57: An Celler Windmühlenstraße drehte sich alles um Öl und Gas

Waldemar Michalczyk, ehemaliger Mitarbeiter der Firma „Harling Mineralöle“, neben einem kleinen Auslieferungsfahrzeug Anfang der 1960er-Jahre. Foto: Sammlung Peter T. Harling

In unmittelbarer Nähe zum Celler Güterbahnhof sind schon seit Jahrzehnten die Firmen Itag und Harling tätig: Während die einen nach Öl und Gas bohren, vertreiben die anderen Mineralöle und beschäftigen sich mit Tankanlagen. Südlich der Windmühlenstraße hat sich das Bild in den vergangenen Jahren erheblich verändert.

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NEUENHÄUSEN. Hans Rothe (Jahrgang 1937) kennt die Neuenhäusener Ecke, die wir am vergangenen Sonnabend auf einem Luftbild aus den 1950er-Jahren gezeigt haben, schon aus den Kriegsjahren. Sein Vater Kurt war während des Krieges für die Bohrfirma Itag im österreichischen Zistersdorf im Einsatz. Nach 1945 war er als Meister in der Motorenwerkstatt tätig. Die war in einem länglichen Gebäude mit Fachwerk-Fassade neben einem großen Bohrturm beheimatet.

„Auf der anderen Straßenseite waren neben der Stuhlfabrik Kriegsgefangene von Itag untergebracht. Die wurden ganz gut behandelt und es stand auch keiner mit einer Pistole daneben, der die bewacht hätte. Unsere Nachbarn haben uns immer Essen gebracht und ich bin abends mit einem Rucksack voll losgegangen und habe den Kriegsgefangenen über den Zaun etwas angereicht. Die waren sehr dankbar dafür und haben mir einen herrlichen Dampfer aus Blech und sogar ein richtiges Kinderfahrrad gebaut. Nach dem Krieg sind sie gleich zu meiner Mutter und haben zu ihr gesagt: ,Frau Meisterin, sie haben uns immer gut behandelt‘“, erzählt Rothe.

Er selbst hat in den Jahren 1957 und 1958 kurz in der Maschinenschlosserei von Itag gearbeitet. Den Job hatte ihm sein Vater besorgt. Hier wurden die großen Dieselmotoren der Bohranlagen generalüberholt. „Ich bin damals zur See gefahren und kriegte nicht gleich ein Schiff“, erklärt Rothe diesen Umstand. Bis 1961 war er auf den Weltmeeren unterwegs, ehe er in Celle sesshaft wurde und später bei der Firma Christensen anheuerte.

Jürgen Schrader (Jahrgang 1941) hat bei der Firma Itag von 1958 bis 1961 seine dreieinhalb Jahre dauernde Lehre als Maschinenschlosser absolviert und anschließend bis zur Einberufung zur Bundeswehr als Facharbeiter gearbeitet. Die Lehrwerkstatt unter dem Altgesellen Karl Rabe ist hinter den beiden in Ost-West-Richtung befindlichen Werkhallen (Fertigung von Bohrgestängen und Stahlbauhallen-Fertigung) zu erkennen. Dahinter (in der oberen rechten Bildecke befand sich die Maschinenfabrik Gebrüder Hasselmann, Kronestraße. In der oberen Bildmitte sind zwei große Werkhallen zu erkennen. In der rechten befanden sich die damalige Dreherei und andere zerspanende Werkzeugmaschinen, sowie die Werkzeugmacherei und die Maschinenreparatur. Die linke Halle beherbergte einen Teil des Stahlbaues sowie den Maschinenbau und die Maschinen-Instandsetzung für Bohranlagen – wie Spülpumpen, Absperrschieber und Bohrkopf-Absperrungen – sowie die Schmiede (Hermann Schwenke). Auch die sehr bekannten Itag-Winden für Bohranlagen und Lkw-Tieflader (Bundeswehr) wurden hier gebaut. „Ich kann sagen, dass die Ausbildung bei der Itag sehr gut und vielseitig war, auch wenn wir damals nur ,Lehrlinge‘ und keine Azubis waren“, sagt Schrader.

Auch Johannes Plichta (Jahrgang 1953) hat bei der Firma Itag Maschinenschlosser gelernt: von 1969 bis 1972. „Wir waren 120 Lehrlinge in den dreieinhalb Jahren. Jedes Jahr wurden 30 bis 40 Lehrlinge eingestellt, von denen zehn behalten wurden. Ich war noch bis 1987 dort als Geselle tätig und habe Seilwinden und all das, was mit dem Bohren zusammenhängt, hergestellt“, sagt Plichta. Er denkt sehr gerne an die Zeit dort zurück: „Die Kollegen waren alle sehr nett. Das war noch von Mensch zu Mensch. Selbst die Meister hatten hier gelernt und wussten, worum es geht.“

Karl-Heinz Heitmann (Jahrgang 1936) hat von 1960 bis 1965 in der Güterabfertigung des mittlerweile aufgegebenen Celler Güterbahnhofs gearbeitet. „Wir haben bis an die Zonengrenze abgefertigt. Ein Annahmebeamter von der Eisenbahn war sogar bei der Firma Trüller, wo jeden Tag zehn bis elf Waggons abgefertigt und verbleit wurden. Vor dem Güterbahnhof ist das Trüllergleis zu erkennen. Auch die Firma Itag hatte ein Anschlussgleis, das vom Waldweg aus auf das Gelände führte, man kann auch einen Waggon auf dem Itag-Gelände auf dem alten Foto erkennen“, sagt Heitmann.

