Celler Politik will Massaker untersuchen

Fällt in Celle wieder ein Straßenname? Das 77er-Regiment soll im Ersten Weltkrieg an einem schweren Kriegsverbrechen in Belgien beteiligt gewesen sein. Foto: Benjamin Westhoff

Das Massaker des Celler 77er-Regiments an belgischen Zivilisten im Ersten Weltkrieg beschäftigt die Politik. Die Ratsfraktionen wollen die Ereignisse vor 100 Jahren näher untersuchen lassen.

CELLE. "In Tamines war noch ein Strafgericht zu vollziehen. In den Morgenstunden verhaftete Zivilisten harrten in der Kirche noch der Aburteilung durch das Standgericht. Der Spruch lautete auf Tod. Die feigen Attentäter wurden aufgestellt, drei Salven krachten und alles war vorbei." Auf diesen paar Zeilen wird im Regimentsbuch der 77er das Massaker in der belgischen Stadt Tamines abgehandelt, an dem am 22. August 1914 maßgeblich die Soldaten des in Celle stationierten Regiments beteiligt gewesen sein sollen. 100 Jahre später macht sich die Celler Politik jetzt Gedanken darüber, wie sie mit dem Vorfall umgehen soll. Eine Option: Die nach dem Infanterieregiment benannte Straße könnte einen neuen Namen erhalten.

Das Regimentsbuch stammt aus der Feder von Oberleutnant Helmut Viereck. Es wurde 1934 veröffentlicht, Viereck bediente sich dabei aus Berichten und Tagebüchern seiner Kameraden. Viereck selbst war Kompanieführer der 3. Maschinengewehrkompanie des Infanterieregiments 77. Allerdings war er bei der Hinrichtung der Zivilisten nicht dabei, kämpfte erst von 1916 bis 1918 im Ersten Weltkrieg bei den 77ern. Der dürftige Eintrag ist Beleg für den Vorfall an sich und die damalige Bewertung ("feige Attentäter"). Ergänzt durch andere Quellen ergibt sich nach bisherigem Stand der Dinge folgender Ablauf der Geschehnisse.

Die 77er hatten beim Kampf um den belgischen Ort Tamines am 22. August 1914 schwere Verluste erlitten. Nach den Schilderungen sollen auch Zivilisten aus den Häusern auf die deutschen Soldaten geschossen haben. Die Gebäude werden in Brand gesteckt, die zivilen Kämpfer erschossen oder aus den Häusern geworfen. Nach Einnahme der Stadt werden am Abend etwa 400 bis 450 Männer vor der Kirche zusammengetrieben und zusammengeschossen. Etwa 384 Belgier sterben. Noch heute erinnert ein Denkmal an die Bluttat in Tamines, das heute Sambreville heißt.

In der Politik ist man sich einig: "Wir müssen der Sache auf den Grund gehen", so der Tenor der Aussagen von Celler Lokalpolitikern. Bernd Zobel, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat, möchte nach der Sommerpause ein gemeinsames Vorgehen aller Fraktionsvorsitzenden auf den Weg bringen. Die Idee: Ein Historiker soll den Vorfall in Tamines eingehend untersuchen. Dann soll die Politik entscheiden, ob es Konsequenzen gibt. "Die Geschichte holt einen immer ein. Wenn sich die Dinge wirklich so abgespielt haben, muss man darüber nachdenken, den Straßennamen zu ändern", sagt Joachim Falkenhagen, Fraktionsvorsitzender der FDP.

Zustimmung erhält Falkenhagen von Zobel. "Für Kriegsverbrechen gibt es keine moralische Verjährung, das gilt vor allem auch für Vergehen gegen die Zivilbevölkerung", meint Zobel, der zum jetzigen Zeitpunkt keine Option möglicher Konsequenzen ausschließen will.

