feldjäger in diese Gegend geschickt würden und vier bis sechs Wochen die Forsten durchstreiften. (7)

Einige Zeitungen berichteten nun von einer Wolfsjagd zwischen Schillerslage und Celle, an der immerhin über 3000 Menschen beteiligt gewesen sein sollen. So groß war das Interesse, das Raubtier aus dem Wege zu räumen. „Sundine“, ein in Stralsund aufgelegtes Unterhaltungsblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, berichtete in ihrer Beilage vom 18. Juni 1838, gleichlautend mit den „Neuesten Begebenheiten des Jahres 1838“:

„Am 1. Juni fand zwischen Schillerslage und Celle eine große Wolfsjagd statt, zu welcher sich nicht weniger als 200 Jäger eingefunden hatten, und zu welchem 3000 Treiber aus 6 Aemtern aufgeboten waren. Der Wolf aber hatte eine bessere Nase, als alle 3200 Menschen, die kein weiteres Vergnügen von der Sache gehabt hatten, als sich müde Beine zu holen. Niemand hat das Raubthier auch nur ein Mal gesehen, obschon es sich noch Tage zuvor bei Burgdorf aufgehalten haben soll.“

50 Thaler Belohnung für Erlegung ausgelobt

Der Wolf narrte die Menschen. In der Beilage zur „Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung“ vom 10. September 1838 verlautete:

Hannover, 7. Sept. In der Gegend von Meinersen und Eicklingen streift wieder ein Wolf, der bereits beträchtlichen Schaden angerichtet hat. Von der Landdrostei zu Lüneburg ist für die Erlegung dieses Raubthieres eine Belohnung von 50 Thlrn. zugesichert worden.

Erst einige Monate später wurde dieser Wolf erlegt. Der gehende Förster Vaeß, Träger der Waterloo-Medaille und Besitzer der Kriegs-Denkmünze für 1813, hatte das bei Schönewörde im Zuständigkeitsbereich der Oberförsterei Knesebeck am 26. Dezember 1838 zur Strecke gebrachte Tier übrigens eher zufällig bei einer Treibjagd auf Füchse erlegt. (8)

Am 17. Dezember 1843 leitete der für das Amt Rethem zuständige gehende Förster und Gogrefe August Ruschenbusch (1783-1874) aus Fulde (Walsrode) die Jagd auf den letzten großen Wolf im Bleckgehege bei Dreikronen und erhielt eine Prämie von 50 Talern dafür. (9)

Die „Allgemeine Forst- und Jagd-Zeitung“ berichtete 1869 von Ereignissen des Jahres 1845 im Bereich des Grinderwaldes bei Nienburg: (10)

„Im Jahre 1845 wiederholte sich abermals ein Wolfsbesuch in jener Gegend. Er war der letzte. Durch das Resultat der vorhergehenden Jagd gewitzigt, schlug man jetzt einen andern Weg ein; man wollte die Sache nicht wieder in dem großartigen Maßstabe betreiben. Man legte einen kleineren aber sicherer zum Ziele führenden an. Es wurden nur wenige Treiber und Schützen, aber um so zuverlässigere zur zweiten Auflage der Wolfsjagd erwählt. Das Mal klappte es besser. Das Terrain war am ‚Grinderwald’, nördlich vom ‚todten Moor’ gewählt worden. Der Wolf wurde glücklich erlegt und blieb fortan im Lande. Er wurde als seltene Jagdtrophäe in die Residenz Hannover gebracht, da abgehäutet und ausgestopft und erhielt seinen Platz im königlichen Forsthause, in dem eine Art Jagdmuseum untergebracht war. Er fand hier Gesellschaft von etlichen 20 anderen ausgestopften Gefährten, die früher in den Hannoverschen Landen, namentlich in den Lüneburger Heidegegenden und Moores, erlegt worden waren.“

Matthias Blatzek

(1) Ebenda.

(2) Löns, Hermann, Beiträge zur Landesfauna: 3. Hannovers Säugetiere, in: Jahrbuch des Provinzial-Museums zu Hannover, umfassend die Zeit 1. April 1905-1906, Druck von Wilh. Riemschneider, Hannover 1906, S. 33.

(3) Wildungen’s Taschenbuch für Forst- und Jagdfreunde von 1802, S. 101 und S. 109.

(4) Kosmos, hrsg. von der Gesellschaft der Naturfreunde, Franckh’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1959, S. 117.

5 Siehe den zugehörigen Kupferstich aus dem Jahre 1825 in: Jagd in der Lüneburger Heide, wie oben, S. 244. In Hermann Löns nachgelassenen Schriften (1928) heißt es S. 74, ein Wilddieb namens Weise habe 1824 den Wolf bei Ehra erlegt.

(6) Das Rödingsche Kabinett in Hamburg, ein „Museum für Natur und Kunst“, erhielt danach den ausgestopften Wolf. Hansen, Adolf Ulrich, Charakterbilder aus den Herzogthümern Schleswig, Holstein und Lauenburg, den Hansestädten Hamburg und Lübeck, Gustav Carl Würger, Hamburg 1858, S. 79.

(7) Ottens, Martin, „Die letzten Wölfe der Lüneburger Heide“, Aufsatz in: Der Speicher, Selbstverlag des Kreisausschusses Celle, Celle 1930, S. 503 f. Pistolen trugen den Nennwert von 5 Talern (doppelte und halbe waren entsprechend beziffert).

(8) Delfs, Jürgen, „Wölfe – verteufelt und verkannt“, in: Jagd in der Lüneburger Heide, Beiträge zur Jagdgeschichte, hrsg. v. Bomann-Museum Celle, Celle 2006, S. 244; Blazek, Matthias, „Förster Levecke erlegte in unserer Heimat 1851 den letzten Wolf“, Serie Geschichtliches aus den Ortsteilen der Gemeinde Adelheidsdorf, Wathlinger Bote vom 13. Juli 2013. Knesebeck gehört heute zum Landkreis Gifhorn.

(9) Schraube, wie oben, S. 314.

(10) M. v. E., „Die letzten Wolfsjagden in Norddeutschland“, in: Allgemeine Forst- und Jagd-Zeitung, hrsg. v. Prof. Dr. Gustav Heyer, Neue Folge, 45. Jahrg., Notizen, J. D. Sauerländer’s Verlag, Frankfurt am Main 1869, S. 262 f. Vgl. dazu: Kohl, J. G., „Am Steinhuder Meere, 9. Das todte Moor und die letzten Wolfsjagden in diesen Gegenden“, in: Bremer Sonntagsblatt, 10. Jahrg., Druck und Verlag von Heinrich Strack (auch Herausgeber), Bremen 1862, S. 196-198.

Fortsetzung im nächsten Sachsenspiegel

Matthias Blazek Autor: Matthias Blazek, am 05.02.2014 um 11:38 Uhr
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