Deutsche Erstaufführung von „Die Vögel“ am Celler Schlosstheater

Unheimlich, spannend und klaustrophobisch – Conor McPhersons „Die Vögel“ ist auf der Turmbühne des Celler Schlosstheaters zu sehen. Das Stück mit Christina Rohde (oben) und Christian Meyer hat Dramaturg Evangelos Tzavaras inszeniert. Foto: Jochen Quast

Es muss nicht immer Hitchcock sein: Das Schlosstheater brachte am Wochenende Conor McPhersons Psycho-Drama „Die Vögel“ zur Deutschen Erstaufführung.

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CELLE. Die Turmbühne ist kaum wiederzuerkennen: Merkwürdige Plattenelemente hängen tiefergelegt unter der Decke, eine Leiter führt steil über die vorderen Publikumsreihen hinweg. Kurz, was Ausstatter Wesko Rohde da aufgefahren hat, verstärkt einen ziemlich klaustrophobischen Eindruck in der ohnehin schon nicht besonders geräumigen Spielstätte. Und passt somit wunderbar zu Conor McPhersons Stück „Die Vögel“.

Hier finden sich Menschen auf engstem Raum zusammen, die normalerweise wohl kaum den gegenseitigen Kontakt gesucht hätten. Nur ist eben nichts mehr normal in dieser Welt, in der die Vögel kollektiv durchgedreht sind: Alles, was Flügel, Krallen und Schnäbel hat, scheint sich ohne ersichtlichen Grund zum Angriff auf die Menschheit verschworen zu haben. Mit Müh und Not haben sich die Schriftstellerin Diane und Nat, ein eher simples und psychisch etwas instabiles Gemüt, in ein Haus gerettet, wo sie den Dauerattacken der Flattertiere zu trotzen versuchen. Nachdem die beiden ungleichen Charaktere einigermaßen gelernt haben, miteinander auszukommen, wird die Balance wieder gekippt, als die jüngere Julia als neue Hausbewohnerin eintrifft. Und es erweist sich, dass Bedrohungen keinesfalls nur auf die Menschen einwirken, sondern auch von ihnen ausgehen können.

Ein Psycho-Thriller also, den Regisseur Evangelos Tzavaras klugerweise nicht gar zu sehr ausstellt: Plumpe Schockeffekte bleiben aus, und die Einspielungen der Vogelgeräusche könnten sogar fast noch etwas präsenter sein. Jedenfalls konzentriert sich hier alles auf die Beziehungen zwischen den Figuren – durchaus brüchige Beziehungen, wie sich herausstellt. Ist hier nicht jedem und jeder alles zuzutrauen? Wie wird es sich äußern, wenn die sogenannte Zivilisation außer Kraft gesetzt ist und die dunklen Seiten des Charakters die Oberhand gewinnen können?

Ein ganz großer Pluspunkt der Aufführung ist der Sprachduktus. Das klingt über weite Strecken sehr selbstverständlich, was gerade vor dem Hintergrund des jederzeit möglichen Zusammenbruchs aller Selbstverständlichkeit eine um so größere Wirkung entfaltet. Natürlich braucht man dafür Hauptdarsteller, die genau diese so schwierige Einfachheit vermitteln können – Christian Meyer als Nat schafft das durchweg, Christina Rohde in der Rolle der Diane mit wenigen Ausnahmen. Sehr stark.

Exaltierter, wenngleich in Maßen, gebärdet sich da schon Sibille Helfenberger als Julia, und auch das ergibt Sinn, weil diese Figur nicht zuletzt als Störenfried und Katalysator fungiert. Wirklich theatral ist vor allem, was Thomas B. Hoffmann bei seinem Kurzauftritt als wunderlicher Nachbar Tierney abzieht, wodurch sich eine zusätzliche, leicht surreal angehauchte Dimension eröffnet und das Spektrum zwischen Schein und Sein erweitert.

Eine über weite Strecken sehr sauber gebaute Inszenierung, für die der Besucher ein bisschen Geduld mitbringen sollte. Interessenten müssen allerdings offenbar auf Restkarten vertrauen – im Internetauftritt des Schlosstheaters prangt jedenfalls zurzeit hinter allen künftigen Vorstellungen das Label „ausverkauft“.
Jörg Worat Autor: Jörg Worat, am 11.05.2014 um 20:38 Uhr
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