Für eine differenzierte Betrachtung tritt Heiko Gevers, Fraktionsvorsitzender der CDU, ein. Die anfängliche Tötung der Zivilisten, die auf die deutschen Soldaten geschossen haben sollen, bewertet Gevers anders, als die spätere Hinrichtung. "Ich kann verstehen, dass die Soldaten diese Kämpfer als Freischärler betrachtet haben", so Gevers. Und in der Tat galten auch in der damals geltenden Haager Landkriegsordung kämpfende Zivilisten als Partisanen, die nicht nur im Kampf getötet, sondern auch hingerichtet werden durften. "Das rechtfertigt allerdings nicht die anschließenden Grausamkeiten, bei denen belgische Männer zusammengetrieben und erschossen worden sein sollen", so Gevers, der auch Licht ins Dunkel der damaligen Geschehnisse bringen möchte.

Schwierigkeiten hat Gevers damit, den Vorfall dem gesamten 77er-Regiment in seiner Historie anzulasten. "Man muss sich fragen, ob das ganze Regiment dadurch etwas ist, auf das man sich in der Geschichte nicht mehr beziehen kann." Dann könne man sich auch fragen, ob überhaupt Erinnerungen an Schlachten erhalten werden sollten. "Wenn man so weit geht, wird auch die Geschichte eines Volkes gestrichten", meint Gevers.

Gunther Meinrenken Autor: Gunther Meinrenken, am 26.08.2014 um 13:37 Uhr
Druckansicht

LESER-FEEDBACK »
Keine Kommentare vorhanden
WEITERE THEMEN »

Winser Schüler sind "bunt wie Konfetti"

Mobbing ist ein großes Problem, vor allem an Schulen. Viele Jugendliche leiden im Stillen. Freunde, Eltern und Lehrer sind oft hilflos. Was kann man machen, um Mobbing-Opfern zu helfen oder Mobbing gar zu verhindern? Aufeinander eingehen, nicht ausgrenzen, fair miteinander umgehen – so erreicht man… ...mehr

Rizin-Fund: «Sehr wahrscheinlich» Terroranschlag vereitelt

Köln (dpa) - Drei Tage nach Sicherstellung des Bio-Giftes Rizin in einer Kölner Hochhauswohnung haben Ermittler bei einer neuen Durchsuchung offenbar keine weiteren brisanten Funde gemacht. ...mehr

Kinder sollen besser vor Dickmacher-Werbung geschützt werden

Saarbrücken (dpa) - Fast Food, Limonaden, Süßwaren: Die Bundesländer wollen Kinder und Jugendliche besser vor gezielter Werbung für Dickmacher schützen. Das haben die Verbraucherschutzminister der Länder in Saarbrücken beschlossen. ...mehr

Tunesier soll Bio-Waffen hergestellt haben

Köln (dpa) - Der in Köln gefasste 29-Jährige soll bereits seit mehreren Wochen biologische Waffen in seiner Wohnung hergestellt haben und bei der Produktion seines tödlichen Gifts weit fortgeschritten sein. ...mehr

Substanz in Kölner Hochhaus enthielt hochgiftiges Rizin

Köln (dpa) - Nach dem Fund von hochgiftigem Rizin in einer Kölner Hochhaus-Wohnung hat der Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen den 29-jährigen Wohnungsinhaber erlassen. Es bestehe der dringende Verdacht des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, sagte ein Sprecher des Generalbundesanwaltes. ...mehr

Gesundheitsfest des Kreissportbundes im Französischen Garten

Trotz Freibadwetter fanden am vergangenen Freitag mehr als 100 weiteren Kinder ihren Weg zum Französischen Garten in Celle. Bei Temperaturen von fast 30 Grad standen Sport, Spiel und Spaß an diesem Nachmittag im Vordergrund. In Kooperation mit der Stadt Celle richtete der Kreissportbund (KSB) erstmalig… ...mehr

Samuel Koch in Hermannsburg: "Weiter wach und neugierig sein"

Leistungsturnen, zwölf Trainingseinheiten in der Woche, Abitur, Wehrdienst, Schauspiel­studium: Samuel Koch führt ein im wahrsten Sinne des Wortes bewegtes Leben – bis sein Unfall im Dezem­ber 2010 in der Fern­sehshow „Wetten, dass ..?“ alles von einer Sekunde auf die andere verändert.… ...mehr

Rekordverdächtige Ernte im Celler Land: Erdbeeren so billig wie lange nicht

Auf den Feldern im Celler Land herrscht Alarmstufe Rot: Die Erdbeersaison ist so früh und schnell gestartet wie lange nicht mehr. „Die Bestände sind im Mai sehr schnell gereift und jetzt kommt alles zugleich“, sagt Ralf Lienau vom Erdbeer- und Spargelhof Lienau aus Nienhagen. ...mehr

Anzeige
E-PAPER »
21.06.2018

Cellesche Zeitung

Die vollständige Ausgabe der CZ in digitaler Form mit Blätterfunktion.

» Anmelden und E-Paper lesen

» Jetzt neu registrieren

THEMENWELT »
AKTUELLES »

Argentinien vor dem WM-Aus - Kroatien siegt 3:0

Nischni Nowgorod (dpa) - Lionel Messi schlich mit versteinerter Miene als erster vom Platz und hätte…   ...mehr

Melania Trump besucht Flüchtlingskinder

Washington (dpa) - Einen Tag nach der Kehrtwende ihres Mannes im Streit um die Trennung von Zuwanderer-Familien…   ...mehr

Mbappé schießt Frankreich ins Achtelfinale - 1:0 gegen Peru

Jekaterinburg (dpa) - Dick eingepackt in einer Trainingsjacke fieberte Kylian Mbappé dem Schlusspfiff…   ...mehr

EU-Staaten beraten über Asyl: CSU warnt vor Scheckbuch-Deals

Berlin/Brüssel (dpa) - EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker will Asylbewerber sanktionieren, die…   ...mehr

Nagelsmann verlässt Hoffenheim - Ab 2019 Coach in Leipzig

Hoffenheim (dpa) - Erfolgstrainer Julian Nagelsmann hat für einen einmaligen und überraschenden Knalleffekt…   ...mehr

Merkel auf Nahostreise: Migrationspolitik im Mittelpunkt

Beirut (dpa) - Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihren zweitägigen Nahostbesuch am Donnerstagabend…   ...mehr

Türkei verweigert deutschem Wahlbeobachter die Einreise

Istanbul/Berlin (dpa) - Kurz vor der türkischen Parlaments- und Präsidentenwahl hat die Regierung…   ...mehr

Herrensäbel-Team holt Bronzemedaille

Novi Sad (dpa) - Deutschlands Säbelfechter haben das EM-Finale nur um einen Treffer verpasst, sich…   ...mehr

Kohlschreiber und Mayer scheiden in Halle früh aus

Halle/Westfalen (dpa) - Tennisprofi Philipp Kohlschreiber sucht knapp zwei Wochen vor dem Start des…   ...mehr

Vettel genießt enges Titelduell: «Glaube an unser Paket»

Le Castellet (dpa) - Die Rückkehr der Formel 1 nach Frankreich weckte bei Sebastian Vettel unschöne…   ...mehr
SPOT(T) »

Gardofflsubbe

Nanu, was ist denn hier passiert? Keine Sorge, mit meiner Tastatur ist alles… ...mehr

Schlau

Sie kriegen einfach alles raus: Forscher. Zum Beispiel, dass am Herzen operierte… ...mehr

Ab in den Garten

In der Mittagspause nehme ich mir mal Zeit, um mir die Stadt anzusehen. "Bei… ...mehr

VIDEOS »
FINDE UNS BEI FACEBOOK »
Datenschutz Kontakt AGB Impressum © Cellesche Zeitung Schweiger & Pick Verlag Pfingsten GmbH & Co. KG