Heinrich Wirth (Jahrgang 1948) hat zu Beginn der 1970er-Jahre ein sechswöchiges Praktikum in der Lehrwerkstatt von Itag absolviert. „Es waren eigens zwei Lehrmeister für diese Werkstatt abgestellt. Ich habe anschließend Maschinenbau studiert und brauchte dieses Praktikum für das Studium“, erläutert Wirth. Er hat auch den Betrieb von Emil Ruhrmann, eine Autolackiererei, an der Kronestraße erkannt.

Barbara Bluhm (geborene Franke, Jahrgang 1953) hat von August 1969 bis August 1973 eine Lehre als Maschinenbauzeichnerin bei der Firma Itag absolviert. Während dieser Zeit hat sie auch ein Jahr lang in der Lehrwerkstatt gearbeitet. Sie erinnert sich noch daran, dass Seilwinden und Zubehör für die Erdölindustrie wie Fittiche und Flanschen hergestellt wurden.

Gerhard Urbschat (Jahrgang 1956) ist in dieser Ecke aufgewachsen, denn sein Elternhaus steht an der Itagstraße 19. Früher hieß diese Straße Güterbahnhofstraße. „Wir haben früher die Pferde der Fuhrwerke von Könnecke beschlagen. Die haben die Kabneltrommeln nach Bostel zum Umspannwerk transportiert. Und ich höre noch, wie das immer auf dem Kopfsteinpflaster der Güterbahnhofstraße gerumpelt hat“, erzählt Urbschat.

Seit 20 Jahren wohnt er nicht mehr hier in Neuenhäusen, arbeitet aber noch in der benachbarten Werkstatt. Er und sein Team reparieren Lkw. „Das Itag-Gelände war für uns Jungs uninteressant, ich weiß nur, wie ich aus meinem Dachfenster schwarzen Arbeitern zugewunken habe, die mir aus ihren Unterkünften zurückgewunken haben. Wir Kinder haben uns viel lieber auf der Gaswerkswiese getummelt und uns aus Weidenzweigen Flitzebögen gebaut. Auch sind wir mal verbotenerweise mit einer Draisine auf dem Gleis bis zum Bahnhof gefahren“, erinnert sich Urbschat. Etwa 1962 seien die Pappeln entlang der Itagstraße gefällt worden, was er bedauert hat.

Rita Fochtler (Jahrgang 1947) hat von ihrem 3. bis zu ihrem 13. Lebensjahr in dem Gebäude Kronestraße 22/23 gewohnt. Im Untergeschoss und in den Garagen waren Pkw und Lkw des Lebensmittel-Großhandelsunternehmen Edeka untergestellt. Im ersten und zweiten Stock lagen die Wohnungen einiger Edeka-Angestellter. Auf dem großen Hof wusch man sonnabends die Lastwagen. „Es waren immer viele Kinder da, um auf dem großen Hof Rollschuh zu laufen“, sagt Rita Fochtler, die damals noch Sonemann hieß: „Vom nahe gelegenen Sägewerk des Holzhofs kamen oft Sägegeräusche herüber und den Duft von den Sägespänen habe ich heute noch in der Nase.“ Gegenüber vom Güterbahnhof gab es einen Schrotthändler. Rita und ihr schon verstorbener Bruder Rolf (Jahrgang 1949) haben häufig Metallwaren zusammengesammelt, um ein wenig Geld zu bekommen. „Aber einmal gab es Ärger, weil wir mit einer Weiche vom Güterbahnhof ankamen“, sagt Rita Fochtler und schmunzelt.

Links auf dem alten Luftbild hat Peter T. Harling (Jahrgang 1966) den ehemaligen Firmensitz der „Harling Mineralöle“ mit unterirdischem Tanklager und Abfüllbühne für Tankwagen identifiziert. Dieses Unternehmen hatte sein Großvater Paul gegründet. „Vom Güterbahnhof aus wurde das Tanklager über Kesselwagen beliefert und versorgte die Region mit Heiz- und Mineralölen sowie mit Schmierstoffen. Neben der Landwirtschaft versorgte Harling (als BP-Händler) zudem die englischen Kasernen mit dem dazu gehörigen Fuhrpark mit Heizöl, Diesel und Benzin“, erläutert Harling: „In der Mitte des Bildes befand sich die Bäckerei-Einkaufsgenossenschaft (Eigentum der Edeka), dem heutigen Hauptsitz der Firma Harling Mineralöle GmbH & Co. KG. Oben rechts im Bild befand sich die Schlosserei/Schmiede Hasselmann, später Wilhelm Föge. Ende der 80er erwarb Harling die Schmiede“, sagt Harling.

Waldemar Michalczyk (Jahrgang 1936) hat 1960 bei Harling begonnen. Zunächst hatte er im Außendienst gearbeitet und Kunden beraten sowie Mineralölprodukte verkauft. Als nach etwa zehn Jahren die „Harling Tankschutz und Anlagenbau GmbH“ gegründet wurde, war er als deren Prokurist tätig. Warum die Vertragspartnerschaft mit der Firma BP auslief, weiß Michalczyk heute nicht mehr. Seit Jahrzehnten ist nun die Firma Aral der Harling-Partner. „Früher wurden wir noch mit Kesselwagen über die Bundesbahn beliefert, heute läuft alles über die Straße“, sagt Michalczyk.

Andreas Babel Autor: Andreas Babel, am 26.11.2015 um 13:13 Uhr
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