Generalmobilmachung auch in Celle

Solche Postkarten wurden verschickt, um dem Wunsch auf ein baldiges Wiedersehen in der Heimat Ausdruck zu verleihen. Kleines Foto: Das dritte Bataillon der 77er unter Hauptmann Bode zieht am 7. August mittags unter Glockengeläut und Jubel zum Celler Bahnhof. Foto: Antiquariat Cellensia

Die Mobilmachung versetzt die Garnison-Stadt Celle in große Betriebsamkeit. In den Kirchen und der Synagoge wird um göttlichen Beistand für die „gerechte Sache“ gebetet und alle Wünsche sind bei den Soldaten auf ihrem Weg an die Front. Ein patriotischer Geist greift um sich und scheint das Volk zu vereinen. Der Streik im Baugewerbe wird sofort beendet.

BILDER »
Weitere Bilder finden Sie in der Bildergalerie

Als am Abend des 1. August 1914 der Aufruf zur Mobilmachung bekanntgemacht wird, ergreift die Bevölkerung eine große Unruhe und Betriebsamkeit. Vor den Aushängen sammeln sich die Menschen und versuchen mehr zu erfahren. Nahezu alle wehrfähigen Männer vom vollendeten 17. bis zum 45. Lebensjahr werden zu den Waffen gerufen.

Panik kommt nicht auf. Viele Celler scheinen die nun auf Hochtouren laufende Kriegsvorbereitung eher als befreiend wahrzunehmen. Ein patriotischer und nationaler Geist greift um sich. Für die meisten besteht kein Zweifel, dass sich das Reich verteidigen muss, dass es von seinen Feinden angegriffen wird und der Konflikt dem Deutschen Reich von außen aufgezwungen wurde.

Die Nachricht der Mobilmachung wird sofort auch in alle Dörfer übermittelt. In Hohne verliest der Lehrer und Küster Heinrich Kohrs den Befehl vor der neu errichteten Himmelfahrtskirche. In der Schulchronik vermerkt er über die Reaktionen der Hohner: „Man hörte keine leichtfertigen Reden, als wenn der Krieg nur ein Kinderspiel, ein Spaziergang wäre, man merkte kein mutloses Verzagtsein, hörte kein lautes Jammern und Klagen über die an Gut und Blut zu bringenden Opfer, aber auch keinen lauten Jubel.“

In der Garnison-Stadt Celle ist mehr Euphorie zu spüren. Ein Konzert in der Städtischen Union am 2. August beendet das Publikum mit dem spontanen Absingen der Kaiserhymne „Heil Dir im Siegerkranz“, bevor sich alle unter Jubelrufen auf den Kaiser zerstreuen.

In den Kirchen der Stadt wird in diesen Tagen in Predigten Zuversicht vermittelt und göttliche Unterstützung für den Kampf für eine „gerechte Sache“ beschworen. Der Ruf dieser Tage heißt: „Mit Gott für Kaiser und Reich“. Auch die Celler Juden stehen nicht zurück. Der Prediger und Religionslehrer Abraham Jaffé ruft anlässlich einer Feier in der Synagoge vor versammelter Gemeinde alle hier stationierten jüdischen Soldaten auf: „mutig in den Kampf zu ziehen, vertrauend auf Gottes Hilfe, zu kämpfen für die Macht und das Ansehen des deutschen Volkes und den Ruhm und die Ehre ihres erhabenen Kaisers“.

Der Kriegsausbruch hat eine vereinende Wirkung auf die Nation. Die großen Standesunterschiede im preußischen Staatsapparat scheinen zu verschwimmen. Selbst die überwiegende Mehrheit der Sozialdemokraten und Gewerkschaftler schwenkt auf den Kurs des Kaisers ein. Im Reichstag stimmt die Fraktion der SPD den Kriegskrediten zu, nachdem lange versucht wurde, die Reichsregierung dazu zu bringen, den Verbündeten zur Mäßigung anzuhalten.

Der Kaiser ruft mit den Worten „Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr; wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder“ den sogenannten Burgfrieden aus. Die inneren Konflikte und Streitigkeiten sollen enden und das Volk in dieser schweren Zeit vereint zusammenstehen.

Auch Celler Sozialdemokraten und Gewerkschaftler folgen diesem Ruf. Ein seit Wochen herrschender Streik im Baugewerbe, es ging Maurern und Zimmerleuten um eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 60 auf 59 Stunden, wird sofort beendet.

Unter dem Geläut der Stadtkirche und dem Jubel der Bevölkerung wird am 7. August mittags das III. Bataillon der 77er auf der Stechbahn verabschiedet. Oberbürgermeister Denicke gibt dem Kommandeur Bode folgende Abschiedsworte mit auf den Weg: „Dem Befehle des Kaisers folgend wird Ihr Bataillon unsere Stadt verlassen, um gegen den Feind zu ziehen. Wenn schon unser aller Gedanken, Wünsche und Hoffnungen bei der Armee im Feld weilen, wie viel mehr begleiten sie noch unsere 77er, mit denen wir durch ein 43jähriges Zusammenleben aufs engste verbunden sind. Nehmen Sie die Versicherung treuester Anhänglichkeit der ganzen Einwohnerschaft mit sich. Das Regiment, dessen sind wir gewiß, wird sich seiner großen Vergangenheit aus den Freiheitskriegen, aus 1866 und 1870 allenthalben würdig zeigen.“

Die Siegeszuversicht ist groß und die meisten glauben an einen schnellen Sieg. „Bis Weihnachten sind wir wieder zu Hause“ ist das vielzitierte Motto.

