Historischer Rückblick: Verschärfter Kriegszustand auch in Celle

Bekanntmachung zum Beschuss von Flugzeugen durch die Bevölkerung. Foto: Cellesche Zeitung vom 17. November 1914

Der kommandierende General im zehnten Armeebezirk ruft Anfang November den verschärften Kriegszustand aus. Zur Spionageabwehr und zur Unterdrückung innerer Unruhen setzt er Grundrechte wie die Versammlungs- und Meinungsfreiheit außer Kraft. Das Verbreiten von Gerüchten wird von nun an mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft.

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CELLE. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der Erklärung des Kriegszustandes ist die Vollzugsgewalt in der Provinz Hannover an das Militär übergegangen. Auch Celler Zivilbehörden müssen den Anordnungen und Aufträgen des kommandierenden Generals im zehnten Armeekorps-Bezirk Folge leisten.

Am 2. November veröffentlicht Landrat Dietrich von Harlem eine „obrigkeitliche Bekanntmachung“. Der stellvertretende kommandierende General Wilhelm von Linde-Suden erklärt darin den „verschärften Kriegszustand“. Diese Maßnahme soll dem Militär mehr Handlungsspielraum zur Spionageabwehr geben und ermöglicht tief greifende Eingriffe in das Zivilleben. Grundlage hierfür bietet das Preußische Gesetz über den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851.

Als erstes setzt General von Linde-Suden acht Artikel der Verfassung außer Kraft. Dabei handelt es sich um Grundrechte, wie die Gewährleistung der persönlichen Freiheit und die Unverletzbarkeit der Wohnung. Haussuchungen und Festnahmen sind ab sofort ohne richterlichen Beschluss möglich. Das Recht auf einen gesetzlichen Richter wird ebenso aufgehoben, wie das Recht zur freien Meinungsäußerung und das Verbot von Zensur und Einschränkungen der Pressefreiheit.

Das Grundrecht aller Preußen, sich ohne obrigkeitliche Erlaubnis friedlich und ohne Waffen in geschlossenen Räumen zu versammeln oder sich in Gesellschaften zu vereinigen, wird ebenso gestrichen, wie der grundsätzliche Verzicht auf Standgerichte.

„Zur Unterdrückung innerer Unruhen“ ist das Militär nicht mehr an Gesetze und Anfragen der Zivilbehörden gebunden. Zahlreiche Vergehen werden nicht mehr nach den allgemeinen Strafgesetzen bestraft. Für die im Rahmen des verschärften Kriegsrechts erfolgten Anordnungen gilt: „Zuwiderhandlungen werden, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.“

Landrat von Harlem bekräftigt am 5. November in der CZ noch einmal bereits bestehende Verbote. Das vorzeitige Schlachten von Vieh, insbesondere von Sauen, das Verkaufen von Kartoffelvorräten und Pferden nach außerhalb des Armeekorpsbezirks und das Verfüttern von Brotgetreide und Mehl sind nach wie vor verboten. Über die Einhaltung wachen Guts- und Gemeindevorsteher ebenso wie die Gendarmerie.

General Wilhelm von Linde-Suden ordnet am 15. November zusätzlich an: „Jede Beförderung von verschlossenen oder unverschlossenen Briefen, Karten, Drucksachen, Zeitungen“ auf andere Weise als durch die Post ist verboten. Außerdem dürfen weder Gerüchte noch Tatsachen verbreitet werden, die geeignet sind, die Bevölkerung zu verunsichern. „Alle Versteigerungen von Häuten und Fellen jeder Art werden bis auf weiteres verboten. Wer dieses Verbot übertritt oder zu solcher Übertretung auffordert oder anreizt, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.“

Wiederholt kommt es in der Provinz Hannover vor, dass Flieger auf ihren Übungsflügen von Militär- und Zivilpersonen beschossen und mit Steinen beworfen werden. General von Linde-Suden untersagt daraufhin „das Beschießen von Flugzeugen jeglicher Art auf das Strengste“. Am 12. November warnt Landrat Dietrich von Harlem die Landkreisbewohner vor solchem Fehlverhalten und erklärt: „Feindliche Flieger und Flugzeuge sind in hiesiger Gegend nicht zu erwarten.“

Florian Friedrich Autor: Florian Friedrich, am 20.11.2014 um 18:32 Uhr
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Chronologie des Kriegsgeschehens im November 1914

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