Florian Friedrich Autor: Florian Friedrich, am 01.08.2014 um 15:53 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Celler lassen Haare für den guten Zweck

Das lauwarme Wasser sprudelt aus der Brause und vorsichtig wird das Shampoo in die Haare massiert. Ein kurzes Wohlfühlprogramm, in dessen Genuss die Kunden am Montag im Friseursalon „Haar-lekin“ gekommen sind – obwohl der Laden eigentlich an diesem Tag immer geschlossen ist. „Wir waren uns… ...mehr

14:2 Torschüsse, 1:1 Tore: Frankfurt hadert

Frankfurt/Main (dpa) - So sauer hat man Niko Kovac selten erlebt. «Ich bin maßlos verärgert. Ich bin richtig stinkig», sagte der Trainer von Eintracht Frankfurt nach dem 1:1 (1:0) gegen den SC Freiburg im ersten Spiel des neuen Bundesliga-Jahres. ...mehr

Landkreis Celle investiert 10,4 Millionen Euro in Schulen

Der Landkreis Celle investiert in diesem Jahr weiter in die Schulen. "Wir werden etwa 10,4 Millionen Euro in die Sanierung und den Ausbau der weiterführenden Schule stecken", sagte Landrat Klaus Wiswe. "Diese Investitionen sind wichtig, damit unsere Kinder gute Voraussetzungen haben, um zu lernen".… ...mehr

Grausiger Fund auf Parkplatz: Sieben tote Welpen entdeckt

So hatte sich Marco Hellmann seine Mittagspause wohl nicht vorgestellt. Auf einem Parkplatz im Raum Eschede machte der Landwirt am Mittwoch, 3. Januar, einen schrecklichen Fund. Er entdeckte gegen 12.15 Uhr sieben tote Mischlings-Hundewelpen. ...mehr

Reise von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück

Ein Überlebender des KZ Bergen-Belsen besucht die Stationen seiner Verfolgung im Nationalsozialismus und seines Lebens unter kommunistischer Diktatur. Der aus einer jüdischen Familie stammende Peter Lantos wird 1944 als kleiner Junge zusammen mit seinen Eltern aus einem ungarischen Provinzstädtchen… ...mehr

Hundewelpen in Eschede getötet

Sieben Welpen sind tot auf einem Parkplatz im Raum Eschede gefunden worden. Die Polizei Lachendorf hat die Ermittlungen aufgenommen. ...mehr

Celler Feuerwehr rettet Frau aus Lebensgefahr

Mehr als 130 Einsatzkräfte bekämpfen Dachstuhlbrand: Dicke Rauchschwaden legen sich über die Heese – bis zur Bahnstrecke zieht sich dieser dunkle Teppich durch den Stadtteil. ...mehr

Hausbrand an Hüttenstraße: Gelagertes Kaminholz in Brand gesetzt

Dank des schnellen Einsatzes der Feuerwehr entstand beim Hausbrand an der Hüttenstraße nur ein Sachschaden in Höhe von 30.000 Euro. Nun ermittelt die Polizei wegen vorsätzlicher Brandstiftung und sucht Zeugen. War in Klein Hehlen ein Serientäter unterwegs? ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
19.01.2018

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Peiffer bei Olympia-Generalprobe Sprint-Dritter - Bö siegt

Antholz (dpa) - Nach seinem ersten Podestplatz im Olympia-Winter war Arnd Peiffer ein wenig von sich…   ...mehr

Große Werkschau für Baselitz in Basel

Basel (dpa) - Zu seinem 80. Geburtstag würdigt die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel den deutschen…   ...mehr

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern ist schwanger

Wellington (dpa) - Die jüngste Regierungschefin der internationalen Politik erwartet Nachwuchs: Neuseelands…   ...mehr

Drohender «Shutdown»: Trump kritisiert Demokraten

Washington (dpa) - Wenige Stunden vor dem Ablauf einer entscheidenden Frist hat sich der Streit um einen…   ...mehr

Abgang renommierter NRW-Steuerfahnder sorgt für Empörung

Düsseldorf (dpa) - Der Abgang bundesweit renommierter Steuerfahnder in Wuppertal sorgt für Spekulationen…   ...mehr

Svindal gewinnt Super-G von Kitzbühel

Kitzbühel (dpa) - Den Jubel der Zuschauer für seinen dritten Sieg in Kitzbühel holte sich Aksel…   ...mehr

AfD erzwingt Abbruch von Bundestagssitzung

Berlin (dpa) - Die AfD hat den Abbruch einer Bundestagssitzung erzwungen. Das Parlament musste seine…   ...mehr

Wieder Wirbel um Aubameyang: BVB streicht Gabuner erneut

Berlin (dpa) - Er ist nicht dabei, und dennoch dreht sich bei Borussia Dortmund wieder einmal alles…   ...mehr

Nur ein Sieg zählt: DHB-Team gegen Tschechien unter Druck

Varazdin (dpa) - Es geht jetzt nur noch ums Gewinnen. Gelingt den deutschen Handballern am Freitagabend…   ...mehr

Türkei hält an Operation gegen Kurden-Miliz in Syrien fest

Istanbul (dpa) - Trotz gegenteiliger Appelle der USA hält die Türkei an ihren Plänen für eine Offensive…   ...mehr
SPOT(T) »

Kapselitis

Genuss aus der Dose. Oder aus dem Döschen. Also aus der Kapsel. Der ist ja… ...mehr

Backup

Es ist immer gut, ein Backup zu haben, dachte ich mir zehn Jahre lang und kopierte… ...mehr

Fortschritt

„Das ist doch nicht dein Ernst“, sagt mein bester Freund Maxi. Sein Blick… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG